«Schwarze Kids aus der Karibik machten sich über mich lustig»

Schauspielstar Idris Elba spricht im Interview über seine Kindheit im Londoner Stadtteil Hackney – und warum Mandela ihn an seinen Vater erinnert.

Zwischen Charakterrollen und Action-Dynamik fühlt er sich wohl: Idris Elba 2018 in London. Foto: Samir Hussein (Getty Images)

Zwischen Charakterrollen und Action-Dynamik fühlt er sich wohl: Idris Elba 2018 in London. Foto: Samir Hussein (Getty Images)

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Idris Elba ist vollkommen entspannt. Während des ganzen Interviews snackt er Nüsschen in der Sonne. Entspannter als der 46-jährige Brite, der als smarter Gangster Stringer Bell in «The Wire»berühmt wurde, kann man kaum wirken. Er hat Nelson Mandela und die Titelrolle in der finsteren BBC-Serie «Luther» gespielt. Derzeit stellt er «Hobbs & Shaw» vor, ein Spin-off der Action-Autofilm-Serie «Fast & Furious». Elba spielt Brixton, den bionisch aufgewerteten Gegner der Helden Dwayne Johnson und Jason Statham. Dass er künftig auf Actionrollen festgelegt sein wird, braucht er nicht zu befürchten – dafür hat der im Londoner Osten aufgewachsene Sohn eines Fabrikarbeiters aus Sierra Leone und einer ghanaischen Mutter viel zu viele andere Talente.

Herzlichen Glückwunsch – Sie sind offiziell der coolste Mann von Hollywood.
Wirklich? Wer sagt das?

«Vanity Fair» hat Sie dazu ernannt.
Das ist ja ein nettes Kompliment!

Damit sind Sie wahrscheinlich der Erste, der diesen Titel trägt und sich gleichzeitig als «Baum-Umarmer» geoutet hat.
Sie spielen auf die Show «Tree» beim Manchester International Festival an. Es stimmt, ich umarme manchmal Bäume. Sie sind wunderschöne, Leben spendende Organismen. Damit habe ich angefangen, als ich in Südafrika den Film «Mandela» gedreht habe. Nelson Mandela erinnerte mich sehr an meinen Vater. 2014 habe ich das Musikalbum «Mi Mandela» veröffentlicht, und in dem Song «Tree» ging es um meinen Vater. Das war dann der Ausgangspunkt für die Show, die ich mit Autor Kwame Kwei-Armah für Manchester geschrieben habe.

Nutzen Sie für Actionfilme andere darstellerische Techniken als für «Mandela» oder «Luther»?
Der Prozess bleibt eigentlich immer derselbe. Es ist mehr eine Frage der Abstufung: Wie ernst nehme ich mich in einer Rolle, und wie ernst nimmt die Figur, die ich spiele, sich selbst? Im Idealfall soll das Publikum mich als Luther oder Stringer Bell sehen und trotzdem gleichzeitig auch jemand völlig anderen. Das hat mich an der Schauspielerei immer am meisten fasziniert: Wie man in den Geist eines Menschen hineinschlüpft und sich komplett neu erfinden kann. Bei «Hobbs & Shaw» schwankt der Ton zwischen einer Art Slapstick-Komödie und Actionsequenzen mit einer extrem hohen Oktanzahl.

Muss man mit all den Kampfszenen und Explosionen den Lautstärkeregler der eigenen Schauspielerei bis zum Anschlag aufdrehen, um überhaupt durchzudringen?
Die ganze «Fast & Furious»-Serie ist berühmt für ihre Geschwindigkeit und Lautstärke. Dwayne Johnson und Jason Statham sind im Action-Genre das Nonplusultra, während solche Filme für mich nicht das tägliche Brot sind. Ich musste diesen Brixton, der sehr, sehr stark von sich selbst eingenommen ist, mit der gleichen Überzeugung spielen wie jede andere Rolle, den Zuschauern aber auch die Gelegenheit geben, ein bisschen über ihn zu lachen.

«Fast & Furious» ist für Sie schon die vierte grosse Kinoserie, in der Sie mitgespielt haben, nach den Marvel-Filmen, «Alien» und «Star Trek». Viele Schauspieler sagen, es sei nicht einfach, in der Riesenmaschine eines Franchise-Films zu arbeiten.
«Franchise» ist gerade das grosse Modewort. Immer wird gleich gefragt: «Ist diese Geschichte Teil eines grösseren Filmuniversums?» Aber so gehe ich da nicht heran. Als ich zum Beispiel Heimdall in den «Thor»-Filmen gespielt habe, musste ich mir wie immer zunächst überlegen, was für ein Typ er als Individuum ist. Ich mache diesen Job jetzt, seit ich 18 Jahre alt bin. Mittlerweile bin ich 46, und der Drehvorgang hat sich natürlich sehr verändert. Früher hat man nicht mit Tennisbällen interagiert, die Platzhalter für etwas waren, das später digital eingefügt wird. Aber ich finde diese technische Entwicklung sehr spannend.

