«Dieser Vater manipuliert die Kinder»

Im Dokfilm «Where We Belong» reden Kinder offen über die Trennung ihrer Eltern. Was sagt die Psychologin dazu?

Der 15-jährige Thomas ist einer der Protagonisten im Dokumentarfilm «Where We Belong» von Jacqueline Zünd. Foto: Nikolai Von Graevenitz

Der 15-jährige Thomas ist einer der Protagonisten im Dokumentarfilm «Where We Belong» von Jacqueline Zünd. Foto: Nikolai Von Graevenitz

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Im Dokumentarfilm «Where We Belong» von Jacqueline Zünd erzählen fünf Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 15 Jahren, wie sie die Trennung ihrer Eltern erlebt haben. Während der Film nur einen flüchtigen Blick auf die Väter und Mütter wirft, reden die Kinder in grosser Offenheit über ihre Gefühle.

Liselotte Staub ist Psychotherapeutin und untersucht regelmässig Scheidungskinder, auch für Gutachten zuhanden der Gerichte. Wie beurteilt sie, was die Kinder im Film erzählen?

Alessia und Ilaria, 8, Kanton Neuenburg

Die Situation
Die Eltern der quicklebendigen Zwillinge Alessia und Ilaria haben sich getrennt und sind beide neue Beziehungen eingegangen. Die Geschwister leben bei ihrer Mutter und verbringen jeden Mittwoch und jedes zweite Wochenende beim Vater. Sie verbringen auf ihren Wunsch gleich viel Zeit mit dem Vater wie mit der Mutter. Bei einer Übergabe an einer Tankstelle in den Ferien fliessen Tränen.

«Ich will einfach, dass meine Eltern stolz auf mich sind.»Alessia

Das sagt die Psychotherapeutin
«Mich freut, dass die Zwillinge die Erlaubnis haben, beim Vater über die Mutter zu reden und umgekehrt. Genau das ist ein Massstab, wenn ich Gutachten erstelle: Spüren die Kinder, dass es in Ordnung ist, über den abwesenden Elternteil zu reden? Falls ja, kann dies darauf hinweisen, dass die Eltern einen guten Umgang gefunden haben, weil sie dem Kind die emotionale Beziehung zum anderen Elternteil erlauben.

Man merkt, dass die Mädchen ein grosses Bedürfnis haben, dass es den Eltern gut geht. Für sie ist es eine Entlastung, wenn sie sehen, dass sowohl Vater wie Mutter in einer neuen Beziehung sind. Das bringt sie wieder zurück in die Rolle der Kinder, zuvor hatten sie vielleicht das Gefühl, sie müssten für den Vater oder die Mutter da sein.»

Carleton, 13, und Sherazade, 15,
Kanton Basel-Stadt

Die Situation
Die beiden Teenager aus Basel-Stadt leben seit einiger Zeit im Heim. Sie sind mit einem dominanten Vater aufgewachsen, der, wie Sherazade sagt, die Mutter «unterdrückt» habe. Als die Mutter begonnen habe, sich zu wehren, sei es zu Streitereien gekommen. Wenn der Vater heute mit den Kindern Zeit verbringt, versucht er weiterhin, das Bild der Mutter zu bestimmen.

«Ich erinnere mich ein wenig an meine Kindheit, aber nicht an meine Mutter.»Sherazade

Das sagt die Psychotherapeutin
«Der Vater instrumentalisiert und manipuliert die Kinder. Er sieht seine Lebensaufgabe darin, den Kindern die Schwächen der Mutter aufzuzeigen, und riskiert damit, dass sie die Beziehung zur Mutter opfern. Das ist ein bekanntes Muster in einem Loyalitätskonflikt: Weil die Kinder die Belastung nicht mehr aushalten, opfern sie die Beziehung zu jenem Elternteil, von dem sie weniger abhängig sind.

Gott sei Dank haben Carleton und Sherazade im Heim eine Aussensicht auf die Eltern entwickeln können. Wenn sie reden, höre ich die Sozialpädagogik. Mit diesen Kindern wurde sehr gut gearbeitet.

Ich hätte in dieser Situation vielleicht auch eine Fremdplatzierung erwogen, denn Kinderheime sind oft viel besser als ihr Ruf. Von den Kindern und Jugendlichen, die ich begutachte, kommen viele aber nie so weit. Sie sind manipuliert worden und felsenfest von der Schlechtigkeit eines Elternteils überzeugt und entschlossen, diesen nie mehr wiedersehen zu wollen.

Kinder getrennter Eltern können die Erfahrung machen, dass jeder Konflikt bedeutet, dass alles zerstört wird, dass die Katastrophe eingetreten ist. Es ist möglich, dass sie später eine Beziehung aufgeben, sobald sich ein Konflikt abzeichnet.»

Thomas, 15, Kanton Luzern

Die Situation
Bauernsohn Thomas erinnert sich daran, wie seine Mutter sagte, sie packe jetzt. Erst dachte er, sie fahre in die Ferien. Auch als der Vater von der Trennung sprach, verstand er wenig. Mit den Eltern redet Thomas noch heute nicht darüber, was vorgefallen ist, die Mutter will nicht, dass er bei ihr über den Vater spricht. Am liebsten hat Thomas seinen Traktor.

«Am Anfang schämte ich mich, bei uns im Ort war das die einzige Trennung.»Thomas

Das sagt die Psychotherapeutin
«Thomas wirkt einsam. Ihm scheint es an Modellen zu fehlen, wie man mit schwierigen Situationen umgehen kann. In der Psychotherapie nennt man es die ‹gelernte Hilflosigkeit›, Thomas sagt sich, dass er an der Situation sowieso nichts ändern kann. Auf dem Bauernhof, wo die Arbeit den Tag strukturiert, scheint es ausserdem an Aufsicht zu fehlen. Es gilt ein schweigsames Es-geht-Weiter.

Sehr erschütternd finde ich, dass Thomas es vorzieht, das Grab seines Grossvaters zu besuchen. Da hat ein Jugendlicher die Erfahrung gemacht, dass die Toten besser zuhören als die Lebenden.

Wer nicht erlebt, dass emotionale Beziehungen eine Ressource darstellen können, läuft Gefahr, Beziehungen generell zu instrumentalisieren. Eine Frau ist dann einfach dafür da, auf dem Hof auszuhelfen.

Typisch ist, dass Thomas noch sehr genau weiss, wie ihm die Mutter die Trennung eröffnete. Für viele Kinder ist dieser Moment traumatisch. Sie können sich genau daran erinnern, wie das Wetter war oder was sie gegessen haben. Das gilt auch für jene Kinder, welche die Trennung kommen sehen.»

Idealisierung des Patchwork-Modells

2018 lebten in der Schweiz 12'212 unmündige Kinder aus geschiedenen Ehen. Über die letzten 15 Jahre sind es tendenziell weniger geworden, auch weil die Scheidungshäufigkeit in dieser Zeit gesunken ist. 2018 zählte das Bundesamt für Statistik aber wieder 6 Prozent mehr unmündige Kinder von geschiedenen Eltern als 2017.

Stark angestiegen ist seit 1980 der Anteil von Paaren, die erst Kinder haben und nachher heiraten. Paare haben bei der Heirat also immer öfter ein oder bereits zwei Kinder. Da die Scheidungen in der Schweiz im Durchschnitt nach 15 Ehejahren erfolgen, kann man davon ausgehen, dass sich nicht wenige Paare trennen, wenn die Kinder im Teenager-Alter sind oder bereits die Volljährigkeit erreicht haben.

Allgemein gefragt: Muss sich die Gesellschaft in der Schweiz bei einer Scheidungsrate von 40 Prozent nicht auf viel mehr Bastelfamilien einstellen, da es irgendwann normal wird, dass Kinder mit verschiedensten Bezugspersonen aufwachsen?

«Wenn sich Leute, die selber getrennt leben und Kinder haben, das so erklären, dann tun sie das auch, um sich selber zu entlasten», sagt Staub. Die Formierung von Patchwork-Familien stelle für Kinder aber immer eine grosse Herausforderung dar, während die Erwachsenen hohe Erwartungen an diese Familienform hätten und diese idealisierten.

«Ich habe kürzlich ein Mädchen untersucht, das nie mit seinen Eltern zusammengewohnt hat. Wenn man ihm Puppen gibt und es seine Wunschfamilie spielen lässt, inszeniert es Vater-Mutter-Kind und ist traurig, wenn sich die Eltern im Spiel trennen.» Laut Staub wünscht sich jedes untersuchte Kind, dass seine Eltern wieder zusammenkommen.

«Where We Belong» läuft jetzt in den Kinos.

Erstellt: 14.11.2019, 13:40 Uhr

Die Psychologin und Psychotherapeutin Liselotte Staub ist auch als Fachrichterin am Kindes- und Erwachsenenschutzgericht des Kantons Bern tätig. Ihr Ratgeber «Trennung mit Kindern - was nun?» richtet sich an betroffene Eltern und deren Kinder (Hogrefe, Bern/Göttingen 2018).

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