Sie spielte Gotthelfs Vreneli – dann ging es fast bis nach Hollywood

Liselotte «Lilo» Pulver feiert am Freitag ihren 90. Geburtstag – und erzählt im Gespräch von ihren Liebschaften am Set und wie sie gegen Sofia Loren den Kürzeren zog.

Vreneli (Liselotte Pulver) mit ihrem Filmkind. Diese Szene wurde in der Zichorienhalle in Alchenflüh gedreht. Bild: Walter Senn

Vreneli (Liselotte Pulver) mit ihrem Filmkind. Diese Szene wurde in der Zichorienhalle in Alchenflüh gedreht. Bild: Walter Senn

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Eine Frau mit brennenden Fackeln in den Händen tanzt auf dem Tisch. Zu den Klängen von Chatschaturjans Säbeltanz vollführt sie laszive Bewegungen. Die sowjetischen Funktionäre rund um den Tisch saugen den Anblick förmlich mit den Augen auf.

Die Tänzerin ist die Sekretärin des Westberliner Coca-Cola-Direktors, der die erzkapitalistische Brühe auch in der kommunistischen Ostzone vertreiben will und dabei auf «Sex sells» setzt.

Legendärer Tanz auf dem Tisch: Lilo Pulver in «One, Two, Three» von Billy Wilder. Foto: ddp images/Capital Pictures

Die Frau ist 32, als die Szene gedreht wird. Man schreibt das Jahr 1961, mitten im Kalten Krieg. Liselotte Pulver, von ihren Berner Eltern «d Lise» genannt, erhält am Set Regieanweisungen von Billy Wilder, der als Jude in der Nazizeit in die USA emigrierte und nun in der alten Heimat Berlin eine der temporeichsten und witzigsten Filmkomödien realisiert.

So rasant, dass die Pulver in der Pressemitteilung für den Film «One, Two, Three» im saloppen Jargon jener Zeit mit einem Auto verglichen wird: «Blond und wie ein Porsche gebaut: vorne zwei scharfe Scheinwerfer, hinten ein vibrierender Heckmotor.» Wobei anzumerken ist, dass die künstlich aufgeblondete Pulver mit ihrer knabenhaften Figur, dank der sie oft Hosenrollen («Gustav Adolfs Page») spielt, ihre Bluse ausstopft: So sieht sie dem Vamp Marilyn Monroe ähnlicher.

«In Deutschland muss ich heute noch Autogrammkarten dabeihaben.»Liselotte Pulver

Der Kalte Krieg spitzt sich in Berlin plötzlich zu. Zwei Monate nach Drehbeginn wird die Mauer gebaut. Darum wird der Monumentalbau – leicht verkleinert – bei der Bavaria in München auf dem Filmgelände nachgebaut. Den nicht sehr zahlreichen Kinobesuchern bleibt das Lachen im Halse stecken, das Thema «Schandmauer» ist ein unlustiges Thema.

Ein übervoller Terminkalender

58 Jahre nach dem Tanz auf dem Tisch besuchen wir Liselotte Pulver in ihrer Berner Seniorenresidenz. Im Foyer des Heims gehen Seniorinnen und Senioren hin und her, einige an Stöcken oder mit einem Rollator.

Da erscheint eine schlanke Frau – ohne Gehhilfe, aber vorsichtigen Schrittes. Am Tisch in der Cafeteria erinnert sich Lilo Pulver an jene Tanzszene. So schwierig sei diese nicht gewesen, sagt die Schauspielerin: «Mehr als ein wenig strampeln konnte ich auf diesem Tischchen gar nicht.»

Und plötzlich ist es wieder da, das ansteckende Lachen, ihr Markenzeichen. «Ich lachte nicht mehr als andere», relativiert Pulver. «Aber ich habe jeden Tag einen Grund zum Lachen, da brauchts bei mir nicht viel.»

Liselotte Pulver freut sich über die Auszeichnung für ihr Lebenswerk in Berlin. Bild: Keystone

Wer einen künstlerischen Beruf ausübt, sucht Engagements. Wenn sich eins anbietet, sagt man zu, aber nicht ohne sich zu überlegen, ob am nächsten Tag vielleicht nicht ein besseres ins Haus flattern würde. «Ich hatte oft die Qual der Wahl», bestätigt Pulver.

