Sexkino-Chef wider Willen

Er suchte ein Lager für seine Schläuche und Armaturen – und bekam das «Fortuna». Besuch im letzten Wiener Schmuddelkino.

Vor gut einhundert Jahren wurde es als ganz gewöhnliches Vorstadtkino eröffnet, heute ist es eines der weltweit letzten seiner Art: Das Pornokino Fortuna in Wien. Die Tageskarte gibt es für 10.50 Euro. Foto: Martin Zips

Vor gut einhundert Jahren wurde es als ganz gewöhnliches Vorstadtkino eröffnet, heute ist es eines der weltweit letzten seiner Art: Das Pornokino Fortuna in Wien. Die Tageskarte gibt es für 10.50 Euro. Foto: Martin Zips

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Nasenbluten, ausgerechnet jetzt. «Brauchen Sie Hilfe?», fragt der Polizist vor dem Erotikkino an der Ecke. Und weil er freundlich ist, reicht er einem sofort ein Papiertaschentuch. «Wissen Sie, hier, im zehnten Bezirk gehts ziemlich zu. Da ist Nasenbluten noch das geringste Problem.» Und tatsächlich: In der Gellertgasse, mitten in Wien-Favoriten, da hat gerade der Pudel einer Serbin den Dackel eines Österreichers totgebissen. Also, das erzählt man sich hier zumindest. Vielleicht war es aber auch der Dackel einer Österreicherin, der den Pudel eines Serben totgebissen hat.

Eine halbe Stunde und vier Taschentücher später sitzt man endlich drin, in Wiens letztem wahrhaften Erotikkino, dem Fortuna. Besser gesagt: im samtroten Foyer, auf einem schwarzen Ledersessel. Neben Mario. Mario, das ist der Kinobetreiber. Ein bärtiger, muskulöser Typ, der hauptberuflich als Bewässerungstechniker arbeitet. Vor sechs Jahren hatte sich Mario für den Keller unter dem Kinosaal interessiert. Weil er ein Lager für all seine Wasserschläuche, Pumpen, Ventile und Armaturen brauchte. Doch den Keller gabs nur im Doppelpack mit dem Kino. So wurde Mario («Privat schau ich mir so was nicht an»), 41 Jahre alt und Vater einer Tochter, zum Pornokino-Chef. Schicksal, könnte man sagen, da auch Schicksalsgöttin Fortuna ja immer alles Mögliche aus ihrem Füllhorn gegossen hat, mit dem der Mensch dann fertig werden musste.

Chef wider Willen

Gegenüber der Musikbox, gleich neben der Herrentoilette, lauscht gerade Bardame Anita der sehr privaten Trennungsgeschichte eines nicht mehr ganz so jungen Mannes. Sie tut das mit viel Geduld, geringen Deutschkenntnissen und – vorerst noch – umsonst. Das kann sich aber ändern, falls Anita später den Herrn in den Kinosaal begleiten darf.

Voyeuristische Kinematografie, die gibt es, seit es Kinos gibt. Doch Pornografie war lange verboten, erst über die Aufklärungs- und Soft-Sex-Filme der 1960er schafften es nackte Ganzkörper legal auf die Leinwand. Ende der Sechziger dann entstanden im Rahmen der sogenannten «sexuellen Revolution» erste Pornokinos in Dänemark, ab Mitte der Siebziger auch im deutschsprachigen Raum. Wo das Fernsehen (und später der Videorekorder) Lichtspielhäusern den Garaus machte, zogen immer wieder neue «Schmuddelkinos» ein. Immerhin: Den Jugendschutz nahmen sie meist ernst. Als kürzlich das letzte Pariser Erotikkino, das Beverly, schloss, sagte sein Betreiber Maurice Laroche: «Dies war einmal ein Ort, wo man sicher sein konnte, dass kein Minderjähriger einen Porno sehen würde.» Im Smartphone-Zeitalter ist das anders.

Eröffnet wurde das Wiener Fortuna vor gut einhundert Jahren – als ganz gewöhnliches Vorstadtkino. Sechs Jahrzehnte wechselten sich hier Komödien und Tragödien ab, Western und Heimatfilme, mit und ohne Ton, in Farbe und Schwarzweiss. 1977 wurde das Fortuna erotisch umgewidmet. «In seiner Grösse und mit seiner Originaleinrichtung aus den Siebzigern ist das Kino eines der weltweit letzten seiner Art», sagt Mario. Klar, da und dort mag es auch noch andere Sex-Kinos geben. Aber die sind meist deutlich kleiner und fast immer Teil einer, nun ja, Erlebniswelt. Hier der Club, da der Shop, da das Bordell. Das Fortuna blieb über die Jahre immer nur: das Fortuna.

