So ticken Schweizer Kinogänger

Wer geht am häufigsten ins Kino, und wie heisst der beliebteste Film der letzten 20 Jahre? Ein Blick in die Schweizer Filmdatenbank.

Komödien sind in der Schweiz am beliebtesten. Im Bild eine Szene aus «Die Herbstzeitlosen».

Komödien sind in der Schweiz am beliebtesten. Im Bild eine Szene aus «Die Herbstzeitlosen». Bild: Keystone

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Vor 500 Jahren nahm der Reformator Huldrych Zwingli als Leutpriester in Zürich seine Arbeit auf. Pünktlich zum Jubiläum startet morgen Donnerstag der Film in den Kinos. Mit über sechs Millionen Franken gilt «Zwingli» für hiesige Verhältnisse als Grossproduktion.

Das stimmt hoffnungsfroh. Mehr mainstreamfähige Filme, welche die Massen ins Kino locken und an die Erfolge wie «Die göttliche Ordnung» oder «Schellen Ursli» anknüpfen können, hat das einheimische Filmschaffen dringend nötig.

Will man dieser Zeitung glauben, steht es um den Schweizer Film nämlich nicht gerade rosig. Sein Marktanteil ist seit Jahren etwa konstant und beträgt 2018 6,5 Prozent (2017: 6,74 Prozent). Dramatischer sind aber die stetig rückläufigen Kinoeintritte (2018: -1, 8 Millionen gegenüber Vorjahr), während die Zahl der jährlich gestarteten Filme zunimmt.

Heute werde viel mehr produziert als noch vor 20 Jahren, sagt Rolf Gerber, Präsident des Branchenverbandes Procinema. Doch eine Filmschwemme sei nicht unbedingt gut für die Branche: «Die Filme spielen weniger lang in den Kinos, und die Zuschauer müssen sich schnell entscheiden, wenn sie einen Film sehen wollen.»

Ein Blick in die Datenbank des Branchenverbandes Procinema zeigt, dass seit ihren Anfängen im Jahr 1995 hierzulande rund 362 Millionen Kinoeintritte verkauft wurden. Der Löwenanteil davon geht in die deutsche Schweiz mit etwa 242 Millionen, etwas weniger als halb so viel waren es in der welschen Schweiz, und im Tessin wurden nur gerade mal gut 11 Millionen Eintritte gelöst.

Am kinoaffinsten sind die Welschen. Dort ging in den letzten 22 Jahren jeder Einwohner im Schnitt zweieinhalbmal pro Jahr ins Kino – etwa viermal häufiger als die Tessiner. Die Deutschschweizer liegen ziemlich genau dazwischen.

Genremässig dominiert hierzulande die Komödie. Sie lockte seit 1995 mehr als 78 Millionen Menschen an, gefolgt vom Drama und dem Actionfilm. Die Genrezahlen steigen und fallen aber mit der Art der Kategorisierung. So figuriert «Avatar» in dieser Datenbank etwa als Fantasyfilm, könnte aber ebensogut auch unter «Abenteuer» oder «Action» eingereiht werden; in der grossen Filmdatenbank IMDB wird er in allen drei Kategorien geführt. Kurzum: Bei Aussagen zum Genre ist zwangsläufig mit Unschärfen zu rechnen.

Vergleicht man den Genre-Geschmack in den Landesteilen, überrascht eine weitgehende Einigkeit bei den sechs Spitzenplätzen. Allein in der Westschweiz dominiert das Drama.

Ab Platz sieben zeigen sich doch noch Unterschiede: In der Deutschschweiz folgt hier der Dokumentarfilm, in der französischsprachigen Schweiz Science-Fiction, und die Tessiner schauen Fantasy. Letztere zeigen dafür wenig Freude am Vorzeigegenre des hiesigen Schaffens, dem dokumentierenden Streifen – nur Platz 12.

Will man dem Filmgeschmack glauben, sind die Deutschschweizer Romantiker. Hier liegen romantische Komödien am weitesten vorn. Dafür haben die Tessiner in Sachen Erotik die Nase vorn (Erotikfilme auf Platz 20, Westschweiz Platz 23, Deutschschweiz Platz 26).

Dass das Drama unter den Genres einen Spitzenplatz einnimmt, ist zu einem grossen Teil «Titanic» zu verdanken. Das Schiffuntergangsdrama aus dem Jahr 1997 hat so viele Eintritte verbucht wie kein anderer Film in den letzten 20 Jahren. Kate Winslet und Leonardo DiCaprio sind mit landesweit fast zwei Millionen verkauften Tickets in allen Landesteilen Spitzenreiter.

Dann Differenzen, einmal mehr: Während in der Deutschschweiz bis heute «Die Schweizermacher» auf Platz zwei folgen, sind im Welschen generell französische Filme beliebt.

Und im Tessin? Dort schwingen Familienfilme aus den USA wie Ice Age oder Harry Potter obenauf. Mittendrin: «La vita è bella».

Ob es «Zwingli» je unter die Top-Filme hierzulande reichen wird, ist unter diesem Gesichtspunkt zu bezweifeln. Das Mammutprojekt könnte wegen der schweizerdeutschen Originalfassung in anderssprachigen Gebieten einen schweren Stand haben.

Das befüchtete auch jemand aus dem Vorpremierenpublikum am Dienstagabend im Zürcher Kino Houdini. Worauf der anwesende Regisseur Stefan Haupt energisch erwiderte, er habe die Geschichte Zwinglis so erzählen wollen, dass sie ein einheimisches Publikum anspreche. Wollen wirs hoffen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.01.2019, 17:12 Uhr

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