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Die 53. Solothurner Filmtage sind eröffnet. Zehn Empfehlungen der Filmredaktion.

Das Ideal und die Routine: «Seitentriebe» von Regisseurin und Autorin Güzin Kar.

Das Ideal und die Routine: «Seitentriebe» von Regisseurin und Autorin Güzin Kar. Bild: PD

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Ein Schweizer Film, was ist das? In Solothurn sind es neunzig Minuten Pause zwischen einer Rede gegen No Billag und einem Podium um schlechte Drehbücher. Und also die beste Gelegenheit, sich mal wieder zu erkundigen, was das Schweizer Filmschaffen gerade macht und was Kino jenseits von Finanzierungsdiskussionen und politischen Debatten eigentlich sonst noch leistet – Empathie, Witz, Zauber, vielleicht sogar gute Unterhaltung? Wir haben zehn Empfehlungen für das Programm der 53. Filmtage, die bis zum 1. Februar dauern. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und in keiner besonderen Reihenfolge.

«Das Ächzen der Asche» von Clemens Klopfenstein

Historisch: Der neue Klopfenstein als Mitternachtsvorstellung im Landhaus, wo vor 29 Jahren seine «Geschichte der Nacht» Premiere hatte. Und hochmodern: Der neue Film mit Max Rüdlinger – und der letzte mit Polo Hofer – wird zu grossen Teilen negativ präsentiert, das Weisse ist schwarz und umgekehrt. Das funktioniert bestens. (ml)

Samstag, 23.45 Uhr, Landhaus

«Seitentriebe» von Güzin Kar

Zwei lernen sich kennen und kommen zusammen und können die Finger nicht voneinander lassen. Dann fängts aber erst an in Güzin Kars achteiliger Fernsehserie (ab 26. Februar auf SRF). Die Leidenschaften ermüden, die Lenden erlahmen, und Frauen und Männer schauen über den Hag, um nachzusehen, obs woanders lebendiger zugeht als zu Hause. Es ist die alte, aber immer neue hoch komische Tragödie, wie das Ideal, das man noch im Herzkämmerchen trägt, sich reibt an der mächtigen Routine. Und das hat Witz und Schwung und handelt vom Elend, dass zwei vielleicht nicht dasselbe meinen, wenn sie sagen, man müsse gemeinsam halt einmal etwas Neues probieren. Denn die Frau meint womöglich eine neue Stellung im Bett, und der Mann meint Kutteln. (csr)

27.1., 12 Uhr, Capitol

«Mario» von Marcel Gisler

Marcel Gislers schwule Rockstar-Liebesgeschichte «F. est un salaud» gewann 1999 den Schweizer Filmpreis. Jetzt doppelt der Regisseur mit einer Lovestory auf dem Fussballplatz nach: «Mario» erzählt von einem jungen Stürmer (Max Hubacher), der sich in einen Mannschaftskollegen (Aaron Altaras) verliebt – und sich anschliessend in Vertuschungsmanövern verheddert. (zas)

27.1., 20.30 Uhr, Reithalle
29.1., 20.45 Uhr, Reithalle

«Die Gentrifizierung bin ich: Beichte eines Finsterlings» von Thomas Haemmerli

Der Schweizer Journalist Thomas Haemmerli ist ja ein weltläufiger Mann, der sagt, er sei daheim, wo sein Laptop WLAN finde. Im reiferen Alter ist er jedoch auch draufgekommen, dass er gern schön wohnt, dicht, wenn er muss, aber mit zwei Bädern. Dass es also Schlimmeres gibt als den Luxus und die Luxusrenovation und überhaupt als all die Attribute der Gentrifizierung, dieser Veradelung gewachsener Wohnstrukturen. Und davon redet und plaudert er hier beschämt lustvoll und lustvoll sich schämend. (csr)

28.1., 9.30 Uhr, Reithalle
30.1., 20.30 Uhr, Landhaus

«Des moutons et des hommes» von Karim Sayad

Schafe im Schweizer Film, das hat eine gewisse Erfolgschance bei Kritik und Publikumsstatistik, wir denken hier zuallererst an «Hiver nomade» von Manuel von Stürler. In «Des moutons et des hommes» des Schweiz-Algeriers Karim Sayad ist die Stimmung aber sehr viel sommerlicher, trainieren Burschen aus Algier liebevoll Schafböcke für den Wettkampf, und allgemein ist das ein sehr schöner Film geworden mit einem geduldigen Atem. (blu)

28.1., 12.15 Uhr, Landhaus
31.1., 9.30 Uhr, Landhaus

«Ondes des chocs: Journal de ma tête» von Ursula Meier

Die «Viererbande» der Westschweizer Filmschaffenden hat je ein fait divers fürs Fernsehen verfilmt. Ursula Meier («Home») stellt sich in ihrer Episode die Frage, ob Literatur töten kann. Dabei konfrontiert sie Fanny Ardent als Französischlehrerin mit ihrem Stammschauspieler Kacey Mottet Klein. Der spielt Benjamin, der seine Eltern umgebracht hat – klar, gibt es da keine einfachen Antworten. (ml)

27.1., 20.45 Uhr, Konzertsaal
29.1., 12.30 Uhr, Reithalle

«I Am Not Your Negro» von Raoul Peck

Der Umstand, dass Schweizer Filmfirmen – und das Westschweizer Fernsehen! – an solchen Co-Produktionen beteiligt sind, führt dazu, dass sie in Solothurn laufen, selbst wenn der Regisseur Raoul Peck heisst und aus Haiti stammt. Sein Oscar-nominierter Essay geht aus von einem Fragment des schwulen schwarzen Schriftstellers James Baldwin und verdichtet sich zu einer bewegten (und bewegenden!) Brandrede gegen ein Jahrhundert des Rassismus in Amerika. (blu)

29.1., 21 Uhr, Konzertsaal

«Grave» von Julia Ducournau

Auch bekannt als «Raw»: Ein deutlich antivegetarischer Horrorfilm aus Frankreich, wo man ja auch sonst gern allerhand Getier schlürft. Handelt auf beängstigende Art von einer jungen Frau und ihrer unstillbaren Lust auf rohes Fleisch und steht – dem Fokus-Special zu den Drehbüchern sei Dank – fantastischerweise auch auf dem Programm dieser Filmtage. Ein absolutes Mousse (haha). (blu)

27.1., 23.30 Uhr, Palace

«Vakuum» von Christine Repond

Sie könnten glückliche Grosseltern sein. Doch dann erfährt Meredith (Barbara Auer), dass sie HIV-positiv ist, weil sich ihr Mann (Robert Hunger-Bühler) mit Prostituierten vergnügt. Der Spielfilm-Zweitling von Christine Repond («Silberwald») besticht als schonungsloses Zweipersonenstück. (zas)

27.1., 14.30 Uhr, Konzertsaal
30.1., 14.45 Uhr, Reithalle

«Fauves» von Robin Erard

Der halbwüchsige Oskar (Zacharie Chasseriaud) träumt von einer Zukunft in Zimbabwe, sein Pflegevater Elvis (Jonathan Zaccaï) will davon nichts wissen. In seinem symbolgeladenen Spielfilmdebüt «Fauves» erzählt der Westschweizer Regisseur Robin Erard von einem Generationenkampf auf Biegen und Brechen. (zas)

28.1., 15.30 Uhr, Capitol
31.1., 17.45 Uhr, Canva
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2018, 15:05 Uhr

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