Sex, Lügen und Frauen, die nicht mehr schweigen

Der erfolgreiche Filmproduzent Harvey Weinstein hat über Jahrzehnte sexuelle Übergriffe begangen.

«Ich versuche, mich zu bessern»: Harvey Weinstein (rechts) mit seinem Bruder Bob. Foto: Mark Von Holdern (Getty Images)

«Ich versuche, mich zu bessern»: Harvey Weinstein (rechts) mit seinem Bruder Bob. Foto: Mark Von Holdern (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Den letzten kleinen Rückhalt verlor Harvey Weinstein am Sonntagabend, als sein Bruder Bob ihm per E-Mail die fristlose Entlassung aus dem Unternehmen mitteilte, das er mitbegründet und zu einer der grössten Erfolge der Film­geschichte gemacht hatte. Zwar waren Harvey Weinsteins sexuelle Übergriffe für viele in der Filmindustrie und im Unternehmen kein Geheimnis, doch Weinstein kaufte sich mehrmals das Schweigen der Frauen. Diese Praxis hat nun auch in Hollywood ein Ende, nachdem betroffene Frauen schon früher bei Fox News und in Techfirmen solche Missbräuche aufgedeckt und die Entlassung von Topmanagern erwirkt hatten.

Der Sturz von Harvey Weinstein ist so tief wie abrupt. Die «New York Times» publizierte Ende letzter Woche einen detaillierten Bericht über seine Missbräuche und deckte auf, dass Weinstein sich das Schweigen von mindestens acht Schauspielerinnen und Angestellten erkauft hatte. Was den Artikel brisant machte, waren die Frauen, die erstmals mit ihrem Namen auftraten und so für die Wahrheit des Geschehenen einstanden. Allen voran brach Ashley Judd das Schweigen. Die Schauspielerin berichtete, wie Weinstein sie statt zu einem vereinbarten Geschäftsreffen im Beverly Hills Hotel zu sich in sein Zimmer bestellte, um eine Massage bat und wissen wollte, ob sie ihm beim Duschen zusehen wolle. «Wie entkomme ich so rasch als möglich, ohne dass ich Harvey Weinstein zu meinem Feind mache?», erinnert sich Judd an das Treffen, von dem sie sich den Einstieg ins Film­geschäft erhofft hatte.

Eine befangene Anwältin

Ähnliche Pressionen und offene sexuelle Avancen habe Weinstein über mehr als 30 Jahre hinweg gemacht, bestätigte Lauren O’Connor in einem Memo an den Verwaltungsrat. «Für Frauen herrscht in diesem Unternehmen ein verseuchtes Klima», schrieb die frühere Weinstein-Angestellte, die selber missbraucht und nach einer finanziellen Abgeltung ihre Stelle kündigte. Das Schweigen erkaufte sich Weinstein unter anderem auch von den Schauspielerinnen Ambra Battiliana und Rose McGowan.

Der Verwaltungsrat wusste seit Jahren von den Übergriffen, schritt aber nicht ein, da Weinstein versprach, sich einer Therapie zu unterziehen. Auch letzte Woche reagierte er zunächst mit Reue. Er entschuldige sich in aller Form, teilte er mit. «Ich versuche, mich zu bessern. Aber ich weiss, dass der Weg noch lang ist.» Gleichzeitig jedoch attackierte er die «New York Times» und drohte mit einer Verleumdungsklage, worauf die Hälfte des Verwaltungsrates zurücktrat.

Die Situation spitzte sich weiter zu, als Weinsteins Anwältin seine Verfehlungen zunächst zu rechtfertigen suchte. Er sei eben noch ein «Dinosaurier», der lernen müsse, sagte sie, bevor sie selber demissionieren musste, da sich herausstellte, dass sie mit ihm einen Filmvertrag für eines ihrer Bücher vereinbart hatte und somit befangen war. Auch distanzierten sich mehrere demokratische Politiker in aller Eile von früheren Geldspenden des Filmmoguls.

Das Schicksal der Weinstein Company ist damit vollständig in der Schwebe. Die Firma, die mit Filmen wie «Sex, Lies, and Videotape» und «The King’s Speech» für Aufsehen gesorgt und mehr als 60 Oscars gewonnen hatte, lebt und steht mit Harvey Weinstein. Ohne ihn werde das Geldbeschaffen schwerer fallen, meint Medienanalyst Harold Vogel. Der Skandal kommt just jetzt, da junge Konkurrenten in den letzten fünf Jahren das unabhängige Filmschaffen in Beschlag genommen haben. Netflix, Amazon und A24 haben die Weinstein-Brüder verdrängt. Erfolgreich ist auch Megan Ellison, die Tochter des Oracle-Chefs. Sie produzierte mit «American Hustle» und «Zero Dark Thirty» zwei starke Filme, wie sie vor 20 Jahren die Weinsteins machten. Ellison war eine der Frauen in Hollywood, die Klartext sprach. «Frauen müssen mit gravierenden Nachteilen rechnen, wenn sie ihre Erfahrungen teilen. Ich bewundere den Mut dieser Frauen», schrieb sie mit Verweis auf den Artikel der «New York Times».

Meryl Streep teilte die Empörung, widersprach aber der Meinung, wonach das Gebaren von Harvey ein offenes Geheimnis gewesen sei. «Ich habe nichts von den Abfindungen gewusst.» Wenn die Verfehlungen schon lange bekannt gewesen wären, schrieb sie, hätten die Medien sie sicher auch früher publiziert. Tatsache ist aber, dass mehrere Publikationen den Fall recherchiert hatten und aufdecken wollten, aber immer an der Schweigemauer der Opfer scheiterten. «Es war extrem still», bestätigt Claudia Eller, Herausgeberin des «Variety»-Magazins. «Hollywood hat die Seinen immer geschützt.»

Erstellt: 09.10.2017, 23:09 Uhr

Artikel zum Thema

Starproduzent Harvey Weinstein nach Sex-Vorwürfen gefeuert

Von seiner eigenen Firma entlassen: Die Produktionsfirma von Oscar-Gewinner Harvey Weinstein trennt sich von ihm. Es soll neue Informationen geben. Mehr...

Jahrelang Frauen sexuell belästigt: Harvey Weinstein in der Kritik

Video Der US-Starproduzent entschuldigt sich und nimmt eine Auszeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Gross-Demo: Mit Schutzmaske und Schwimmbrille schützt sich ein Demonstrant vor einem Tränengas-Angriff der Polizei in Hong Kong am Sonntagabend. (21. Juli 2019)
(Bild: Getty Images / Ivan Abreu) Mehr...