Einmal schnappte ihr Sofia Loren eine Rolle weg, weil die Pulver besetzt war. Auf einen Auftritt im monumentalen «Ben Hur» musste sie wegen anderer Verpflichtungen verzichten. Die Bernerin war gefragt, kam sie doch auch bei Produktionen in Frankreich zum Zug, weil sie perfekt Französisch sprach.

Erinnerungen zwischen Buchdeckeln

Zu ihrem 90. Geburtstag am Freitag hat ihr Verlag viele Erinnerungen zwischen zwei Buchdeckel gepresst. «Drehbuch meines Lebens» heisst der Untertitel. Weil die Schauspielerin Dokumente, Bilder, Skripte oder Flugbillette akribisch aufbewahrt hat, bietet das Buch einen Einblick ins Filmgeschäft.

Man sieht sie in der Tracht aus dem Film «Ich denke oft an Piroschka», für den sie sich den schweren Zungenschlag antrainierte und ungarische Ausdrücke so notierte, wie sie ausgesprochen werden.

«In meinen vielen Berufsjahren kam es niemals vor, dass ich meinen Text vergass oder gar ein Blackout hatte», schreibt Pulver im Buch. Wobei das Lernen der Rolle eine Fleissarbeit war. Sie arbeitete mit allem, was Rang und Namen hatte. Über Paul Hubschmid, den Partner in der «Zürcher Verlobung», sagt sie, er sei «einer der schönsten Schweizer, die ich jemals getroffen habe».

Auf einem anderen Bild sieht man, wie Rock Hudson die Schauspielerin hochhebt. Der Hollywoodstar war homosexuell, was erst bei seinem Aids-Tod 1985 bekannt wurde.

Aus dem Film «Uli der Knecht»: Liselotte Pulver als Vreneli mit Heinrich Gretler (l.) und Hannes Schmidhauser (r.). Bild: zvg

In Deutschland kennt man Pulvers muntere Filme mit Titeln wie «Frühstück im Doppelbett», «Das Wirtshaus im Spessart» oder «Kohlhiesels Töchter». Dieser bayrische Bauernschwank wurde für den Film ins Berner Oberland verlegt.

Pulver spielte zwei Rollen: die adrette, hübsche Liesel und die burschikose, mürrische Susi. Zwei Rollen, das heisst: doppelt so viel Text und häufiges Umschminken. Wenn sie «wieder di Wüeschti us mer gmacht hei», habe jede Sommersprosse akkurat am gleichen Ort aufgemalt werden müssen.

Liebe und Verlust

Es war in jenem Jahr 1962 die erste Rolle, die sie mit Helmut Schmid spielte, ihrem Ehemann. War es schwierig, mit dem eigenen Gatten ein Filmpärchen zu spielen? Gar nicht, sagt Lilo Pulver heute. «Es fiel mir sogar leichter, ich kannte seine Reaktionen, und wir konnten die Rollen gemeinsam lernen.»

Zwar hat sich ihr Herz auf dem Set als leicht entflammbar erwiesen. Oft verliebte sie sich in Filmpartner. «Nach Drehschluss war es wieder vorbei», sagt sie. Doch mit Helmut war es anders. Er war die Liebe ihres Lebens. Mit ihm zog sie in ein Haus am Genfersee, pflegte das Familienleben und fuhr auf dem See Wasserski. Das hatte sie in früheren Ferienaufenthalten in Gunten am Thunersee gelernt. «Bei vollem Tempo stürzen ist nicht schön», sagt sie heute, «aber ich fiel selten um.»

2004 zog sie in die Berner Seniorenresidenz. Das Haus am See bewohnte dann ihr Sohn Marc-Tell mit seiner Familie. Manchmal packt Pulver ihre Koffer in den Mercedes und bricht nach Westen auf. «Mit all dem Gepäck könnte ich niemals den Zug nehmen.» Sie kenne die Strecke inzwischen so gut, «dass ich sie mit verbundenen Augen zurücklegen könnte».

Das Ehepaar hatte auch eine Tochter. Mélisande schied 1989 mit erst 21 Jahren unter tragischen Umständen aus dem Leben. Wie verkraftet eine Mutter einen solchen Schlag? Jäh weicht das Lachen aus Lilo Pulvers Gesicht. «Darüber möchte ich nicht reden.»

