Tut sich Venedig mit Polanski einen Gefallen?

Das Filmfestival Venedig lädt viele Stars, kaum Regisseurinnen und Roman Polanski ein. Dieser ist noch immer wegen eines Sexualdelikts zur Verhaftung ausgeschrieben.

Roman Polanski war 2017 Gast am Filmfestival in Cannes, 2019 kommt er nach Venedig. Foto: Sebastien Nogier (Keystone)

Roman Polanski war 2017 Gast am Filmfestival in Cannes, 2019 kommt er nach Venedig. Foto: Sebastien Nogier (Keystone)

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Ein hochkarätiges Line-up, eine Flutwelle von Stars: Was das Filmfestival Venedig für seine 76. Ausgabe im Wettbewerb bereithält, sollte eigentlich ein Grund zur Vorfreude sein. Joaquin Phoenix und Robert De Niro sind in der Comicverfilmung «Joker» zu sehen, Brad Pitt spielt die Hauptrolle im Science-Fiction-Film «Ad Astra», Scarlett Johansson und Adam Driver kommen sich in Noah Baumbachs Netflix-Tragikomödie «Marriage Story» in die Quere, Johnny Depp und Robert Pattinson sind in der J.-M-Coetzee-Romanadaption «Waiting for the Barbarians» dabei, und Steven Soderberghs Panama-Papers-Thriller «The Laundromat» glänzt mit Meryl Streep und Antonio Banderas.

Mehr Stars, ist man versucht zu sagen, lassen sich kaum in einen Wettbewerb pferchen. Aber Venedig ist ja schliesslich bekannt dafür, eine ausgezeichnete Oscar-Startrampe zu sein. Letztes Jahr waren am Lido unter anderem Alfonso Cuaróns «Roma», Bradley Coopers «A Star Is Born» und Yorgos Lanthimos’ «The Favourite» als Premieren zu sehen, die es anschliessend auf 28 Oscar-Nominationen (und 5 Auszeichnungen) brachten. Eine stolze Ausbeute.

Nur zwei Regisseurinnen im Wettbewerb

Bedauern mag man bei der diesjährigen Auswahl allerdings, dass sich in dem 21 Filme umfassenden Wettbewerb lediglich zwei Regisseurinnen finden: Haifaa Al-Mansour («The Perfect Candidate») aus Saudiarabien und Shannon Murphy («Babyteeth») aus Australien. Dass es letztes Jahr nur eine Regisseurin war, macht das Ganze nicht viel besser.

Ob sich Festivaldirektor Alberto Barbera einen Gefallen tat, Regisseur Roman Polanski in den Wettbewerb einzuladen, darf ebenfalls bezweifelt werden. Polanski ist seit 1977 in den USA wegen eines Sexualdelikts zur Verhaftung ausgeschrieben. Er war vor dem Prozess ins Ausland geflohen. 2018 wurde er von der Oscar-Akademie ausgeschlossen, woraufhin er diese verklagte. In Venedig wird der 85-Jährige nun sein jüngstes Werk «J’accuse» vorstellen. Es geht darin um den französischen Justizskandal von 1894, der als Dreyfus-Affäre bekannt wurde. Schon vor Drehstart tobte in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung. Und man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass spätestens bei der Premiere die Wogen wieder hochgehen werden – nicht nur in Venedig.

Inzwischen hat sich Festivaldirektor Barbera gegenüber dem Branchenjournal «Variety» verteidigt: «J’accuse» sei ein ähnlich grosser Film wie «The Pianist», der 2003 drei Oscars erhielt, Polanski wurde damals als bester Regisseur ausgezeichnet. «Ich habe keine Sekunde gezögert, diesen Film zu nehmen», sagt Barbera. Man müsse zwischen dem Künstler und der Person unterscheiden. «Wer sich ein Werk von Caravaggio anschaut, sieht sich ja auch das Werk eines Mörders an.»

Filmfestival Venedig: 28. August bis 7. September.

Erstellt: 25.07.2019, 18:43 Uhr

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