Weitermachen, trotzdem

Mohamad Abdul Aziz ging 2011 gegen Assad auf die Strasse. Sein Damaskus-Film «Four O’Clock, Paradise Time» läuft am Dienstag in Zürich.

Hier leben? Nein danke. Mohamad Abdul Aziz zu Besuch in Zürich. Die Stadt seines Herzens bleibt Damaskus. Foto: Sabina Bobst

Hier leben? Nein danke. Mohamad Abdul Aziz zu Besuch in Zürich. Die Stadt seines Herzens bleibt Damaskus. Foto: Sabina Bobst

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Die Beine des Pferdes knicken ein, es sinkt zur Seite, erstaunt, von seiner eigenen Erschöpfung überrumpelt. Nur kurz kann es seinen grossen, geschmückten Kopf aufrecht halten. Es hat ausgekämpft. Der Kutscher kommt mit der Peitsche, aber da hilft kein Schlagen. Dass der Mann weiterwütet, sagt mehr über seine Verzweiflung aus als über seine absurde Hoffnung, das Ross doch noch wiederzubeleben.

Wie der Bauer den Karren mit der schweren Fracht – seine todkranke Frau, ihr wohl achtjähriges Söhnchen, das sich ständig einnässt, und ein Greis – davor durch den dichten Verkehr von Damaskus dirigiert hat; wie er, buchstäblich, am toten Punkt anlangt und am Ende den Karren selber weiterzieht: Das allein könnte ein Film sein. Es ist aber nur einer der sieben Geschichtenfäden im zweistündigen Damaskus-Epos «Four O’Clock, Paradise Time» des syrischen Filmemachers Mohamad Abdul Aziz.

Ausweichende Antworten

Der Stil seines multiperspektivischen Vexierspiels ist poetisch-direkt und diplomatisch-schillernd. Man kann auch sagen: subtil und sich souverän jedem Zensurgriff entziehend. In genau diesem Stil antwortet der 42-jährige Filmemacher auch bei unserem Gespräch am hiesigen Arab Film Festival. Denn ein Vertreter der nationalen syrischen (assadschen) Filmorganisation markiert permanent, wenn auch dezent Präsenz und sitzt beim Interview mit dabei.

«Der Tod ist überall.»Mohamad Abdul Aziz

«Ich komme gerade aus Damaskus, meine Familie, meine zwei Söhne, ein und neun Jahre alt, sind dort. Im Allgemeinen fühle ich mich sicher.» Sagt Aziz und ergänzt: «Bei meinem Nachbarn fiel eine Mörsergranate aufs Haus. Die ganze Familie ist tot. Der Tod ist überall.» Die Stadt sei voller Checkpoints, und von irgendwoher knallten stets Schüsse, donnerten Geschütze. «Four O’Clock, Paradise Time» erfasst dieses Grundgefühl einer kriegsversehrten Stadt. «Es ist wie in London im Zweiten Weltkrieg, man erlebt den Tod jeden Tag, aber das Leben geht weiter. Trotzdem, trotzdem.»

Trailer «Four O’Clock, Paradise Time». Quelle: Youtube/ Arab CameraFestival

Und so läuft der Film über mit Symbolen und Leitmotiven wie gelben Giftschlangen, gelben Liebeszitronen. Die Zeit eines einzigen Tages wird immer noch einmal zurückgedreht – und jede Szene erhält durch den Rewind eine neue Deutung. Was da scheinbar artifiziell ineinandergeflochten wird, jagt uns den Puls in die Höhe und Tränen in die Augen: Sobald die Verwirrung sich lichtet, meldet sich der Schmerz. Etappenweise, rückspulweise verschlingen sich die dramatischen Clips zum düsteren Ganzen, zum schwarzen Märchen; zur bösen Parabel über die Allgegenwart des Todes. Aber eben – im Damaskus von heute ist er ein Regent besonderer Art.

