Stars aus Blech

Bei teuren Kinoproduktionen soll jedes Detail stimmen, auch der Wagen muss stets passen. Wo kommen die Filmfahrzeuge eigentlich her?

Ohne sie müssten Harrison Ford und Tom Hanks zu Fuss gehen: Filmautos. Im Bild ein Exemplar aus einem James-Bond-Film. Bild: Keystone

Ohne sie müssten Harrison Ford und Tom Hanks zu Fuss gehen: Filmautos. Im Bild ein Exemplar aus einem James-Bond-Film. Bild: Keystone

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Der Schatz der Filmbranche lagert zwischen Baumarkt und Einkaufsparadies. In einem Parkhaus im Südwesten Berlins, fast schon in Brandenburg, stehen Autos, bei denen Sammlern das Wasser im Munde zusammenläuft: ein Ponton-Mercedes, Baujahr 1950. Ein Ford Mustang. Ein VW Käfer aus der Zeit des Wirtschaftswunders. Es sind Modelle, denen man im Strassenverkehr so gut wie nie begegnet. Höchstens auf Oldtimer-Rallyes und Sammlertreffen. Oder, wie in diesem Fall, im Kino oder im Fernsehen.

Die Fahrzeuge, die mehrere Parkhaus-Etagen füllen, sind allesamt Filmautos. Mal dienen sie als Fluchtwagen bei einem Banküberfall, ein anderes Mal als Transportmittel für Agenten im Kalten Krieg oder schlicht als Familienkutsche. Nur eine Gemeinsamkeit verbindet die seltenen Karosserien: Sie sind nicht mehr die Jüngsten. «Historische Fahrzeuge werden immer gebraucht», sagt Sven Liedtke, Inhaber der Verleihfirma Moviecars, die mehrere hundert Autos in Berlin lagert. «Wenn Filme in der Gegenwart spielen, greifen die Produzenten einfach auf Mietwagen zurück. Für alles andere gibt es uns.»

Gemeint ist die Branche der Filmauto-Verleiher, die normalerweise eher im Verborgenen agiert. Ihre Bedeutung schmälert das aber nicht. Ohne den passenden fahrbaren Untersatz wären Serien wie «Babylon Berlin» oder «Weissensee» undenkbar. Selbst Hollywood-Held Harrison Ford alias Indiana Jones müsste zu Fuss gehen, wenn für seine Abenteuer keine historisch authentischen Fahrzeuge zur Verfügung stünden. Die Herausforderung der Verleiher besteht darin, möglichst alle Epochen abzudecken, damit sowohl ein Weltkriegsepos als auch ein Krimi, der in den Achtzigern spielt, bedient werden können.

«Historische Fahrzeuge werden immer gebraucht», sagt Sven Liedtke, Inhaber der Verleihfirma Moviecars. Bild: Steve Przybilla

«Im Grunde sind wir wie eine Schauspieler-Agentur», sagt Firmenchef Liedtke. «Nur dass wir nicht Menschen, sondern Autos vermitteln.» Der 44-Jährige ist seit beinahe 20 Jahren im Geschäft, er kennt die Besonderheiten der Branche – und ihre Unwägbarkeiten. «Man weiss nie, wie oft ein Regisseur eine bestimmte Szene wiederholen will», sagt Liedtke. Ausserdem müsse man die Arbeitszeiten der Schauspieler und das Wetter bedenken. «Wenn Sie bei Sonne anfangen zu drehen und es am nächsten Tag regnet, können Sie nicht einfach weitermachen. Man steht zu 90 Prozent der Zeit am Set herum, aber dann muss alles ganz schnell gehen.»

Auf Hochglanz polierte Autos blenden die Kamera

Um so flexibel wie nötig zu sein, hat Liedtke etwa 450 Fahrzeuge auf Vorrat. Ein Grossteil gehört ihm nicht selbst, sondern Privatbesitzern, die sie für Filmproduktionen zur Verfügung stellen – gegen Gage, versteht sich. Hat Liedtke keine Angst, dass seine Oldies geklaut werden? Der Filmprofi lacht: «Dafür müssten sie erst mal fahrbereit sein.» Ein paar Stunden Vorlauf brauche selbst er, um ein Fahrzeug flott zu machen: Batterien laden, Reifen aufpumpen, Motor checken. Auch das passende Aussehen spielt eine Rolle. «Auf Hochglanz polierte Autos sind gar nicht gut, weil sie die Kameras blenden.» Zumal manche Modelle explizit heruntergekommen aussehen sollten. Die Lösung: eine sogenannte Patinierung, eine Schicht, die auf den Lack aufgetragen und hinterher wieder abgewaschen wird.

Gefragt sind laut Liedtke ganz unterschiedliche Modelle – vom Ford Mustang, der von einem US-Soldaten gefahren wird, bis hin zum Trabi, der in einem Film über die DDR zu sehen ist. Gerade ältere Modelle mit Früh- und Spätzündung, Startknopf oder Lenkrad-Schaltung seien für Schauspieler oft ungewohnt. «Beim Agentenfilm ‹Bridge of Spies› bin ich am Ende selbst gefahren», erzählt Liedtke. «Tom Hanks sass neben mir und schaute zu.» Manchmal würgen Schauspieler vor lauter Aufregung die Oldtimer auch ab oder vergessen ihren Text, weil sie sich so sehr aufs Fahren konzentrieren. «Zu Schäden kommt es aber so gut wie nie», sagt Liedtke. Ausserdem seien alle Fahrzeuge versichert.

Über den Verdienst redet man in der Branche nicht

Wenn Produktionsfirmen ein passendes Auto suchen, können sie sich im Internet umschauen. Die Verleiher haben ihre Kataloge digitalisiert; vom Herrenfahrrad Opel Blitz aus dem Jahr 1930 bis zur Militär-Limousine Buick Skylark (Baujahr: 1972) stehen in Deutschland mehrere Tausend Objekte zur Wahl. Die Branche der professionellen Verleiher lässt sich dabei an einer Hand abzählen, darunter sind Anbieter wie film-autos.com mit Sitz in Berlin oder «Cars for Movies» aus Hamburg. Zugleich umgibt sie eine Aura des Mysteriösen. Kaum eine Firma stand für ein Gespräch zur Verfügung. Ein Auto und dessen Betreuer einen Tag lang am Film-Set zu begleiten? Ausgeschlossen.

Selbst Sven Liedtke schweigt eisern, wenn man ihn auf seinen Verdienst anspricht. «Darüber redet man in der Branche nicht.» Gesprächiger zeigt er sich, wenn es um die Anreize für Oldtimer-Besitzer geht. Etwa 150 Euro pro Tag könnten sie verdienen, wenn sie ihr Fahrzeug für einen Dreh zur Verfügung stellten. «Das hilft ihnen, ihre Kosten zu decken», sagt Liedtke. Da komme bei einem Oldtimer schliesslich einiges zusammen – von der Garagenmiete über Steuern bis hin zur Wartung. Ebenfalls interessant: Metall ist am Set offenbar mehr wert als Fleisch und Blut. «Statisten bekommen nur zwischen 60 und 70Euro am Tag», sagt Liedtke.

Hat man selbst einen Oldtimer, kann man diesen gegen Geld für einen Filmdreh zur Verfügung stellen. Bild: Keystone

Auf einem Parkdeck schraubt derweil Lothar Weber an seinem Lieblingsobjekt. Der 67-jährige Rentner besitzt einen Mercedes W112, Baujahr 1964. «Die Lenkkupplung hatte zu viel Spiel», sagt Weber, «das musste ich mal korrigieren.» Oft verbringe er das ganze Wochenende damit, seinen Oldie zu pflegen, Verschleissteile zu ersetzen, Kleinigkeiten zu reparieren. «Das war früher mal ein Mordsauto», schwärmt Weber. «Leider sind die Ersatzteile heute extrem teuer. Allein ein Lenkrad kostet um die 800 Euro.» Für manche Teile hat er sich schon vor Jahren einen Vorrat angelegt. «Damals haben mich manche Leute belächelt. Heute ist das unbezahlbar.»

Seit drei Jahren sind er und sein Mercedes nun schon in Sven Liedtkes Online-Katalog. Auch eine Anfrage habe er schon einmal bekommen, erzählt Weber - der W112 sollte die Limousine des Verlegers Axel Springer darstellen. «Hab' ich aber nicht gemacht», betont Weber. «Ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen.» Mit dem Auto dürfe höchstens noch seine Frau fahren, sonst niemand. «Ich habe daran so viel gebastelt, so viel Zeit und Mühe reingesteckt, da möchte ich einfach niemanden ranlassen.» Warum er dann trotzdem in der Verleih-Datenbank steht? Weber überlegt. «Herr Liedtke hat das gemacht. Wir wollten einfach mal schauen, wie gross das Interesse ist.»

Erstellt: 31.05.2018, 10:46 Uhr

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