Udo Lindenberg – wie ein Verlierer zum Popstar wurde

Ein hinreissender Film mit überragendem Hauptdarsteller: «Lindenberg! Mach dein Ding» erzählt von den Anfängen des deutschen Rockers.

Überragend: Jan Bülow als Udo Lindenberg. Foto: Sandra Hoever (DCM, Letterbox)

Überragend: Jan Bülow als Udo Lindenberg. Foto: Sandra Hoever (DCM, Letterbox)

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Und dann hat er endlich den Auftritt, den er sich immer gewünscht hat: mit einer Bühnentreppe wie in der Fernsehshow «Einer wird gewinnen» und dazu ein eigenes Orchester. Aber als Udo Lindenberg dann lässig die Stufen in der Hamburger Musikhalle runtergockelt, hat er bereits so viel Schnaps intus, dass er stolpert, fällt und wie paralysiert liegen bleibt. Das Publikum verstummt. Und es scheint sich zu bewahrheiten, was Udos Vater ein Leben lang als Mantra vor sich hergetragen hat, wenn er in der Kneipe mal wieder alles verzockte: «Die Lindenbergs gewinnen nie, verlieren immer.»

Es ist das Jahr 1973, in dem der Film «Lindenberg! Mach dein Ding» einsetzt. Und die Bühnenpanne vom ersten grossen Liveauftritt wird zum Ausgangspunkt für eine Flut an Rückblenden. Was wiederum bedeutet, dass von der späteren Erfolgskarriere des deutschen Rockers erstaunlicherweise nichts zu sehen ist. Also kein «Horizont», kein «Sonderzug nach Pankow», nicht mal «Mein Ding», wie es im Titel heisst. Stattdessen erzählt Hermine Huntgeburths Film von Niederlagen, Demütigungen und Rückschlägen. Könnte das eine richtig mutige Biografie sein?

Von unerschütterlicher Zuversicht

Da ist zunächst Klein Udo, wie er von der Mutter (Julia Jentsch) aus dem Bett geholt wird, weil der Vater (Charly Hübner) besoffen auf dem Stubentischchen steht und die Familie als Publikum braucht, um eine Arie ab Schallplatte mit dem Kochlöffel zu dirigieren. Dann sehen wir Udo, wie er als Jugendlicher sein erstes Schlagzeug bekommt. Wie er im Kino die «Glenn Miller Story» mit James Stewart sieht und beschliesst: So was will ich auch werden. Und das ist nur ein Bruchteil all jener Stationen, die von jener unerschütterlichen lindenbergschen Zuversicht künden. Mal beginnt der junge Mann aus dem westfälischen Gronau in Düsseldorf eine Kellnerausbildung, mal spielt er in Hamburger Kneipen als Jazz-Schlagzeuger, mal weilt er als Gastmusiker in Aufnahmestudios (etwa für die «Tatort»-Titelmusik), und er ist stets bereit, als Aussenseiter das Kommerzielle zu wagen.

Die erste von vielen Wegbegleiterinnen: Susanne (Ella Rumpf) und der junge Udo (Jan Bülow). Foto: Tom Trambow (DCM, Letterbox)

Verbindendes Element sind dabei die Frauen. Die scheinen Udo in allen Alterslagen zu verfallen. Angefangen bei einer wesentlich älteren Jugendliebe (Ella Rumpf) über eine feurige Hamburger «Bordsteinschwalbe» (Ruby O. Fee), für die Udo kurz den Teilzeitzuhälter macht. Und wenn er nach dem ersten Album (ein Flop) nach Ostberlin flieht, wird er prompt von einer jungen, liebesbedürftigen Mutter vor dem Palast der Republik aufgegabelt. Diese Aneinanderreihung von Affären, man könnte das naiv nennen. Nur gut, dass der Titelheld der Naivste von allen ist.

In den Siebzigerjahren ein Rockstar werden mit deutschen Texten, das war Blauäugigkeit und Wahnwitz genug. Alle raten Lindenberg im Film davon ab, insbesondere der Talentscout einer Plattenfirma (Detlev Buck), der lieber etwas im Stil der Band Chicago hätte oder sonst halt deutschen Schlager. Dazwischen gäbe es nichts. Udo, der Gutgläubige, lässt sich widerwillig auf englische Texte ein. Und muss bös unten durch.

Halbstark, schüchtern, planlos und fokussiert

So könnte man sagen, dass «Lindenberg! Mach dein Ding» durchaus etwas Didaktisches hat. Aber manchmal tauchen Freunde wie Udos langjähriges Orchestermitglied Steffi Stephan (Max von der Groeben) so unvermittelt auf, dass man sich fragt: Wer hat denn den in den Film geschrieben? Normalerweise haben Figuren eine Vorgeschichte. Bei «Lindenberg!» ist das anders, da ist Udo die Vorgeschichte. 2 Stunden und 19 Minuten lang.

Aber keine Frage: Huntgeburths Film lebt – wie zuletzt Andreas Dresens «Gundermann» – von seinem überragenden Hauptdarsteller. Jan Bülow, der 2018/19 als festes Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich war, wirft sich mit hochgezogener Oberlippe in diese Rolle und gibt den halbstarken, den schüchternen, den planlosen und doch fokussierten Musiker. Es ist, als ob Nonchalance und Ambition in seiner Person verschmelzen würden. Und dann dieses kecke Staunen im Blick.

«Die Lindenbergs werden Klempner. Und sonst nix.»Vater Gustav Lindenberg im Film

Dazu passt die Ausstattung, aus der man jene unaufgeräumten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre förmlich riecht. Die Biografie bleibt indes kein Abziehbild, die Drehbuchautoren Alexander Rümelin, Christian Lyra und Sebastian Wehlings erzählen vielmehr von einer riesigen Überwindung: Als Lindenberg 1963 Hals über Kopf ein Engagement als Schlagzeuger auf einem amerikanischen Militärstützpunkt in Libyen annimmt, lockt ihn der Veranstalter eines Abends nach vorn. Singen soll er. Und Udo nimmt die Herausforderung an. Aber die Soldaten buhen und werfen mit Gläsern. Da flieht der Traumatisierte mit Schnaps in die Wüste, torkelt eine Düne entlang, fällt um.

Ja, wie soll so einer Frontmann werden, so zerbrechlich, wie er im Grunde ist? Und der von seinem Vater auf den Weg bekam: «Die Lindenbergs werden Klempner. Und sonst nix.» Es wird viele Jahre und viele Flaschen dauern, bis er sich diese Unsicherheiten abtrainiert hat. Dass seine Begleitband Panikorchester heisst, nie war das einleuchtender als in diesem Film. Und dass der Held kurz vor seinem Durchbruch umfällt, ist schlicht konsequent. Denn erst, wenn Udo unten ist, kann er seine Stehaufqualitäten zum Einsatz bringen. Und davon erzählt «Lindenberg!» auf hinreissende Weise.

Der Trailer zu «Lindenberg! Mach dein Ding»

«Lindenberg! Mach dein Ding»: Ab 23. Januar im Kino

Erstellt: 21.01.2020, 13:00 Uhr

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