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Unser Vater

Der Kieler «Tatort» fand die Nazis der 70er-Jahre: Es waren die Reformpädagogen.

Pascal Blum
Die Kinder des Horrors: Zwei ehemalige Schüler von Heinrichs Reformpädagogik, links der Indianer. Foto: NDR
Die Kinder des Horrors: Zwei ehemalige Schüler von Heinrichs Reformpädagogik, links der Indianer. Foto: NDR

Böser Schauer in der guten Stube, dafür ist der «Tatort» da, vor allem wenn das Wetter so wechselhaft ist wie in der Kieler Folge «Borowski und das Haus am Meer». Hinter dem unscheinbaren Titel versteckte sich ein Fernsehkrimi, der ein bisschen etwas wagte.

Klaus Borowski, Kommissar mit onkelhaftem Charme, der wahrscheinlich noch nie etwas von «mansplaining» gehört hat, untersucht zusammen mit der jüngeren Kollegin Mila Sahin den Mord an einem an Alzheimer erkrankten Mann. Heinrich wurde in einem Küstenwald gefunden. Sein Enkel Simon erklärt der Polizei, dass ein Indianer bei dem Tod eine Rolle gespielt haben soll.

War alles Fanatismus?

Das war ziemlich sicher anders, denkt sich der Zuschauer, und er behält recht. Heinrichs Vater flüchtete als SS-Scherge nach dem Krieg, mit dem Nazi-Geld baute Heinrich in Dänemark die Schule «Arken» mit radikal reformpädagogischer Ausrichtung auf. Als er dement wurde, nahm ihn sein Sohn Johann in sein Pfarrhaus auf. Heinrich hatte Johann zeitlebens abgelehnt. Im Rahmen seiner extremistischen Erziehung hat er den Kindern in der «Arken»-Schule aber auch bei der Entdeckung ihrer Sexualität nachgeholfen, weshalb es dann Heinrichs Opfer waren, die mit dem Zweimaster über die Ostsee kamen und späte Rache an ihm übten.

Am angewiderten Ton, mit der eine Ermittlerin «die 70er-Jahre» aussprach, war zu erkennen, dass dieser «Tatort» neben den Bezügen zur Odenwaldschule eine Gegenüberstellung von Nazi-Terror und antiautoritärem Fanatismus im Sinn hatte. Der Kampf gegen die Generation der Täter schlägt wieder zurück in Ideologie, eine Vererbung von Härte war da zu sehen, bis zum Pfarrer Johann, der gegenüber seiner Frau brutal wird. Eine Geschichte von Gewalttätern, alle irgendwie genau gleich verbohrt. Nun ja.

Mittendrin gab Borowski den älteren weissen Mann, der Sätze wie «das war ja eine ganz andere Zeit» sagt, während Kollegin Sahin darob immerhin die Stirn runzeln darf. Der Indianer übrigens war gar kein kindliches Hirngespinst, sondern ein realer Mensch, schwer traumatisiert von Heinrichs Erziehungsmethoden. Er erschien manchmal am Waldrand wie ein imaginärer Botschafter.

Das war dann schon fast filmisch. Allerdings: Wenn man schon einen Indianer hat, der per Segelboot ans Land kommt, hätte man wenigstens eine Szene drehen müssen, in der er wie ein verkehrter Kolumbus den Fuss in den Sand des neuen Landes setzt. Das wäre man den Zuschauern schuldig gewesen, und eigentlich überhaupt allen Opfern.

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