Süsse Mücke, stich mich

Seine Filme fangen einen Lebensgeruch ein, den man sofort erkennt. In «While We’re Young» erzählt Noah Baumbach aus New York von zwei ungleichen Paaren.

Nochmals jung sein: In «While we were young» lässt sich Josh (Ben Stiller) lässt sich von Jamie (Adam Driver) völlig hipsterisieren. (Trailer, Youtube)


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In Noah Baumbachs Komödie «Greenberg» (2010) spielte Ben Stiller den vierzigjährigen Schlufi Greenberg, der seine Tage damit verbrachte, Reklamationsbriefe an Firmen zu schreiben. Als er sich einmal an einer Party unter lauter Zwanzigjährigen wiederfand, setzte er zu einer Tirade über die Jugend an: «Ihr seid einfach so aufrichtig und interessiert an den Dingen! Euer Selbstvertrauen ist zum Fürchten.»

Jetzt trifft er sie wieder, sie sind noch selbstbewusster geworden. In «While We’re Young» spielt Ben Stiller den reifen Nichtsnutz Josh: 44, frühe Arthritis und in New York damit beschäftigt, seinen Dokumentarfilm über den politisch-militärisch-ökonomischen Komplex der USA fertigzukriegen. Seit zehn Jahren interviewt er dazu einen Historiker vor dessen Bücherwand. Wenn man es eine Lebensaufgabe nennen will, dann nur, weil Josh sein Leben unterdessen aufgegeben hat. Fürs Kinderkriegen ist es zu spät, seine Frau Cornelia (Naomi Watts) würde gern mal wegfahren, aber Josh muss seinen Film zu Ende bringen, er hat sonst nur einen kleinen Lehrauftrag an der Uni. Und eines Tages kommt dort ein junges Paar auf ihn zu, aufrichtig und interessiert an den Dingen.

Verknallt ins jüngere Double

Es sind die Kinder unserer Zeit. Und was für Prachtexemplare! Jamie (Adam Driver) und Darby (Amanda Seyfried) heissen sie: Hipster aus dem Aufklappbuch, aufgewachsen im Internet, eingemietet in Brooklyn, zwei Selbermacher und Verkäufer ihrer Ich. Also Leute aus jener Alterskohorte, die nichts richtig beherrscht, ständig Feedback braucht und alle danach einteilt, ob man sie kennen muss oder nicht. Auch Jamie ist ein aufstrebender Dokumentarfilmemacher, es ist eben das, «was alle machen», weshalb ihm Josh Vorbild ist (Darby dagegen stellt eigentlich nur Avocadoeis her). Und Josh zeigt sich von diesen jungen, schönen Menschen heillos fasziniert.

So lässt Noah Baumbach seine Komödie der Doppelgänger beginnen – nicht zufällig ein Motiv aus der Horrorliteratur. Im Kontakt mit ihren jüngeren, freieren Kopien leben Josh und Cornelia auf, gehen aus, lassen ihre gleichaltrigen Freunde fallen, die alle Kinder haben. «Sie sind so grosszügig! Und begeistern sich!», ruft Josh nach dem Lunch mit Jamie. Und so unverkrampft im Umgang mit Erfolg! Josh kauft sich einen Filzhut und ein Rad, er will sich schon einen Schreibtisch schreinern, so hipsterisiert ist er. Cornelia geht inzwischen mit Darby zum Fitness («Welcher Kurs ist das?» – «Hip-Hop!»), ebenfalls verknallt in ihr lebendigeres Double. Nur Jamie kommt ihr etwas undurchschaubar vor. Selbst Josh findet es merkwürdig, dass er im Restaurant immer derjenige ist, der zahlen muss. Aber er tuts trotzdem.

Er ist schon ein verflucht cleverer Konstrukteur, der 45-jährige Noah Baumbach aus New York. Als Autor schrieb er für Wes Anderson, seine eigene Filmografie reicht von der College-Studie «Kicking and Screaming» (1995) über die unerreicht unangenehme Scheidungskomödie «The Squid and the Whale» (2005) bis zu «Frances Ha» (2012), seine Ode an die hübsch verzettelten Existenzen von New York. Oft trägt der Irrlauf ein Röckchen bei Baumbach, stets sind seine Dialoge von einer pointenlosen Eloquenz, die er dem Alltag abgehört und leicht ins Künstliche hineingeschrieben hat. In «While We’re Young» wendet er unsere Erwartungen immer wieder gegen uns und montiert eine Komödie aus Gegenbildern, im Ganzen wie im Einzelnen.

