Van Goghs Geist

Der grossartige Willem Dafoe nähert sich dem Malergenie in «At Eternity’s Gate» auf ekstatische Art.

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Julian Schnabels Ego und Willem Dafoes Demut – beides hat es gebraucht, um eine neue Interpretation von Vincent van Goghs Leben und Sterben zu wagen. Das Resultat heisst «At Eternity’s Gate» und kommt gerade ins Kino. Es ist intensiv. Es ist visuell verblüffend. Es ist so körperlich, dass man die Erde, die Sonnenblumen, die südfranzösische Nacht darin beinahe riechen kann. Aber ist es überhaupt ein Film? Man hat beim Schauen oft das Gefühl, einer spiritistischen Séance beizuwohnen.

«Ich mache keinen Unterschied, ob ich ein Bild male, eine Skulptur gestalte oder einen Film drehe», sagt Julian Schnabel bei seinem Besuch in Zürich. Der flamboyante Maler, der in den 1980er-Jahren mit grossen, dick aufgetragenen Leinwänden, in die er Porzellanscherben streute, sehr schnell sehr berühmt (und sehr teuer) wurde, hat sich in seiner Laufbahn durch nichts beirren lassen. Als seine Malerkarriere stagnierte – so etwa um die Jahrtausendwende –, hat er angefangen, Filme zu machen. Mit viel Erfolg wagte er sich an die Lebensläufe aussergewöhnlicher Menschen. Er widmete sich dem schwulen kubanischen Dichter Reinaldo Arenas («Before Night Falls»), dem genialen Strassenkünstler Jean-Michel Basquiat («Basquiat») oder dem französischen Autor Jean-Dominique ­Bauby, der an einem Locked-in-Syndrom litt («Le scaphandre et le papillon»). Inzwischen sind Schnabels Leinwände wieder äusserst begehrt, sein Sohn Vito führt eine avantgardistische Galerie in St. Moritz, und der Meister selber hat endlich gewagt, worüber er, wie er im Gespräch bekennt, schon seit zwanzig Jahren nachdachte: einen Film über seinen Seelenverwandten Van Gogh zu machen.

Weil, ja: Julian Schnabel hat, wie er behauptet, zum grossen Vorgänger direkten Kontakt. Geistig. Er versteht zum Beispiel genau, warum der Holländer auf seinen Leinwänden hier eine Ecke preussischblau ausmalte oder dort diese karminrote Eruption platzierte. Alle Van-Gogh-Bilder im Film hat übrigens Schnabel selber gemalt. Ist für ihn keine Sache – und die echten konnte man schliesslich nicht auf dem Set herumstehen haben. Damit es passt und damit es ihm nicht langweilig wird, hat Schnabel seine Van Goghs leicht getunt und die historischen Figuren wie die Schauspieler aussehen lassen, die sie spielen. Der Effekt ist gespenstisch, denn wir sehen etwa das berühmte Bild «Porträt des Dr. Gachet», erkennen es genau und können doch nicht ignorieren, dass der gute Dr. Gachet verdächtig dem Schauspieler Ma­thieu Amalric gleicht. Das Gleiche mit der «Arlésienne». Es ist die bekannte Mme Ginoux, aber . . . auch ein bisschen Emmanuelle Seigner, also Madame Polanski. Nur auf der Leinwand, da durfte Schnabel nicht selbst malen. Denn klar, man musste nicht ihn, sondern Van Gogh den Pinsel halten sehen.

Dafoe zögerte keinen Moment, als Schnabel anrief

Und hier kam der fabelhafte Willem Dafoe ins Spiel, der Mann, der bis zur Auslöschung seiner Persönlichkeit mit den Rollen verschmilzt, die er verkörpert. Vielen ist er als Christus aus Martin Scorseses Film «The Last Temptation of Christ» in Erinnerung, doch seit damals (1988) hat der Mann mit dem zerfurchten Gesicht vielen komplexen Personen seine schillernde Präsenz verliehen.

Hier spielt er Van Gogh, also auch ein bisschen Schnabel. Hat er bei der Annahme der Rolle gezögert? «Ich habe augenblicklich zugesagt, als Julian anrief», erzählt Dafoe während eines nächtlichen Telefonats (er weilt gerade im kanadischen Calgary). Das Vorhandensein von 26 bisherigen Van-Gogh-Darstellern habe ihn nicht geängstigt – «weil ich wusste, dass mit einem Maler als Regisseur dieser Film ganz anders werden würde». Zudem habe er nur zwei von den vielen früheren Van Goghs selbst gesehen – Kirk Douglas aus dem Vincente-Minnelli-Film und Tim Roth aus dem Film von Robert Altman. Erst später, auf dem Set, hat die französische Filmcrew ihm immer wieder von Jacques Dutronc im Maurice-Pialat-Film erzählt. Er habe ihn sich aber bewusst nicht angesehen. «Glücklich der Unwissende», sagt er und lacht aus dem Telefonhörer, es ist ein tiefes, äusserst melodisches Lachen.

