Sein allerallerletzter Film

Wegen einer Augenkrankheit wollte der Regisseur Ken Loach längst aufhören. Aber die Realität kommt stets dazwischen.

Seine zunehmende Erblindung hindert ihn nicht daran, wichtige Geschichten zu verfilmen: Regisseur Ken Loach. Foto: Getty Images

Seine zunehmende Erblindung hindert ihn nicht daran, wichtige Geschichten zu verfilmen: Regisseur Ken Loach. Foto: Getty Images

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Auf einem Auge ist er ganz blind. Beim anderen lässt die Sehkraft stetig nach. «Das ist mein letzter grosser Kinofilm», betonte der britische Regisseur Ken Loach deshalb, als er 2014 sein Irland-Drama «Jimmy’s Hall» vorstellte. Zwei Jahre später drehte er «I, Daniel Blake», mit dem er die Goldene Palme von Cannes gewann. Und jetzt läuft «Sorry We Missed You» in den Schweizer Kinos. «Diese Geschichte musste einfach noch erzählt werden. Es ging nicht anders», sagt er dazu. Es klingt schon fast wie eine Entschuldigung.

Gut, die Kritiker von Ken Loach würden sagen, er betrachte die Welt seit dem Beginn seiner Karriere nur mit einem Auge. Seit 50 Jahren dreht der inzwischen 83-jährige Regisseur sozialkritische Geschichten aus der Perspektive der Minderprivilegierten. Aber er tut dies mit Gespür und beissendem Humor, weshalb Filme wie «Kes» und «Riff-Raff» um die Welt gingen (und im letzteren Fall auch einem Zürcher Kino den Namen gaben). Die Entwicklung seiner Karriere beschrieb der überzeugte Sozialist einmal so: «Wir dachten nach 1968, wir kreierten eine bessere, freiere Welt … und dann kam Margaret Thatcher. Die meisten meiner Themen sind immer noch Geschenke ihrer Regierung.»

Genauer Blick für Details

Diese Fixierung wäre längst langweilig geworden, würde Loach die Geschichten nicht der Zeit anpassen. Sein Drehbuchautor Paul Laverty hört sich lange bei den Betroffenen um, bevor er etwas zu Papier bringt.

Im neuen Film geht es um die Fahrer, die für Firmen wie Amazon die Pakete ausliefern. Sie sind dabei ihre eigenen Unternehmer, was vielleicht gut tönt, aber drastische Folgen hat: Sie müssen den Transportwagen selber stellen, Ferien- oder Krankengeld gibt es keines, der Zeitplan ist absurd, zum Pinkeln bleibt zum Beispiel kaum Zeit, weshalb die Fahrer stets eine Plastikflasche mitführen. Um eine gute Tour zu bekommen, müssten sie zwei Stunden vor Arbeitsbeginn vor dem Verteilzentrum anstehen, natürlich unbezahlt. Und wenn mal niemand zu Hause ist, gibt es diesen Zettel an die Tür, der dem Film den Titel gab: «Sorry We Missed You».

«Wir dachten nach 1968, wir kreierten eine bessere, freiere Welt … und dann kam Margaret Thatcher.»Ken Loach, Regisseur

Der Regisseur erzählt dies mit genauem Blick für Details. Im Zentrum steht eine Familie, die Frau arbeitet bis spät als Betreuerin bei Betagten. Aber am Ende des Tages bleibt, trotz all dem Krampf, kaum genug Geld fürs Überleben. Der Film ist mit Laien besetzt, Hauptdarsteller Kris Hitchen zum Beispiel arbeitete nach einer abgebrochenen Schauspielerkarriere als Handwerker, bevor er wiederentdeckt wurde.

«Mal sehen», ob ein weiterer Film folgt

Die zunehmende Erblindung des Regisseurs sei bei den Dreharbeiten sehr wohl ein Thema gewesen, erzählt Hitchen. Manchmal, wenn er unsicher gewesen sei, habe er sich überlegt, welches das blinde Auge des Regisseurs sei, und dabei gehofft, dass er nicht auffliege mit seinem Dilettantismus, wenn er auf der dunklen Seite stehe. «Genützt hat es aber nichts», sagt er, «Ken merkt alles.»

«Sorry We Missed You» ist zum besten Film des Regisseurs seit Jahren geworden. Wird er also, trotz seiner Krankheit, weitermachen? «Ich denke nicht», sagt Ken Loach. Um dann in seiner typischen Art zu ergänzen: «Mal sehen.»

Erstellt: 31.10.2019, 18:43 Uhr

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