«TV-Serien stecken im 19. Jahrhundert fest»

Autor Lukas Bärfuss sieht den Serien-Hype kritisch. Das grosse Gespräch über langweilige Konflikte, den Writer’s Room und einen öden Trick von Kevin Spacey.

Lukas Bärfuss ist als Roman- wie als Theaterautor international erfolgreich. Die TV-Serie «Game of Thrones» sieht er kritisch.

Lukas Bärfuss ist als Roman- wie als Theaterautor international erfolgreich. Die TV-Serie «Game of Thrones» sieht er kritisch. Bild: Keystone/PD

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Herr Bärfuss, welche Serie schauen Sie gerade?
«Mindhunter», eine Netflix-Serie. Sie handelt von Serienmördern. Nach den ersten fünf Episoden musste ich abbrechen. Diese Serie steht beinahe exemplarisch für die Probleme der meisten aktuellen Produktionen.

Das wäre?
Sie dauern viel zu lange. Die Konflikte stagnieren. In «Mindhunter» muss ein junger Agent das FBI davon überzeugen, dass man von inhaftierten Serienmördern kriminologische Erkenntnisse gewinnen kann. Fünf Folgen lang wird dieses Muster repetiert. Dafür fehlt mir einfach die Zeit. Ich habe ja noch andere Dinge zu tun. Das Bad streichen zum Beispiel. Oder mal wieder einen Coq au Vin kochen.

Trailer zu «Mindhunter». (Video: Youtube)

Der Konflikt einer solchen TV-Serie kann ja trotzdem interessant sein.
Bis jetzt haben die Macher der Kunstform Fernsehserie noch nicht adäquat auf die neuen technischen Möglichkeiten reagiert. In der Zeit, als das Fernsehen noch nicht online war, musste man die Serien über einen langen Zeitraum interessant halten. Zwischen den einzelnen Folgen lag eine Woche. Die Macher standen vor dem gleichen Problem wie die Autoren des 19. Jahrhunderts. Die Romane von Dostojewski, von Dickens oder von Henry James erschienen ebenfalls als Serien in Zeitschriften. Das schafft gewisse Zwänge. Erstens braucht es einen Cliffhanger, damit der Leser gespannt ist, wie es in der nächsten Folge weitergeht. Zweitens dürfen sich die grundsätzlichen Konflikte der Personen nicht ändern, weil man sonst den Faden verliert. Nach diesem Schema funktionieren bis heute die allermeisten Fernsehserien, obwohl mit «House of Cards» zum ersten Mal eine ganze Season online gestellt wurde und es keine dieser formalen Zwänge mehr gibt. Trotzdem sind zum Beispiel die Folgen immer noch ungefähr gleich lang. Die Fernsehserien stecken formal im 19. Jahrhundert fest.

Wie kamen Sie eigentlich auf «Mindhunter»?
Ich habe eine Empfehlung gelesen. Die Schauspieler und die Dialoge sind tatsächlich ausgezeichnet. Es gibt verdammt gute Autoren, die verdammt gute Dialoge schreiben können. Aber das wiegt das Problem des Writer’s Room nicht auf.

Welches Problem?
Im Writer’s Room nivellieren sich alle gegenseitig. Die Konflikte werden rein dramaturgisch entwickelt, die individuelle Erfahrung findet oft keinen Platz. «House of Cards» wurde von einem Theaterautor, von Beau Willimon, erfunden. Er war Wahlkampfhelfer von Hillary Clinton. Die ersten Staffeln hat er geschrieben, sie sind noch von seiner Erfahrung geprägt. Sobald andere Autoren die Serie übernahmen, wurden die Konflikte schematisch.

Bei «The Wire» haben exzellente Krimiautoren wie Richard Price mitgeschrieben.
Die Serie basiert auf der Arbeit von David Simon als Polizeireporter. Auch da merkt man die Erfahrung. «The Wire» ist nahe am Cinéma vérité. Von der Qualität her steht sie nach wie vor ausser Konkurrenz.