Nur eine kurze Parallelmontage braucht er für einen mikrosoziologischen Vergleich: Josh und Cornelia, die sich in ihrem Drang, mit der Technologie mitzuziehen, überangepasst haben und die halbe Wohnung mit dem iPad steuern, stellt er Jamie und Darby gegenüber, die sich dem digitalen Leben zum Trotz längst wieder im Neobiedermeier von Vinyl, VHS und Brettspiel eingerichtet haben.

Für die rasiermesserscharfe Milieustudie ist Baumbach immer gut, und seine neue Komödie bleibt meist ein ätzend genauer Klimabericht vom mittleren Alter, das von der Jugend gestochen wird – der süssen Mücke, die erst vitalisiert und dann saugt. Aber Baumbach schraubt noch ein, zwei Drehungen weiter. Josh und Jamie tun sich für eine filmische Recherche über einen Afghanistan-Veteranen zusammen, dabei überlässt der Ältere dem Jüngeren ein Stück seiner Arbeit (er will sich auch mal künstlerisch grosszügig zeigen). Gleichzeitig schaltet sich Leslie ein, Cornelias Vater, ebenfalls ein Dokumentarfilmregisseur, aber ein erfolgreicher. Josh war zeitlebens zu stolz, die Hilfe Leslies anzunehmen; doch jetzt, wo Jamie in einer Nacht einen halben Film geschnitten hat, hält er sich ran. Bis er bei Jamie etwas entdeckt, das auf ein eher unlauteres dokumentarisches Vorgehen hindeutet.

Draufhalten und dazudichten

Das läuft zu auf einen Showdown bei einem Fest zu Ehren von Leslie, wo sich drei Generationen von Weltbeschreibungskünstlern verknäueln: Leslie, der alte Ethnologe des Cinéma vérité, dem sich die Welt vor der Kamera öffnet; Josh, der Denker in Systemen, der sich auf der Wahrheitssuche verheddert hat; und Jamie, der drauflosfilmt und die Umgebung zum Tanzen bringt. Drei künstlerische Strategien, und mehr noch drei Positionen zur Welt: die soziale, die politische und die fiktionale. Besonders Josh und Jamie müssen da aneinandergeraten, der Abstrakte und der Erfahrungssüchtige: Der Ältere ist mit den Theorien aufgewachsen und reflektiert seine eigene Stellung in der Welt, deshalb ist er mit seinem Filmprojekt seit Jahren blockiert. Der Jüngere hält drauf, wenn etwas passiert, und inszeniert den Rest, weshalb er rasch vorankommt mit seinem Film.

Dahinter steckt eine der bösesten Diagnosen dieser Komödie: Josh kommt an sich selbst nicht vorbei, aber bei Jamie ist die eigene Person nur noch der unhinterfragte Bestandteil einer mühelosen dokumentarischen Fiktion auf vielen Ebenen – sich selbst einzubauen, gelingt diesem Medienvirtuosen spielend. Er kann sich auch gut verkaufen, und so gleichgültig gegenüber dem Erfolg, wie ihn Josh erlebt, ist er nicht. Er muss irgendwann sein Vorbild verraten, seine Nonchalance verdeckt da nur die Ambition im Hinterhalt. Dann aber verwandelt sich Josh zurück in Greenberg – und holt wieder aus zur Tirade.

Da wird eine Komödie am Ende recht säuerlich, worunter auch die Glaubwürdigkeit der Figuren leidet. Und der klare Blick Baumbachs verdunkelt sich zur Feindseligkeit. Aber das ist nur eine kleine Wolke in einer sonst hellsichtigen Gesellschaftskomödie, die jeden Städter bis ins Mark kitzeln muss. Noah Baumbach ringt hier mit seinem eigenen Unbehagen an der nachfolgenden Generation und sticht dabei von seiner Autoreninsel ins Meer des Mainstreams. Er bringt jetzt beides zusammen – und mehr kann man vom Unterhaltungskino gar nicht wollen.

Heute um 21.35 Uhr im Open-Air-Kino Salt Cinema. Ansonsten in Zürich in den Kinos Arena, Arthouse Movie und Riffraff.

Erstellt: 16.07.2015, 04:52 Uhr

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