So ist der neue Film von Samir

Der Schweizer Filmemacher stellt sich in «Baghdad in My Shadow» der Vergangenheit – jetzt war Locarno Premiere.

Die Cafészenen sind voller Wärme: Haytham Abdulrazaq und Kerry Fox.

Die Cafészenen sind voller Wärme: Haytham Abdulrazaq und Kerry Fox.

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Wo sind wir da? Eine Grossstadt, im Hintergrund ein Fluss. Ist es die Themse, schliesslich ist London Handlungsort dieser Geschichte? Oder ist es der Tigris, schliesslich trägt der Film die irakische Hauptstadt im Titel? Am Anfang und am Ende spielt «Baghdad in My Shadow» in luftigen Kamerafahrten mit dieser Verwirrung. Sie ist Programm.

«Baghdad in My Shadow» ist der neue Film von Samir (64). Er wurde am Samstagabend in Locarno erstmals einem grossen Publikum gezeigt. Der in Bagdad geborene und in der Schweiz aufgewachsene Filmemacher war in den letzten Wochen als Akteur um die Macht im Zürcher Kulturhaus Kosmos öfter in den Schlagzeilen. Jetzt darf man wieder über eines seiner Werke diskutieren. Es ist, das vorweg, nur halb gelungen. Grossartiges vermischt sich zu oft mit Holzschnittartigem.

Keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Schauplatz ist ein Café in London, in dem sich Exil-Iraker treffen. Aber anders als in Rick’s Café aus «Casablanca» bleibt diesen Menschen keine Hoffnung auf einen Passierschein in eine bessere Zukunft. Sie müssen sich mit der Gegenwart auseinandersetzen. Und mit der Vergangenheit in ihrer alten Heimat. Der Dichter Taufiq zum Beispiel hütet ein dunkles Geheimnis. Und die Architektin Amal wird ganz konkret mit ihrem alten Leben konfrontiert.
Die Architektin Amal (Zahraa Ghandour) arbeitet ebenfalls im Café.

Das sind Personen aus Fleisch und Blut, gespielt von hervorragenden Darstellern: Haytham Abdulrazaq – was für ein Gesicht! – ist ein im Irak berühmter Schauspieler, Zahraa Ghandour eine bekannte TV-Moderatorin. Sie tragen aber in ihrer Rolle stets auch die Last auf dem Rücken, für Tabus in der (arabischen) Welt zu stehen: Er ist Sinnbild für die Religion und die Auseinandersetzung mit der zunehmenden Radikalisierung. Sie steht für die Unterdrückung der Frau. Und eine dritte Hauptfigur verkörpert die verpönte Homosexualität.

Ein Scherge Saddam Husseins und ein Hassprediger

Die individuellen Geschichten und die grossen Themen kommen sich dabei immer wieder in die Quere. Zumal noch Bösewichte auftreten – ein ehemaliger Scherge Saddam Husseins, ein Hassprediger einer Moschee – die nur noch als Karikaturen funktionieren. So wird plötzlich alles zum Programm, auch der Name des Cafés: Es heisst Abu Nawas nach einem arabischen Dichter, der ­homoerotische Liebesgedichte schrieb und auch den Wein besang. Das war vor 1200 Jahren.
Muhanad (Waseem Abbas) musste seine sexuelle Orientierung in der alten Heimat verbergen.

«Baghdad in My Shadow» nimmt viele Fäden auf, die Samir in seinen früheren Filmen – zuletzt in der monumentalen Familiengeschichte «Iraqi Odyssey» – ausgelegt hat. Das Ergebnis wirkt aber in den Dokumentarfilmen feiner und differenzierter als im Spielfilm, wo allzu Offensichtliches mit Nachdruck betont wird.

Schöne Überraschungen gibt es aber auch in «Baghdad in My Shadow». Die Cafészenen mit ihren vielen Akteuren sind lebhaft und voller Wärme. Die neuseeländische Schauspielerin Kerry Fox («Intimacy»), die man viel zu selten sieht, schaut als Literaturagentin vorbei. Noch verblüffender ist ein Gastauftritt der Sängerin Hazel O’Connor. Die kennt man hierzulande eigentlich nur aus dem Film «Breaking Glass», der vor 39 Jahren auf der Piazza von Locarno bejubelt wurde. Der lange Schatten von Samirs neuem Film führt also bis ans Festival, wo er jetzt Premiere feierte.

«Baghdad in My Shadow» läuft am Sonntag und Montag noch in Locarno. Im Herbst startet er in den Kinos



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Erstellt: 10.08.2019, 20:41 Uhr

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