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Untendurch im Überangebot

Der Marktanteil von Schweizer Filmen bewegt sich kaum. Liegt es auch daran, dass sie zu wenig oft vorgeführt werden?

Hans Jürg Zinsli, Pascal Blum
Mit über 290'000 Zuschauern ein Schweizer Kinohit: «Wolkenbruch» von Michael Steiner.
Mit über 290'000 Zuschauern ein Schweizer Kinohit: «Wolkenbruch» von Michael Steiner.
Sabina Bobst

Gemessen an der Bevölkerungszahl werden in der Schweiz sehr viele Filme produziert, 2018 betrug der Marktanteil aber nur gut 6 Prozent; seit 1995 liegt der Anteil im Schnitt bei 4 Prozent aller verkauften Tickets. Ein Missstand, auf den die Zahlen des Bundesamts für Statistik zum Kinojahr 2018 nun ein neues Licht werfen.

Im vergangenen Jahr liefen insgesamt 330 Schweizer Filme im Kino. Nicht alle Filme werden aber gleich oft gezeigt: Mehr als 60 Prozent aller Vorführungen entfielen 2018 auf US-amerikanische Produktionen, 30 Prozent auf europäische. Bei den Schweizer Filmen beträgt der Anteil der Vorführungen lediglich 6 Prozent – gleich viel wie der Marktanteil.

Die Häufigkeit der Vorführungen ist also ein Faktor beim Erfolg des einheimischen Kinos. Diese Aussage ist insofern banal, als Kassenhits öfter vorgeführt werden. Im Rekordjahr 2006 mit «Grounding» und «Die Herbstzeitlosen» betrug der Anteil der Vorstellungen von Schweizer Filmen knapp 9 Prozent, was ungefähr dem damaligen Marktanteil entspricht.

Auch gibt es verschiedene Gründe dafür, dass sich ein Film durchsetzt, so Erdem Karademir vom Bundesamt für Statistik: «Darunter fallen die Sprache eines Films, das Marketing und natürlich die Qualität.» Beim Erfolg der Literaturverfilmung «Wolkenbruch» habe auch die Nähe zum Publikum mitgespielt.

Trotzdem: Dass ein Film sehenswert ist, spricht sich eher herum, wenn er eine gewisse Zeit lang im Kino zu sehen ist. Dabei sind auch Werbung und Presseberichte wichtig. Der Genfer Wirtschaftskrimi «Ceux qui travaillent» etwa lief im letzten Herbst nur ein paar Wochen im Kino. Das Publikumsecho sei gering gewesen, sagt Frank Braun von den Riffraff- und Houdini-Kinos in Zürich. Nachdem der Film im März den Schweizer Filmpreis gewonnen hatte, nahm ihn Braun wieder ins Programm – wo er jetzt noch läuft. «In diesen sechs Monaten hat er im Riffraff mehr Zuschauer angezogen als nach seiner Erstaufführung.»

Laut dem Bundesamt für Statistik gibt es keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Anzahl Vorführungen und den verkauften Tickets. Dass mehr Vorstellungen nicht zwingend mehr Eintritte bedeuten, erklärt Romy Gysin vom Kultkino in Basel damit, dass ein Kino höhere Kosten hat, wenn eine Vorstellung nur von wenigen Zuschauern besucht wird.

«Schweizer Filme haben kaum internationalen Appeal»

Beat Käslin, Arthouse-Kinos Zürich

Kommt hinzu, dass so mancher Schweizer Film sein Publikum schnell einmal erreicht hat. Neuerscheinungen sind zugkräftig und werden mit Abstand am häufigsten vorgeführt. Von den 330 Schweizer Filmen 2018 waren aber fast 60 Prozent Reprisen und Klassiker, die im Rahmen von Retrospektiven zu sehen waren. Das bedeutet viele Einzelvorstellungen: Klar mehr als zwei Drittel aller Schweizer Filme wurde weniger als einmal pro Woche vorgeführt.

Verglichen mit 1995 werden heute rund dreimal mehr Schweizer Filme im Kino gezeigt. Dass einheimische Produktionen durchaus ein Publikum erobern können, zeigt sich an Festivals wie Solothurn oder jüngst in Locarno, wo mehrere Zusatzvorstellungen von Samirs «Baghdad in my Shadow» und «Wir Eltern» von Eric Bergkraut und Ruth Schweikert angesetzt wurden. Das Basler Kultkino machte im letzten Jahr 22 Prozent der Eintritte mit Schweizer Filmen.

Verallgemeinern lässt sich diese Situation aber nicht. «Schweizer Filme haben kaum internationalen Appeal, sie spielen an internationalen Festivals oder Märkten keine Rolle», sagt Beat Käslin von den Zürcher Arthouse-Kinos. «Das macht sie auch für das Schweizer Publikum wenig attraktiv.

Dazu kommt: Mit nur einem Erfolgsfilm jährlich baut man kein regelmässiges Publikum auf.» Es brauche auch ein paar mittelgrosse Filme, damit der Schweizer Film das ganze Jahr über in den Kinos präsent sei. Das sei Aufgabe der Filmförderung, sie solle gezielter in diese Richtung fördern.

Weniger, dafür sorgfältiger

Ein Problem orten die Kinobetreiber insbesondere bei der erfolgsabhängigen Förderung Succès Cinéma. Für Schweizer Filme erhalten Verleiher und Kinos einen nach oben limitierten, besucherabhängigen Beitrag. Dieser wurde allerdings in den letzten Jahren immer mehr gesenkt. «Dadurch entfällt der Anreiz, einen Schweizer Film länger zu spielen», erklärt Käslin. Es sei sinnvoller, weniger Schweizer Filme in die Kinos zu bringen, sie dafür sorgfältiger zu lancieren.

Das betrifft auch und gerade lokale Produktionen. Edna Epelbaum, die unter anderem in Bern und Biel Kinos betreibt, erwähnt als positive Beispiele «Die vierte Gewalt» oder «Der Läufer». Diese Filme vermochten vor allem im Raum Bern Publikum anzuziehen.

Grundsätzlich gelte aber auch da, dass jeder Schweizer Film von einer guten Promotions- und Lancierungsarbeit gestützt werden müsse. «Wenn bereits nach der ersten Woche klar ist, dass das Publikum ausbleibt, können wir als Kinobetreiber leider auch nichts mehr retten.»

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