Dies tat an ihrer Stelle Corinne Pulver, ihre nun 92-jährige Schwester, früher als Journalistin und Dokumentarfilmerin tätig. Sie schrieb 1993 über die private Tragödie ein Buch, was dem Familienfrieden abträglich war. Das jetzige Buch zum 90. Geburtstag trägt die Widmung: «Für meine Schwester Corinne». Offenbar hat sich die Sache längst eingerenkt. Ist das schon lange her? Lilo Pulver überlegt und sagt: «I ma my nümm bsinne.»

«Ich bin nicht einsam»

Manchmal fährt Lilo Pulver in die Stadt, kauft ein – und wird erkannt. «Die Leute in Bern sind diskret und sprechen mich nicht direkt an, sie tuscheln nur.» In Deutschland seien die Fans direkter. «Dort muss ich stets Autogrammkarten dabeihaben.»

Unangenehm sei ihr das nicht: «Es ist doch schön, wenn man erkannt wird.» Bis 1985 blieb sie auf deutschen TV-Bildschirmen präsent, war sie doch die «Lilo» in der Kindersendung «Sesamstrasse». «Das war eine Routinesache», meint sie, «beruflich keine grosse Herausforderung.» Man drehte über mehrere Wochen am Stück. «Es war gut bezahlt und gab Publicity.»

Und jetzt? In den Blättern, die beim Coiffeur aufliegen, erscheinen zuweilen Geschichten mit Titeln wie: «So einsam lebt Lilo Pulver». Diese Storys seien «aus den Fingern gesogen», einer schreibe dem anderen ab, sagt die Schauspielerin bestimmt: «Sie sehen ja, dass ich Gesellschaft habe.» Ausserdem möge sie es, täglich hinauszugehen und zu spazieren.

Liselotte Pulver im Jahr 1998. Bild: Jürg Spori

Manchmal wird die berühmte Pensionärin auch im Seniorenheim angesprochen. Bei unserem Besuch will in der Eingangshalle eine Heimbewohnerin von ihr wissen, ob der Mist auf dem Gesicht in «Kohlhiesels Töchter» echt gewesen sei. Der Film ist kürzlich wieder ausgestrahlt worden. Ja, sagt Pulver: «Der war echt, so etwas kann man nicht künstlich herstellen.» Selbst in der Filmwelt ist eben nicht alles nur Schein.

Ist sie nach diesem Leben mit all seinen Erfolgen, mit Scheinwerferlicht und Glamour, wunschlos glücklich? «Glücklich, ja, aber nicht wunschlos», sagt Lilo Pulver. Ihr Ehemann Helmut Schmid starb 1992 an einem Herzinfarkt, was ihr sehr zusetzte. Nach dieser langen Zeit hat sie noch einen Wunsch: «Einen Partner hätte ich gerne, aber nicht irgendeinen, sondern einen guten.»

Liselotte Pulver: Was vergeht, ist nicht verloren. Drehbuch meines Lebens. Co-Autoren: Olaf Köhne & Peter Käfferlein. Hoffmann und Campe 2019. Ca. 32 Franken.

Erstellt: 10.10.2019, 06:50 Uhr

Lilo Pulver feiert im Stillen

Liselotte Pulver feiert am Freitag den 90. Geburtstag. Die Bernerin hatte 1950 an der Seite von Hans Albers ihr Kinodebüt. Bald avancierte sie zu einer der beliebtesten Schauspielerinnen des deutschsprachigen Kinos.

Mit der Verfilmung von Erich Maria Remarques «Zeit zu leben und Zeit zu sterben» gelang ihr 1958 der internationale Durchbruch. Sie spielte in rund 70 Filmen mit. Sechsmal bekam Pulver die deutsche Filmauszeichnung Bambi und zahlreiche weitere Preise. 2018 erhielt sie den «Bambi Lebenswerk». In der Schweiz wurde sie stark mit ihrer Rolle als Vreneli in den Gotthelf-Verfilmungen der 1950er-Jahre identifiziert.

In der Fernsehgala von 2004 zu ihrem 75. Geburtstag gratulierten Freunde wie Hardy Krüger und der frühere Bundesaussenminister Hans-Dietrich Genscher; der Berner Jazzmusiker Hazy Osterwald spielte mit seiner Band. Joachim «Blacky» Fuchsberger – auch er älter geworden – warf die zierliche Frau nicht wie früher locker über seine Schulter, sondern schlicht zu Boden, was sie lachend wegsteckte.

Der 90. Geburtstag wird stiller verlaufen. Berns Stadtpräsident Alec von Graffenried hat sich für einen Besuch angekündigt – privat. (mdü)

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