Trailer zu «The Wire». (Video: Youtube)

TV-Serien sind populär, die Zuschauer zufrieden damit. Mutieren wir zu geistigen Faultieren?
Serien sind dem Roman näher als dem Film. Das wesentliche ästhetische Element des Films ist Schnitt und Montage. Beides spielt in Serien praktisch keine Rolle, das tragende Element ist der Dialog. Das liegt auch daran, weil Serien auf Wiedergabegeräten funktionieren müssen, die kleiner sind als eine Zigarettenschachtel. Deshalb bedienen sich Serien vor allem literarischer Mittel, allerdings in sehr reduzierter Form. Es gibt keinen inneren Monolog, es gibt keine erlebte Rede, zwei Stilmittel, die den modernen Roman erst ausmachen. Wenn sich also die Serie nicht der filmischen Mittel bedient und gleichzeitig auf die literarischen verzichten muss, wird es sehr eintönig. Ich denke, das ist auch der Grund für die exzessive Gewalt, für den Sex, wofür «Game of Thrones» wahrscheinlich das beste Beispiel ist.

Es gibt Kritiker, die vergleichen «Game of Thrones» mit Shakespeare.
(lacht) Müsste man sich in 300 Jahren vielleicht nochmals anschauen. Ich vermute, dass man es dann ein wenig anders sieht.

Sie halten die Schreiber von Serien für weitgehend inkompetent.
Überhaupt nicht. Aber, wie gesagt, sie nutzen die Mittel des Films nicht. Es wurde zum Beispiel als epochale Neuerung gewertet, wenn Kevin Spacey in «House of Cards» die vierte Wand durchbricht und direkt zu den Zuschauern spricht: Sorry, aber das ist nun wirklich der älteste Hut. Wolfram von Eschenbach hat das im «Parzival» schon vor tausend Jahren gemacht. Wer ein bisschen mit der Literaturgeschichte vertraut ist, sieht, dass die Fernsehserie eine Entwicklung wiederholt, die der Roman längst hinter sich hat. Wann findet die TV-Serie zum formalen Reichtum von Joyces «Ulysses»? Wann zum «Nouveau roman»?

Trailer zu «House of Cards». (Video: Youtube)

Die TV-Leute müssten mehr lesen.
Die TV-Serie ist das wichtigste narrative Ausdrucksmittel des 21. Jahrhunderts. Das sollten wir ernst nehmen. Und wir stellen fest, dass eine formale Regression stattfindet. Man scheint nicht in der Lage zu sein, aus neuen technologischen Möglichkeiten etwas inhaltlich Eigenständiges, Neues zu formen. Das sollte zu denken geben. Vor allem, weil sich diese Einsicht nicht auf Serien beschränkt.

Frustriert es Sie, wenn Leute ständig über Serien diskutieren und mit Büchern vergleichen, die sie nicht gelesen haben?
Mich frustriert vielmehr der mediale Diskurs über Serien. Mir fehlt die substanzielle und kulturvergleichende Kritik. Kleine Brüche in der Erwartungshaltung werden als riesige Innovationen gefeiert. Wenn ich in der Zeitung lese, wie ungeheuer interessant und tief die Figuren von «Game of Thrones» seien, dann denke ich mir: Leute, das hat ungefähr das Niveau von «Le Comte de Monte-Cristo». Sehr umfangreich, durchaus unterhaltsam, aber ohne wesentliche Tiefe.

Heute sind viele Kunstformen gar nicht für den konzentrierten Konsum angelegt, sondern eher fürs Nebenher.
Ja gut, bei einem Podcast funktioniert das vielleicht. Aber bei einer TV-Serie? Ich bin ja nicht Julius Cäsar, der, wie man sich erzählte, simultan schreiben, lesen und sich über die aktuelle Kriegslage informieren lassen konnte.

