Zum Hauptinhalt springen

Solange es lebendig ist

Paulina García aus Chile wurde berühmt, als sie in «Gloria» eine Frau im mittleren Alter spielte, die die Liebe noch nicht aufgegeben hatte. Auch im neuen Film «La novia del desierto» überzeugt sie.

Für Paulina García ist Schauspielerei mehr als angewandte Tricks. Foto: Sabina Bobst
Für Paulina García ist Schauspielerei mehr als angewandte Tricks. Foto: Sabina Bobst

Die chilenische Schauspielerin Paulina García war zu Hause schon lange berühmt. Und eigentlich, sagt sie, war sie damit ganz zufrieden. Doch nun sieht sie ein gutes Stück vom Rest der Welt, seit sie 2013 an der Berlinale auffiel als Gloria in Sebastián Lelios gleichnamigem Film. Von ihrer energischen Melancholie ging eine Verzauberungskraft aus. Wie sie als nicht mehr die jüngste Frau einer Frauenfigur Souveränität und innere Balance gab in ihren Momenten von Unglück und Glück. Das habe ihre «künstlerische Agenda» ganz und gar verändert, sagt García im Gespräch während ihres Besuchs am letzten Zurich Film Festival.

Als sie in den USA beim Off-Hollywood-Projekt «Little Men» von Ira Sachs mitwirkte, habe sie die Veränderungen bemerkt – beispielsweise die Freuden und Mühsale einer privat und risikoreich finanzierten Unabhängigkeit. Auch das Spiel auf Englisch sei ihr vorgekommen wie das Herumtaumeln in einer anderen Kulturmelodie. Ein grosses Unwohlsein sei das gewesen, «wie fremdes Singen und Denken». «Aber wissen Sie, was», sagt Paulina García, «am Ende ist die Schauspielerei überall gleich mysteriös.»

Man redete da über ihre Rollenwahl, über die Figuren, die ihr zuge­fallen waren, Frauen voller verzweifelter Lebensstärke. Also über Gloria in ihrer weltoffenen Einsamkeit, in ihrer etwas hektischen Paarungsbereitschaft und im erschütterten Staunen über das Würstchen im Mann. Oder über diese Teresa, die sie nun in «La novia del desierto» spielt: eine wortkarge Frau, die durch die Umstände sozusagen ent­blättert wird bis auf jenen menschlichen Rest, der einem bleibt, wenn einem gar nichts mehr bleibt: den Überlebenswillen.

Das Unglück als Freiheitschance

Der Interviewer hatte ein wenig über eine bewusst herausgearbeitete Seelenverwandtschaft zwischen Schauspielerin und Rollen spekuliert – so etwas wie schwesterliche Gemeinsamkeiten im Umgang mit der Existenzangst und dem Gefühl, das Unglück sei auch Freiheitschance. Paulina García hatte es nicht ausdrücklich bestritten, dass Figuren womöglich auf geheimnisvolle Art mit­einander kommunizieren.

Aber sie hat es doch nicht ganz so mysteriös gemeint mit dem mysteriösen schauspielerischen Schöpfungsakt. Die Spekulation reizt eher ihr künstlerisches Selbstbewusstsein: «Wissen Sie, was», sagt sie (sie sagt das gern in diesem Gespräch: «You know what»), «würde ich den Hamlet spielen, würde man gewiss auch Verwandtschaften von Gloria, Teresa und Hamlet finden. Das ist, weil ich die Verwandtschaft bin. Bevor ich da bin, ist da kein Charakter, keine Teresa, keine Gloria, nicht einmal ein Hamlet.»

Fenster öffnen zum Charakter

Da drückt sich ein hoher und neugieriger Anspruch aus. Gewissermassen die intellektuelle Nervosität Paulina Garcías’ im Umgang mit Dramatik, die Suche nach der Zeile, nach dem Wort, nach dem Klang von Wörtern, «die ein Fenster sind, das ich öffnen kann, um an einen Charakter ranzukommen». Sie liebe Tschechow, sagt sie einmal beiläufig, und man weiss, das passt – diese darstellerische Neigung zu Brüchen und Haarrissen in Menschenseelen. Sei so ein Fenster mal offen, beginne die Arbeit an Nerven, Fleisch und Blut eines Charakters, und da erkenne man es dann wohl: «Ah, so arbeitet Paulina García.»

Es hat etwas mit einer wachen Aufmerksamkeit fürs Leben zu tun. Mit dem Ehrgeiz, die Ebene der Selbstverständlichkeit zu erreichen. Für García ist Schauspielerei nicht die Virtuosität angewandter Tricks, und vermutlich lässt sie auch als renommierte Schauspiellehrerin ihren Schülern keine Trickserei durchgehen: «Ich glaube nicht an die Herstellung von Charakteren durch Charakteristika. Ich glaube an die Entstehung eines Charakters aus dem lebendigen Moment.»

Die Arbeit im neuen Film habe sie geliebt, sagt sie. Sie habe sich die Teresa als eine Frau mit einem resignativen Tunnelblick vorgestellt, ohne viel Lebensaussicht, dafür mit einiger Überlebenskraft. Und manchmal habe sie sich gefragt, ob Teresa überhaupt ein Talent zur Freiheit und zum Glück habe – wahrscheinlich habe sie es ja nicht wirklich. Aber ab und zu sei so etwas wie Leichtigkeit aufgeblitzt. Man versteht: Das waren im Spiel dann die schönsten dem «lebendigen Moment» abgewonnene Augenblicke.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch