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Vergletscherung eines Managers

«Jagdzeit» ist die zweite und bereits letzte Schweizer Spielfilmpremiere an den Filmtagen. Woran liegt das?

Ungleiches Duo: Der Finanzchef (Stefan Kurt) und der neue CEO (Ulrich Tukur) im Film «Jagdzeit» von Sabine Boss. Foto: PD
Ungleiches Duo: Der Finanzchef (Stefan Kurt) und der neue CEO (Ulrich Tukur) im Film «Jagdzeit» von Sabine Boss. Foto: PD

Von oben gesehen: Ein Mann setzt sich auf einer kahlen Terrasse zu Tisch. Gegen links drei Fenster, der Rest besteht aus Mauern. Später wird sich dieser Alexander Maier (Stefan Kurt), loyaler Finanzchef eines Katalysator-Unternehmens, gegen das skrupellose Gebaren des neuen CEO (Ulrich Tukur) stemmen, er wird seiner Ex-Frau (Anna Tenta) verschämte Avancen machen, und er wird daheim auf Videogrossleinwand auf Wildschweine schiessen.

«Jagdzeit» von Sabine Boss ist ein Film über das Managerwesen dieser Zeit, ein Gleichnis über die Einsamkeit in einem Beruf, wo man gegen unfähige Vorgesetzte und überforderte Untergebene zugleich manövrieren muss. Dabei schimmern auch reale Tragödien durch. Zum Beispiel jene von Pierre Wauthier, dem einstigen Finanzchef der Zurich-Versicherung, der sich 2013 umbrachte und in seinem Abschiedsbrief seinen Vorgesetzten Josef Ackermann der Unfähigkeit bezichtigte.

Nun könnte man einwenden, dass der Film an Überdeutlichkeiten kranke, was die Figurenkonstellationen betrifft (und einige Nebenfiguren zu Karikaturen verkommen lässt), aber man spürt doch auch die Vergletscherung eines im Neoliberalismus Gefangenen. Das Tageslicht sieht dieser Überstunden-Mann so gut wie nie.

Es hätte Spielfilm-Alternativen gegeben

Schade bloss, dass «Jagdzeit» bereits die letzte Schweizer Spielfilmpremiere an den Solothurner Filmtagen ist (die andere war «Moskau Einfach!»). Dabei hätte es durchaus Alternativen gegeben. Kurz vor den Filmtagen starteten jedenfalls gleich drei Spielfilme («Platzspitzbaby», «Le milieu de l’horizon», «Les Particules») in den Deutschschweizer Kinos. Warum hat man diese nicht als Premieren (beziehungsweise Deutschschweizer Premieren) nach Solothurn geholt?

«Wir hätten diese Premieren selbstverständlich gerne empfangen», sagt die neue Filmtage-Leiterin Anita Hugi. «Die Frage sollte aber in diesen Fällen den Verleihern gestellt werden, welche die Startdaten dieser Filme teilweise schon sehr früh, im Februar 2019, definierten.» Zur Erinnerung: Hugi ist erst seit August 2019 als Direktorin tätig. Zu spät, um noch Akzente setzen zu können.

Bei «Platzspitzbaby» stand gemäss Ascot-Elite eine Premiere in Solothurn nicht zur Diskussion. Warum auch? Ein Jahr zuvor hatte man mit «Zwingli», der ebenfalls Mitte Januar anlief, einen Grosserfolg verzeichnet. Und «Platzspitzbaby» steht seit letztem Wochenende auf Platz 1 der Schweizer Kinocharts. Ein Film dieser Grössenordnung braucht Solothurn nicht – umgekehrt allerdings schon.

Filmtage dienen als Verstärker

Etwas anders sieht es bei den kleineren Filmen aus. «Für ‹Le milieu de l’horizon› wäre eine Deutschschweizer Premiere in Solothurn durchaus eine Überlegung wert gewesen», heisst es beim Filmverleih Outside the Box. Man habe sich dann aber für eine Premierentournee durch die Deutschschweiz entschieden. Die Strategie dahinter: Man möchte Solothurn nicht als Exklusivanlass, sondern als Verstärker nutzen und den Film, der hier ebenso wie «Les Particules» für den Prix du Public nominiert ist, über längere Zeit im Gespräch halten. Die Strategie scheint aufzugehen. «Le milieu de l'horizon» erhielt in Solothurn vier Nominationen für den Schweizer Filmpreis und wird Ende März als Favorit für diese Auszeichnung ins Rennen gehen.

Da kann «Les Particules» erstens nicht ganz mithalten und hat zweitens noch ein anderes Problem: Der Film, der bereits letzten Mai in Cannes Premiere feierte, sollte möglichst bald in die Deutschschweizer Kinos kommen, lässt der Verleih Cineworx ausrichten. «Wäre der Film in Solothurn als Deutschschweizer Premiere gezeigt worden, hätte er bestimmt lange danach nicht gestartet werden können, weil im Anschluss an Solothurn ja alle ihre Schweizer Filme ins Kino bringen wollen.» Anders gesagt: Der Film wäre dann noch länger in der Warteschlaufe stecken geblieben.

So liegt es nun an Anita Hugi, bereits jetzt für 2021 vorzuspuren, Gespräche mit Produzenten und Verleihern zu suchen und sich rechtzeitig Spielfilmpremieren zu sichern. Denn ein Festival – und als solches verstehen sich die Filmtage wenigstens teilweise – wird immer an seinen Premieren gemessen. Auch und gerade dann, wenn diese Premieren fehlen.

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