Stunden des Terrors

Ein norwegischer Spielfilm zeichnet den Amoklauf von Anders Breivik minutiös nach, und der Koreaner Kim Ki-duk antwortet an der Berlinale auf Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe.

«Utøya 22. Juli» zeigt konsequent die Perspektive der Opfer des Amoklaufs. Foto: PD

«Utøya 22. Juli» zeigt konsequent die Perspektive der Opfer des Amoklaufs. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich bedanke mich für Ihr Interesse. Sie müssen wissen, ich führe ein anderes Leben, als ich es in meinen Filmen zeige.» Kim Ki-duk, der Regisseur aus Südkorea, schloss damit seine Pressekonferenz an der Berlinale, in der die erste Frage unausweichlich gewesen war: Wie antworten Sie auf die Anschuldigungen, Sie seien am Set übergriffig geworden? Gemäss einer anonym bleibenden koreanischen Schauspielerin hatte Kim Ki-duk diese beim Dreh zu seinem Horrorfilm «Moebius» 2013 gegen ihren Willen zu nicht besprochenen Sex- und Nacktszenen genötigt und sie wiederholt geohrfeigt. Ki-duk nannte den Fall «bedauerlich»; für seine Schläge hat ihn ein Gericht gebüsst, die Anklage wegen sexueller Übergriffe ist fallen gelassen worden. Mit der Busse sei er nicht einverstanden: «Wir haben eine Szene geprobt, wozu viele Leute versammelt waren. Mein Team fand an meinem Verhalten damals nichts Problematisches. Die Schauspielerin sieht das anders.»

Brutaler Naturzustand

Entschuldigen für die Schläge wollte er sich dennoch nicht. Es gebe verschiedene Interpretationen zu diesem Vorfall. Gerichtsfälle seien nun aber Teil der Veränderung im Filmgeschäft geworden, und die Busse habe er auf sich genommen. Weil Kim Ki-duk immer sehr freundlich wirkt mit seinen zum Bürzi gebundenen, grauen Haaren, schwenkte die Diskussion dann bald zu seinem Film um, den er in der Panorama-Sektion vorstellte. Dieser heisst «Human, Space, Time and Human» und wirkte gleich wie eine perverse Illustration der #MeToo-Debatte: Auf einem Kriegsschiff werden Frauen vergewaltigt, meistens mehrfach, es werden die Schwachen ausgehebelt und wird irgendwann ein brutaler Naturzustand ausgerufen, weil die Nahrungsreserven ausgehen.

Kim Ki-duk dreht das ins Extrem des Menschenfresserfilms. Und weil er trotz allem ein Gast in den Arthouse-Zirkeln bleibt, haftet seinem Horroralbtraum noch eine tiefere Bedeutung an, die wohl etwas mit dem Wesen der menschlichen Primitivität und dem ewigen Zyklus der Brutalität zu tun hat. Sicher erreicht seine Gewalteskalation, dass man jeder Figur eine kleben möchte, so wie sie sich verhalten. Gilt das schon als Leistung des Kinos? Danach stellte das Publikum jedenfalls brav Fragen zu religiöser Symbolik. Ki-duk sagte noch einen bezeichnenden Satz: «Ich glaube, das Leben besteht darin, dass wir verletzt werden und andere verletzen.»

Aus der Sicht der Opfer

Wenn der Koreaner also selber kein Kannibale ist, wovon wir ausgehen, dann ist seine Weltsicht eindeutig noch grimmiger geworden. Eine Übung in Terror ohne Ausweg und fast eine Vorbereitung für das Grauen, das im Wettbewerbsfilm «Utøya 22. Juli» folgte. Die Berlinale hatte den Spielfilm spät angekündigt, vielleicht, weil man sich fragte, ob man das wirklich zeigen soll, vermutlich aber eher, weil er auf den letzten Drücker fertig wurde (es fehlte der Abspann). Abgesehen von einem kurzen Prolog über die Bombenattacken auf Regierungsgebäude am 22. Juli 2011, zeigt der Film den Amoklauf von Anders Breivik auf der Insel Utøya konsequent aus der Sicht der Opfer, in einer sportlichen Plansequenz, also ohne Schnitt.

