Was tun, wenn Grossmutter stirbt? Schweigen!

Die US-Regisseurin Lulu Wang hat einen persönlichen Film über ihre chinesische Familie gedreht – «The Farewell» mauserte sich zum Überraschungshit des Jahres 2019.

Die verschwiegene chinesische Familie mit der Rapperin Awkwafina (Mitte) in der Hauptrolle.(Bild: Ascot Elite)

Die verschwiegene chinesische Familie mit der Rapperin Awkwafina (Mitte) in der Hauptrolle.(Bild: Ascot Elite)

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Nai-Nai ist an allem schuld. Nai-Nai ist das Mandarin-Wort für Grossmutter, und diejenige der Regisseurin Lulu Wang lag todkrank in der nordchinesischen Stadt Changchun. Krebs im fortgeschrittenen Stadium, lautete die Diagnose. Davon wusste die Achtzigjährige allerdings nichts. Und die Verwandtschaft, die Freunde, alle hielten dicht. Das ist offenbar so Brauch in China. Lulu Wang, die in den USA lebt, war entsetzt – und fabrizierte daraus einen der erfolgreichsten unabhängigen Filme des Jahres 2019.

«The Farewell» ist ein Spielfilm, aber er erzählt genau diese Geschichte: Die Grossmutter ist am Sterben. Rasch wird die in der halben Welt verstreute Verwandtschaft zusammengetrommelt, um sie noch einmal zu sehen. Der Vorwand dafür ist eine eilig angesetzte Hochzeit. Nai-Nai ahnt nichts, denkt, sie fühle sich einfach schwach wegen des Rummels um das grosse Fest. «Es ist wirklich ein Film über meine eigene Familie», sagte Lulu Wang dazu bei ihrem Besuch am Zurich Film Festival. «Aber erstaunlicherweise erzählen mir Leute aus Spanien, Südamerika oder auch aus der Schweiz, sie hätten Ähnliches erlebt.»

Der Trailer zu «The Farewell».

Natürlich: Flunkereien um Schicksalsschläge sind überall gang und gäbe. Aber Lulu Wang konnte nicht verstehen, dass man einer geliebten Person so direkt ins Gesicht lügen kann. Sogar die Ärzte machten mit, verheimlichten die Wahrheit und sagten: «Es ist zwar eine Lüge, aber eine gute.» Sie selber sei heftig dagegen gewesen, aber habe sich gegen die Verwandtschaft nicht durchsetzen können, erzählt die Regisseurin. «Schliesslich haben sie mich gar nicht an die Hochzeit eingeladen aus Angst, ich würde alles ausplaudern.» Sie ging trotzdem. Und schwieg.

In den USA hiess es, «das ist viel zu chinesisch»

Lulu Wang, 36, verbrachte ihre Kindheit in China. Als sie sechs war, zog die Familie nach Miami, wo ihr Vater eine Stelle an der Universität gefunden hatte. «Meine Eltern haben sich nicht zuletzt meinetwegen zu diesem Umzug entschieden», sagt Lulu Wang. Sie erhielt Klavierunterricht, war talentiert: «Besonders meine Mutter sah mich bereits als grosse Konzertpianistin.» Stattdessen wurde sie Filmemacherin. Drehte Kurzfilme und 2014 eine romantische Komödie namens «Posthumous». Die fiel nicht gerade durch, brachte aber – abgestempelt als Dutzendware – auch nicht den erhofften Durchbruch.

Was nun? Lulu Wang dachte ernsthaft daran, mit dem Filmemachen aufzuhören: «Ich war ratlos, wohin ich mit dem Leben sollte. Ich fühlte mich allein, war Single. Meine wichtigste Beziehung war die übers Telefon mit meiner Grossmutter in China. Und auch sie würde bald weg sein, aber darüber durfte ich mit ihr nicht sprechen. Das war der Startpunkt zu diesem Projekt.»


Eigentlich ist es ihre Geschichte: Regisseurin Lulu Wang. (Foto: Getty)

Nur, auf einen solchen Film hat niemand gewartet. Die US-Produzenten sagten, «das ist viel zu chinesisch». Die Chinesen aber erwiderten, solch eine westliche Sicht auf den Tod und die Familie verstehe ein chinesisches Publikum nicht. Es sah lange so aus, als ob die Regisseurin «The Farewell» schon im Projektstadium würde Adieu sagen müssen. Als letzte Hoffnung erzählte sie ihre Geschichte in der beliebten Radiosendung «This American Life». Und siehe da, die Publikumsreaktionen waren enorm. Schon bald kamen Produzenten an Bord, darunter die Firma von Chris Weitz, der zum Beispiel «Star Wars: Rogue One» geschrieben hatte.

Die Grossmutter kam ab und zu selber aufs Set

Damit eröffneten sich neue Welten. Als Hauptdarstellerin – für ihre eigene Rolle, sozusagen – engagierte Lulu Wang die New Yorker Rapperin Awkwafina. Die war damals zwar noch unbekannt, schaffte aber vor dem Start von «The Farewell» den Durchbruch in der Komödie «Crazy Rich Asians». Die Dreharbeiten konnten stattfinden, in den USA und auch in China. Die Grossmutter kam ab und zu selber aufs Set. Aber alle dort waren instruiert, ihr nicht zu erzählen, um was es wirklich ging.

Nai-Nai im Zentrum, auch an der schnell einberufenen Hochzeit. (Foto: Ascot Elite)

Awkwafina ist grossartig als Frau zwischen allen Welten, ihr Gesicht kann gleichzeitig völlige Ratlosigkeit und wilde Entschlossenheit ausdrücken. Und sie trägt wesentlich dazu bei, dass der Film diesen Frühling zum Überraschungserfolg wurde: «The Farewell» startete im April gleichzeitig wie «Avengers: Endgame». Natürlich mit viel weniger Kopien. Aber die hatten im Schnitt mehr Publikum als die Superhelden.

Das ist das Happy End dieser Geschichte um einen aussergewöhnlichen Film. Lulu Wang hat ihre ganz eigene Stimme als Regisseurin gefunden. Sie arbeitet jetzt an einem grossen Science-Fiction-Projekt. Sie ist nicht mehr Single, sondern mit Barry Jenkins zusammen, dem Regisseur des Oscarfilms «Moonlight». Und, ach ja, die Nai-Nai im fernen China lebt sechs Jahre nach der Diagnose immer noch.

«The Farewell»: ab 25. Dezember im Kino



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Erstellt: 14.12.2019, 17:10 Uhr

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