Bücher, sagen Sie gern, hätten Sie aus der Gosse von Thun gerettet. Wenn Sie damals nur «Game of Thrones» gehabt hätten, wären Sie wohl nicht hochgekommen?
Die Kulturgeschichte des Textes ist sechstausend Jahre alt. Den Film gibt es gerade etwas mehr als hundert Jahre. Das kann man also nicht vergleichen. Dazu funktionieren Bild und Text unterschiedlich. Das Bild zuerst ist konkret, der Text abstrakt. Bilder wirken sehr affektiv, ein Grund für den Sex und die Gewalt in den Serien. Im Text funktioniert das nicht. Man liest ihn mit einer gewissen Distanz. Es ist ganz schwierig, Serien mit diesem distanzierten Blick anzuschauen. Ich merke das, wenn ich bis weit nach Mitternacht «Mindhunter» schaue und am Schluss nicht weiss, warum ich so lang drangeblieben bin.

Trailer zur letzten Staffel «Game of Thrones». (Video: Youtube)

Sind TV-Serien nicht das Schreiber-Eldorado der Gegenwart? Viel Geld ist da, viel Platz zum Experimentieren auch.
Die Experimente beschränken sich auf das Setting, die Schauplätze, die Charaktere. Anderswo ist die Industrie weiterhin sehr restriktiv.

Netflix grast die ganze Welt nach Stoffen ab. Wenn seine Scouts nun «Hundert Tage» entdecken und verfilmen möchten – wären Sie dabei?
Nicht für eine Serie. Mein Roman arbeitet mit der Unzuverlässlichkeit des Protagonisten. Man weiss nicht, ob er die Wahrheit erzählt, und gleichzeitig haben wir als Leser nur seine Perspektive. In einem Kinofilm könnte eine Adaption funktionieren, weil es da von Anfang klar wäre, dass man eine Neuschöpfung machen müsste. Dazu kommt die Darstellung der Gewalt. Als Text ist das möglich, als Bild möchte ich das nicht sehen.

Trauen Sie der TV-Serie gar keine weiteren Entwicklungsschritte zu? Dass der James Joyce dieser Kunstform noch zutage tritt?
Verstehen Sie mich nicht falsch. Die TV-Serie hatte bereits ein paar Sternstunden wie eben «The Wire». Die Chancen, dass die Serien bald aus dieser Stagnation finden, stehen nicht besonders gut. Sie ist in eine Phase der Sättigung eingetreten. Kommerziell gibt es keine Probleme. Die Serienmacher haben gemerkt, was bei den Zuschauern ankommt. Das finanzielle Risiko ist durch das Abosystem sehr überschaubar. Es gibt zurzeit weder einen wirtschaftlichen noch einen kreativen Druck, um etwas zu ändern. Wir werden mehr vom Gleichen sehen. Dass die Serie mittlerweile fast unbegrenzt Zeit hat, hilft auch nicht. Im Kino ist jede Dauer von mehr als zweieinhalb Stunden ein Problem, weil die Leute irgendwann auf die Toilette müssen. In der Serie kann man Zeit verschwenden, ohne dass man dafür bestraft wird.

Was ist eigentlich mit der Schweiz? Es gab ja einige ambitionierte Serien hierzulande: «Wilder» von Béla Batthyany und Alexander Szombath zum Beispiel oder «Seitentriebe» von Güzin Kar.
Eine gute Schweizer TV-Serie könnte sich das Werk von William Faulkner zum Vorbild nehmen. Es wurzelt tief in den lokalen Begebenheiten der Südstaaten – und handelt gleichzeitig vom Universellen, vom Allgemein-Menschlichen. So weit ich es sehe, fehlt oft der Mut zum Spezifischen, man flüchtet in den Konformismus. 98 Prozent der Kunstproduktion ist konformistisch, immer und überall. Zugegeben: In der Schweiz sind es wahrscheinlich eher 99 Prozent.

Erstellt: 29.08.2019, 12:58 Uhr

Lukas Bärfuss (*1971)

Der Thuner, der in schwierigen Verhältnissen aufwuchs und zeitweilig obdachlos war, macht sich um die Jahrtausendwende als Mitglied der Theatergruppe «400asa» einen Namen. Mit «Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern» kam 2015 die Verfilmung eines Bärfuss-Stücks ins Kino.

Als Romanautor etablierte sich Bärfuss 2008 mit «Hundert Tage». Für seinen zweiten Roman, «Koala», erhielt er 2014 den Schweizer Buchpreis. Dieses Jahr wird Bärfuss mit dem Büchnerpreis prämiert. (lsch)

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