Der Attentäter erschoss in knapp anderthalb Stunden 69 Jugendliche und verletzte viele mehr. Sie besuchten das Sommercamp der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten. Im Film, der auf Aussagen der Betroffenen beruht, wirkt die Szenerie erst wie ein Open Air: Zeltlager, Grillkohle, Bändel an den Armen. Beim Waffelessen diskutieren die Jugendlichen die Anschläge in Oslo, sie haben trotz schlechtem Handyempfang davon erfahren. Terror auf heimischem Boden? Kann das sein? Jetzt knallt es plötzlich in der Ferne, ein Feuerwerk? Ein Dutzend Teenager kommt schreiend aus dem Wald geflohen, versteckt sich im Versammlungslokal, Panik bricht aus. Erwachsene sind nie zu sehen, die Steadicam folgt nun einer Gruppe Jugendlicher, die sich in den Wald schlägt, sich zitternd vor Angst ins Unterholz kauert, die Kamera geht mit ihr in Deckung, linst über die Äste.

Breiviks Salven im Off

Was ist los? Die Polizei greife an, sagt einer (Breivik trug eine Polizeiuniform), könnte eine Übung sein, jemand anderer. Jetzt halten wir uns an Kaja, die ihre kleine Schwester sucht und sich schliesslich, wie es viele tatsächlich gemacht haben, ans Ufer flüchtet und in den Ritzen der Klippen versteckt.

Ist das eine gute Idee? Er habe den Fokus vom Täter auf die Opfer verschieben wollen, sagte Regisseur Erik Poppe. Breivik ist so nur kurz als Silhouette zu sehen; sonst hören wir seine Salven im Off, mal dumpf, mal scharf und nah. Der Effekt dieser Terrorchronik in Echtzeit ist eine atemlose Spannung, der man sich auch dann kaum entziehen kann, wenn man skeptisch war gegenüber dem Einfall, das Breivik-Massaker mit dem muskulösen Formalismus-Gimmick der ungeschnittenen Einstellung nachzuinszenieren. Wo der Film scheitert, ist in seiner Konzentration auf eine Heldin. Die junge Andrea Berntzen leistet als Kaja fraglos einen Kraftakt aus Athletik und Verzweiflung. Aber ihre Figur hat in ihrer Suche nach ihrer Schwester eine Mission, die zur sentimentalen Identifikation einlädt. Da beginnt die Fiktion, die auf realen Vorfällen beruht, bald richtig falsch zu klingen. Und weil der Schluss auf grösstmögliche emotionale Wirkung zielt mithilfe mieser Horrorfilmklischees, bleibt der Eindruck eines maximalen Verrats. Vor allem bei einem Film, der behauptet, er sei das Leben.

Erstellt: 19.02.2018, 17:55 Uhr

Artikel zum Thema

Film im Film im Film

TV-Kritik Der neue Berliner «Tatort» besuchte den roten Teppich der Berlinale und präsentierte mit «Meta» ein hübsches Verwirrspiel. Mehr...

Mit Charme, Schal und Anekdoten

Beki Probst formte den European Film Market in Berlin zu einer der wichtigsten Filmmessen der Welt. Zum Abschied erhält sie eine Berlinale-Kamera. Mehr...

Unauffällig erfolgreich

Porträt Roman Coppola, Spross einer Dynastie, hat sich selbst einen Namen gemacht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog So machen Sie mehr aus Ihrem Vorsorgegeld

Sweet Home Mehr als Fensterkleider

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Wasser marsch! Die Feuerwehr bekämpft einen Brand auf dem Gelände einer Abfallentsorgung im österreichischen Mettmach. (16. Juli 2019)
(Bild: APA / Manfred Fesl) Mehr...