Das Superhelden-Genre macht sich auch in anderen Filmsparten breit. Ihre Figur Brixton hat einen bionisch aufgewerteten Körper – in einer Szene sagen Sie sogar: «Ich bin der schwarze Superman!»
Diesen Spruch habe ich improvisiert. Brixton liebt es einfach, durch all diese Implantate plötzlich stärker und schneller zu sein als alle anderen. Der Regisseur David Leitch sagte zu mir: «Du musst das spielen, als sei es absolut realistisch.» Er hat selbst als Stuntkoordinator angefangen, und ich habe in diesen komplizierten Kampfszenen sehr viel von ihm gelernt.

Als DJ aufzutreten, ist so ähnlich wie Theaterarbeit, man macht jeden Abend dasselbe, die Reaktion ist immer anders.Idris Elba

Sie machen Ihre eigene Stuntshow für eine Streamingplattform, waren beim Manchester Festival, sind als Rapper beim Glastonbury Festival aufgetreten und als DJ bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle. Sieht so aus, als könnten Sie alles machen, wozu Sie Lust haben.
Es ist etwas surreal, diese Aufzählung zu hören, weil ich als Kind davon geträumt habe, genau dieser Typ zu werden. Ich habe kürzlich ein Bild von mir selbst als kleiner Bub gesehen, auf dem ich eine Schallplatte in der Hand halte, und ich dachte: Ich weiss noch genau, wie ich mich damals gefühlt habe, wenn jemand eine coole Scheibe aufgelegt hat. Dass ich das jetzt selbst vor Publikum mache, ist einfach unglaublich! Als DJ aufzutreten, ist so ähnlich wie Theaterarbeit, man macht jeden Abend dasselbe, die Reaktion ist immer anders. Ich habe vorher immer sehr viel Lampenfieber. Aber wenn man dann auf der Bühne steht, ist es das beste Gefühl der Welt.

Wenn Sie nur eine dieser Ausdrucksformen wählen könnten, für welche würden Sie sich entscheiden?
Wahrscheinlich für die Schauspielerei – dann könnte ich noch immer einen Rapper oder DJ im Film spielen.

Sie sind als Stringer Bell berühmt geworden, vor allem in den USA. Wie sehr werden Sie mit dieser Rolle identifiziert?
In Amerika noch sehr stark. Was ich da oft zu hören bekomme, ist: Ich kann nicht glauben, dass du so komplett anders bist als Stringer Bell! Viele glauben auch nicht, dass ich Brite bin. Das ist ein bisschen zwiespältig, weil es natürlich toll ist, sie mit meiner Schauspielerei komplett überzeugt zu haben. Aber ich fühle mich dann auch immer etwas seltsam, weil sie nur die Rolle sehen.

Eine andere Rolle, mit der man Sie immer wieder in Verbindung bringt, ist James Bond. Haben Sie schon einen Anruf für Probeaufnahmen bekommen?
Nein.

Kürzlich trafen Sie sich mit Julius Maada Bio, dem Präsidenten von Sierra Leone. Es heisst, Sie wollten in die touristische Infrastruktur des Landes investieren.
Ich kann da noch nicht ins Detail gehen. Aber das Treffen mit Präsident Bio war etwas Besonderes für mich. Ghana, wo meine Mutter geboren wurde, kannte ich schon. Aber obwohl mein Vater aus Sierra Leone stammt, war ich noch nie da gewesen. Dabei war Afrika auch für mich als Brite immer Teil meiner Identität. Die Erfahrungen waren da nicht nur positiv. Als ich im Londoner Stadtteil Hackney aufwuchs, stand man als Afrikaner ganz unten in der Hierarchie. Die schwarzen Kids aus der Karibik machten sich über einen lustig mit Sprüchen wie: «Da kleben Fliegen in deinem Gesicht!», und so weiter. Jetzt erlebt die afrikanische Kultur weltweit eine Neubewertung. Nach Jahrhunderten der Ausbeutung wird der Kontinent sich seines eigenen Wertes bewusst. Speziell Sierra Leone ist ein wunderschönes Land, und ich möchte helfen, sein Image in der Welt zu verbessern. Ich möchte Afrika etwas zurückgeben.

«Hobbs & Shaw» läuft ab 1. August in den Kinos.

Erstellt: 05.08.2019, 13:31 Uhr

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