Überraschender Architekturimport aus Berlin

In der Villa Bellerive eröffnet ein neues Architekturzentrum für Zürich.

Am richtigen Ort: Das neue Zentrum Architektur Zürich in der geschichtsträchtigen Villa Bellerive.

Am richtigen Ort: Das neue Zentrum Architektur Zürich in der geschichtsträchtigen Villa Bellerive. Bild: Dominique Meienberg

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Bauten sind Zeitdokumente. Sie spiegeln die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen wider und bringen die neusten technischen Errungenschaften zum Ausdruck. Ausserdem prägen sie die Architektursprache. Das wird gemeinhin erwartet, wird irgendwo gebaut.

Es ist sicherlich erfreulich, wenn Planer diesen Ansprüchen gerecht werden. Aber ob es in jedem Fall sinnvoll ist, darf durchaus angezweifelt werden. In manchen Fällen ergibt es wohl mehr Sinn, den Schein zu wahren, als mit Neuem in Erscheinung zu treten. Etwas, was in Architekturkreisen nicht erst seit dem Brand beim Zürcher Hauptbahnhof heftig diskutiert wird.

Mit dem Zentrum Architektur Zürich (ZAZ) im ehemaligen Museum Bellerive hat die Stadt nun einen neuen Ort, wo die Auseinandersetzung über solche Themen geführt werden kann, über die Beschaffenheit der Stadt, ihre Urbanität und ihre Entwicklungsdynamik. Den Standort hat die Stadt dem Trägerverein zur Verfügung gestellt, aber er wird inspirieren. Denn ausgerechnet die Villa Bellerive hat eine vielschichtige und überraschende Architekturgeschichte.

In der Villa wohnt der Zauber

Bis vor kurzem wurde die 1931 erbaute Villa Bellerive dem Zürcher Architekten Erhard Gull zugeschrieben, dem jüngsten Sohn des bekannten Stadtbaumeisters und ETH-Professors Gustav Gull – bekannt für den Bau von Landesmuseum und Stadthaus. Der Sohn hatte etwa das Hotel Storchen gebaut, führte aber vor allem Entwürfe anderer Architekten aus. So dürfte es auch bei der Villa Bellerive gewesen sein, wie neuste Erkenntnisse zeigen.

Es war ein Brief von 1933, den Kunsthistoriker Robert Habel von der Technischen Universität Berlin vergangenes Jahr bei seiner Arbeit über Alfred Breslauer fand. Darin hatte Breslauer, Architekt mit jüdischem Hintergrund, um die Aufnahme an die Akademie der Künste gebeten und seine Bauten erwähnt. Neben den zahlreichen Villen rund um Berlin gab er als eines seiner jüngsten Werke die Villa Bellerive in Zürich an. Er hatte das Haus 1931 für den jüdischen Textilfabrikanten Julius Bloch-Sulzberger geplant. Die Akademie indes verweigerte ihm die Aufnahme.

Jedenfalls wohnt der Villa, das war schon zu Museumszeiten so, ein Zauber inne. Vielleicht ist es der Ort, der eine gewisse Magie ausstrahlt. Um 1700 liess der Statthalter Martin Landolt die Villa Seeweid bauen, ein Sommerhaus weit ausserhalb der Stadt. Schriftstellerin Ida Bindschedler verbrachte im Haus am See regelmässig ihre Sommerferien und verewigte die Erinnerungen 1907 im Buch «Die Turnachkinder im Sommer».

10 Badezimmer auf Wunsch der Gattin

Vielleicht ist es die Grosszügigkeit des Baus, die nicht dem Zürich von damals entsprach. Eine grosse Wohnhalle mit Treppe und Kamin, hohe Räume, 27 Zimmer – 10 davon auf Wunsch der Besitzergattin Badezimmer. Oder vielleicht ist es der Stil, der für damals eher traditionell war. Zur selben Zeit wurde im Neubühl in Wollishofen die Werkbundsiedlung gebaut, ein Vorzeigewerk des Neuen Bauens. Die Villa im Forster im Kreis 6, ebenfalls ein Zeugnis des Neuen Bauens, oder Mies van der Rohes Villa Tugendhat in Brünn.

Breslauer sei in seinen Anfängen durchaus innovativ gewesen, sagte Kunsthistoriker Habel gegenüber dem Deutschlandfunk. Doch nach 1919 habe er die Chance versäumt, seine Architektursprache zu überdenken, womit wir wieder bei der Ausgangsdebatte wären. Vielleicht aber bringt gerade dieser Anachronismus etwas zum Ausdruck.

Das Zentrum Architektur Zürich macht all das in der ersten Ausstellung ab 6. September zum Thema. Bis Ende 2019 hat der Trägerverein sieben weitere Projekte programmiert, etwa über die Entwicklung der Stadt, über die Langstrasse und über Wohnbaugenossenschaften. Das Zentrum ist an vier bis fünf Halbtagen pro Woche geöffnet und will ein breites Publikum ansprechen. Das Pilotprojekt läuft bis 2020. Man darf gespannt sein.

www.zaz-bellerive.ch

Erstellt: 05.09.2018, 15:34 Uhr

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