Was wirklich geschah

Tschernobyl, Narcos, der Mord an Gianni ­Versace und die junge Queen Elizabeth: Erfolgreiche Netflix-Dokudramen im Faktencheck.

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Chernobyl (2019)

Um was geht es in der Serie?

Im April 1986 kam es im Kernkraftwerk von Tschernobyl im Reaktor 4 zu einer Explosion. Warum? Wer war schuld? In fünf Folgen werden in dieser HBO-Miniserie die Geschehnisse nacherzählt. Dabei konzentriert sich «Chernobyl» auf die Rolle von Waleri Legassow, den Leiter des Untersuchungskomitees, das nach der Katastrophe gegründet wurde.

Wahrheitsgrad

Die grössten Falschbehauptungen

Ein Helikopter stürzt wegen der starken radioaktiven Strahlung über dem Reaktor ab: falsch. Die gezeigte «Todesbrücke» ist ebenfalls ein Mythos. Auch bei den gesundheitlichen Folgen der Strahlung spitzt «Chernobyl» zu: Die Erkrankten sehen aus wie Zombies – obwohl Radioaktivität im Innern des Körpers Schaden anrichtet. Dass Europa nur knapp der Verseuchung entging, wie in der Serie geraunt wird, ist genauso falsch wie die Figur einer mutigen Atomphysikerin, die sich gegen die Apparatschiks stellt.

Unterhaltungswert

Hauptfigur und Schauspieler

Der britische Schauspieler («Mad Men», «The Terror») spielt den Chemiker – der vier Jahre nach der Katastrophe Selbstmord beging.

Wieso man die Serie sehen muss

Verschiedene reisserische Details wurden in «Chernobyl» hinzugedichtet. Das ist unnötig, da das Desaster mit seinen vielen Opfern ohnehin fürchterlich war, und die Serie Radioaktivitätsparanoia nicht gebraucht hätte – die präzise Analyse des Versagens ist spannend genug: Wie die Befehlskette zu Vertuschungsaktionen führte und die technologische Hybris den GAU auslöste.


Narcos (2015-)

Um was geht es in der Serie?

Die Netflix-Serie «Narcos» handelt von den Wahnsinnstaten des kolumbianischen Drogenhändlers Pablo Escobar. Wie er vom Bauernsohn zum Multimilliardär aufstieg, in seiner Heimat gar als Präsidentschaftskandidat antrat – und sich den Häschern der amerikanischen Drogenbehörden immer wieder entzog.

Wahrheitsgrad

Die grössten Falschbehauptungen

Pablo Escobar hat schätzungsweise 10'000 Menschen auf dem Gewissen. Die Serie zeigt die spektakulärsten Morde, die er beging oder ausführen liess. Einige davon sind aber erfunden, wie Escobars Sohn, ein heute angesehener Architekt, klarstellte. Ausserdem habe sein Vater die Zivilbevölkerung von Cali immer in Ruhe gelassen und nur das gleichnamige Kartell bekämpft. Und: Escobar habe Suizid begangen und sei nicht von amerikanischen Agenten erschossen worden.

Unterhaltungswert

Hauptfigur und Schauspieler

Wagner Moura spielt Escobar eindrücklich als melancholischen Paranoiker. Nur sein brasilianischer Akzent wurde in Kolumbien kritisiert.

Wieso man die Serie sehen muss

Im Unterschied zu «Chernobyl» konzentriert sich «Narcos» auf seinen Protagonisten und dessen Greueltaten. Den Opfern kommt wenig Bedeutung zu, ausser, dass es unglaublich viele sind. Das kann man kritisieren, doch letztlich ist die brutale und hoch spannende Serie auch so eine ernüchternde Lehrstunde in Staats- und Drogenpolitik.


The Crown (2016–)

Um was geht es in der Serie?

Jede Staffel dieser Netflix-Serie umspannt ein Jahrzehnt Regentschaft von Königin Elizabeth II., beginnend mit der Amtsübernahme durch die damals nur 25-jährige Prinzessin. Der Fokus liegt nicht nur auf dem Privaten, sondern auf Elizabeths Zusammenspiel und Zwistigkeiten mit den abwechselnden Premierministern, etwa Churchill.

Wahrheitsgrad

Die grössten Falschbehauptungen

Elizabeths Ehemann, Prinz Philip, soll laut der Serie in die Profumo-Affäre involviert gewesen sein – wofür es aber keine Beweise gibt. Dasselbe gilt für die Affäre mit einer russischen Ballerina. Winston Churchill wiederum traf Elizabeth oft, allerdings nicht als der gestrenge Mentor, sondern fast schon als Freund. Last, but not least: Jackie Kennedys Besuch im Buckingham-Palast, ein Highlight der Serie, verlief in Wahrheit viel weniger desaströs als in der Serie geschildert. Weggetreten von Medikamenten war die US-First-Lady nicht.

Unterhaltungswert

Hauptfigur und Schauspieler

Claire Foy spielt in den ersten beiden Staffeln die junge Elizabeth. Danach übernimmt Olivia Colman.

Wieso man die Serie sehen muss

«The Crown» ist eine der teuersten Serien überhaupt und soll noch Jahre andauern. In diesem Jahr will Netflix die dritte Staffel aufschalten. Über all dem Prunk stehen die Fragen: Wie wurde aus der jungen, fröhlichen Elizabeth die kühle, unnahbare Königin? Und ist die Monarchie noch zeitgemäss? «The Crown» ist keine Hochglanz-Seifenoper, sondern ein düsteres, packendes Politdrama.


Der Mord an Gianni Versace (2018)

Um was geht es in der Serie?

Der Mord an Modedesigner Gianni ­Versace schockierte 1997 die Welt. Warum suchte sich der Serienkiller ­Andrew Cunanan ausgerechnet ihn als Opfer aus? Minutiös zeichnet die Serie das Leben Cunanans nach und zeigt Giannis Schwester Donatella, die das Unternehmen an sich reisst. Parallel dazu sehen wir, wie das FBI von einer Ermittlungspanne zur nächsten eilt.

Wahrheitsgrad

Die grössten Falschbehauptungen

Falsch ist, dass Versace seinen Mörder aus der Schwulenszene kannte. Dies bestritt die Versace-Familie genauso wie die angebliche HIV-Erkrankung Giannis. Schlicht falsch ist die Mordszene. Zwar erschoss Cunanan Versace vor dessen Haus am helllichten Tag, doch Zeugen dafür gab es keine. Die Show zeigt Cunanan als flamboyanten Callboy. Er ging dieser Beschäftigung nach, aber die Modelfigur ging ihm im richtigen Leben ab. Offenbar war er zuletzt so dick, dass er von der Polizei fast nicht erkannt wurde.

Unterhaltungswert

Hauptfigur und Schauspieler

Der ehemalige Teenie-Star gewann für seine unglaublich intensive Serienmörder-Darstellung einen Emmy.

Wieso man die Serie sehen muss

Im Unterschied zu klassischen True-Crime-Serien sind hier der Ablauf des Mordes und die Identität des Mörders von Anfang an bekannt: Die Serie ist denn auch mehr Drama als Thriller und ein unheimlicher Trip in den Kopf eines Serienmörders. Nebenbei schafft sie ein Gesellschaftspanorama einer Zeit, die von Hedonismus und Homophobie geprägt war.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 22.07.2019, 18:09 Uhr

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