«Es gab nur einen Weg, ich musste selbst malen lernen»

Dafoe und Schnabel kennen sich seit dreissig Jahren, sind Freunde, der Maler hat den Schauspieler mehrmals porträtiert. Wenn Dafoe ein typischer «method actor» ist, also einer, der die Gefühle seiner Figuren im eigenen emotionalen Erleben verankert, so ist Schnabel ein «method director». Beiden ist die absolute Authentizität des Geschehens das Heiligste. Ihre Figuren entwickeln sie gern vor laufender Kamera. Bei diesem Film war es ganz besonders so – man wollte sich der Landschaft aussetzen, bis spontan das passierte, was auch Van Gogh passiert ist. Dafoe liess sich von Schnabel antreiben und lief mit einer Kamera durch die Gegend, mit der er seine eigenen Füsse filmte. Man sieht diese Füsse in groben Schuhen oft im Film, gerade ihr Rennen verleiht dem Film seine Intensität.

Aber wie war es mit dem Malen? Wie malt man einen Van Gogh, den eigentlich Schnabel gemalt hat, und sieht dabei noch echt aus? «Es gab nur einen Weg», erzählt Dafoe, «ich musste selbst malen lernen.» Offensichtlich haben die Lektionen mit dem Freund Schnabel und der französischen Malerin Edith Baudrand eine künstlerische Tür im Schauspielerherzen geöffnet, denn die Stimme Dafoes wird jetzt andächtig. Er erzählt, wie er anfangs versuchte, Bäume zu malen. Bis er begriff, dass man nicht die Objekte an sich, sondern das Licht malen sollte. «Anstatt das Sichtbare zu kopieren, begann ich auf das Zusammenspiel von Hell und Dunkel zu achten, und plötzlich fingen meine Leinwände an zu leben.» Das könnte nach einem weiteren Hollywood-Maler klingen (Dennis Hopper, Johnny Depp oder James Franco sind bereits in diesem Club), doch Dafoe will nichts davon wissen. «Ich will kein Hansdampf in allen Gassen sein», sagt er, fügt aber an: «Und sollte ich doch weitermalen, werden Sie es nicht erfahren. Ich werde es für mich behalten.»

Van Gogh wusste, dass dies grossartige Bilder sind

Zugegeben, bei einem Film, der sich aus Impressionen zusammensetzt (Die Erde klafft schwarz auf! Die vertrockneten Sonnenblumen bilden eine Mauer! Die Sonne lässt das Schilf wie Gold erstrahlen!), kommt die Handlung manchmal zu kurz. Man weiss zwar, wie die Sache ausgeht, doch in «At Eternity’s Gate» trägt dieses Wissen eher zur Verwirrung bei. Instinktiv vermisst man den unglücklichen, gemarterten Künstler, den man schon so oft gesehen hat.

«Dieses Klischee wollten wir eben nicht bedienen», sagt Dafoe. Dass aber sein Vincent eher verzückt als verzweifelt wirke, habe mit der Suche nach Originalität wenig zu tun. Nein, das sei das Resultat einer Erkenntnis. Er, Willem Dafoe, halte diese letzten Jahre Van Goghs in Arles (1853–1890) für die glücklichsten in seinem Leben. Warum? «In diesen Jahren malte Vincent ununterbrochen, und er wusste, dass dies grossartige Bilder waren. Endlich verschmolz er mit seinem Werk, war ein Teil von etwas Grösserem. Hat er nicht danach gesucht, sein ganzes Leben lang? Suchen wir im Grunde nicht alle danach?»

Aus den Erzählungen versteht man: Die physische Suche nach Vincent in Arles hat eine neue Sicht auf ihn ermöglicht. Einmal verdrehte sich Dafoe, der mit einer Staffelei rannte, den Fuss und fiel um. Das kreuzähnliche Gestell fiel auf ihn, er lachte liegend, während die Kamera auf ihn hielt. Wollte man auf Christus anspielen? Wer weiss. Aber falls, war Van Goghs Geist daran nicht gänzlich unschuldig.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.04.2019, 17:31 Uhr

Biografische Meditation

Mehr eine Meditation über Van Goghs künstlerische Inspiration als eine Biografie – «At Eternity’s Gate» sucht diese übergeordnete Form der historischen Wahrheit. Der Regisseur hat etwa viele der im Film zitierten Briefe Van Goghs erfunden, und doch bringen sie einem das holländische Genie sehr nahe. Die Intensität von Willem Dafoes ekstatischer Darstellung hat ihm zu Recht eine Oscar-Nomination eingebracht, denn sie verleiht dem Film erst menschliche Tiefe.

«At Eternity’s Gate»: ab 18. April im Kino

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