Nur Zufall? Der U-Bahnhof gleich neben dem Kino Fortuna heisst Troststrasse.

Einmal, da ist Kinobetreiber Mario richtig sauer geworden. Da hat er im Bezirksamt von Wien-Favoriten um eine finanzielle Förderung gebeten. Schliesslich, so hatte er argumentiert, sei sein Kino schon bedeutsam fürs Viertel. Aber auf der Behörde habe man nur geantwortet: «So eine Spelunke unterstützen wir nicht!» «Spelunke», wiederholt Mario jetzt bei der sechsten Zigarette. Aus einem anderen, ebenfalls noch gut erhaltenen Wiener Vorstadtkino hätten die Besitzer jüngst die komplette Inneneinrichtung herausgerissen und eine Bar draus gemacht, so der Bewässerungstechniker. «Als die Bar dann wegen Unrentabilität wieder schliessen musste, da war mal wieder ein Stück Stadtgeschichte ausgelöscht.» Da schüttelt auch Fortuna-Kartenverkäuferin Elisabeth, eine grosse Frau mit üppigem Ohrenschmuck, den Kopf.

Vor der Rente, erzählt Elisabeth, da habe sie noch als Mann gelebt und in der Logistikbranche gearbeitet. Aber jetzt trage sie am liebsten lange Kleider und hohe Stöckelschuhe. Als Mario sie gefragt habe, ob sie nicht bei ihm arbeiten möchte, habe sie nur kurz gezögert: «Ich machte mir Sorgen, dass ich an der Kassa vielleicht den ein oder anderen abschrecke.» Dem war aber nicht so. Pro Tag lösen bei ihr 10 bis 20 Leute «im Alter zwischen 19 und 87 Jahren» eine Tageskarte. Für 10.50 Euro. «Das reicht, damit sich das Kino selbst erhält», sagt Mario, während sich neben ihm ein älterer Herr bei Elisabeth einen Cappuccino bestellt – und anschliessend im von lautem Gestöhne erfüllten Saal verschwindet. Im Zeitalter des allzeit verfügbaren Digitalsex mutet das alles ein bisschen so an wie die Wandbilder aus dem Puff von Pompeji im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel.

Wo Einsame einsamen

Der Vorführraum des Fortuna stammt noch aus einer Zeit, in der die bewegten Bilder nicht vom Beamer, sondern von einem 16-Millimeter-Projektor an die Wand geworfen wurden. Neben dem alten Gerät hängt noch immer eine Programmvorschau aus dem Jahr 1999: «Heisse Schenkelspiele», «Pralle Wollust», «Körper im Feuer der Begierde». Darunter ein Tierkalender mit Schweinemotiv. «Wollust fühlen alle Tiere», heisst es bei Goethe. «Der Mensch allein verfeinert sie.» Mittlerweile ist der alte Projektor stillgelegt. Aus Sicherheitsgründen. Mario und sein Team haben heute 5000 DVDs zur Auswahl. Manchmal, so erzählt er, habe auch schon seine Vermieterin vorbeigeschaut. Die sei 90 Jahre alt und wohne im gleichen Haus. «Sie kam aber nicht zum regulären Betrieb als Besucherin, sondern zum Nostalgieabend.»

Beim Nostalgieabend, da zeigen sie im Fortuna Filme, in denen Menschen vor allem angezogen sind. «Sissi» mit Romy Schneider zum Beispiel, «Zurück in die Zukunft» mit Michael J. Fox oder «Psycho» von Alfred Hitchcock. Und weil da manchmal auch Familien vorbeischauen, decken Mario und seine Mitarbeiter zuvor alle allzu expliziten Plakate und Fotos ab. Auch die blonde Sexpuppe neben dem Saaleingang wandert in die Asservatenkammer. Einige Besucher schauen beim Nostalgieabend erst mal, ob die Klappsitze aus grünem Stoff auch wirklich sauber sind, bevor sie sich setzen. Denn wie schrieb der Wiener Falter einmal übers Fortuna? «Wo die Einsamen einsamen.» Das klingt dann schon sehr nach Bewässerungstechnik.

In Sachen Sauberkeit aber muss sich hier niemand Sorgen machen. «Zweimal im Jahr wird der Saal chemisch gereinigt», versichert Mario. Ausserdem gibt es Elisabeth. Und die erklärt jedem Besucher an der Kassa, wie er sich in der Dunkelheit zu verhalten hat: respektvoll – und hygienisch. «Es soll menschlich zugehen bei uns.» Der U-Bahnhof gleich neben dem Kino heisst übrigens Troststrasse. Weil Glück, Liebe, Trauer und Trost – das hängt schicksalsmässig oft sehr eng zusammen. Nicht nur in Wien.

Erstellt: 30.07.2019, 18:02 Uhr

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