Im Film schaut der Vater einer krebskranken, modernen jungen Frau – die noch auf dem Sterbebett ausserehelich liebt – hilflos aus dem Fenster ihres Spitalzimmers; und sieht in einem entfernten Stadtviertel eine schwarze Rauchwolke aufsteigen. Was er nicht weiss und auch der Zuschauer erst nach etlichen Rewinds begreift: Dort ging gerade eine Autobombe hoch und erwischte eine Tänzerin auf dem Weg zu ihrer Show. Sie ist eine junge Frau, die just am Anfang einer grossen Liebe zu einem Assad-Soldaten steht und verwandt ist mit dem Geliebten der Krebskranken.

Nicht bereit zu gehen

«Ausgerechnet an dem Tag, als wir das drehten, fiel eine Mörser­granate auf die Ingenieursfakultät. 22 Studierende starben», berichtet Aziz. Wieso bleibt der Filmemacher in Syrien? Wegen der Kinder denke er täglich ans Ausreisen, bekennt der metropolitane Mann mit den farbigen Sneakers und dem Sportoutfit, dem Hipsterbart und dem dünnen, dunklen Rossschwänzchen, der in jeder europäischen Grossstadt problemlos daheim wäre. Aber irgendjemand müsse doch bleiben. Und überhaupt sei er noch nicht bereit, zu gehen. Dieser Konflikt wird in einer Filmszene ausdiskutiert, die zu einem weiteren Storystrang des höllischen Paradieses gehört: Ein urbaner Mann will weg mit Frau und Kind, aber sie sträubt sich, hängt an ihrer Heimat.

Für Aziz ist Damaskus die Stadt seines Herzens, seit er von seinem Provinznest an der türkischen Grenze mit dem Zug in 18 Stunden in die Hauptstadt fuhr, um eine Frau anzuschmachten. Aziz hat in Damaskus seinen Lieblingsbaum, seine Lieblings­kinos, kennt jede Ecke aus guten und schlechten Zeiten. Ende der Neunziger zog er zum Lehramtsstudium hin – und bekam einen Job als Schauspieler. Der Rest ist persönliche Filmgeschichte: von «Half a Milligram of Nicotine» (2006) über «Damascus with Love» (2010), «The Two Immigrants» (2014) und dem Festivalfilm (2015) bis hin zum aktuellen «The Fires». Die Titel lassen es ahnen: Aziz ist kein Schönwetter-Filmer. In seinen Bildern steckt die Schwere des Lebens in Syrien – schreit, wo sie nicht ausformuliert werden darf. Und «Four O’Clock» als Film von Assads Gnaden zu boykottieren, ist verkehrt. Also wagten die Kuratoren des dritten Arab Film Festival Zurich die Einladung.

Der Künstler, der konsequent freundlich bleibt und so ausführlich erzählt, dass die Übersetzerin kaum hinterherkommt und der unauffällig-auffällige Staatsvertreter bisweilen aushilft: Er ist jedenfalls kein Feigling. Beim ersten demokratischen Aufbruch in Syrien ging auch Aziz täglich demonstrieren. Er hoffte auf Freiheit und Demokratie. Und auf den Support aus dem Westen. «Aber jetzt scheint mir alles besser als die Herrschaft der Islamisten. Wenn Assad stürzt, kommt Schlimmeres: Das ist die bittere Wahrheit», sagt er. «Ich helfe oft in Aleppo, arbeite dort mit Kindern. Sie kommen an einem Tag, am nächsten sind sie tot.»

Marxistische Mutter

Liegt Trump mit seiner Assad-Unterstützung richtig? Als Populist sei er verheerend, vermutet Aziz, gerade für die aufgeklärte Zivilisation, die sich in Europa und den USA durchgesetzt habe und Vorbild sei für die übrige Welt. «Wenn ich in Zürich herumlaufe, sehe ich lauter angstfreie Gesichter, anders als in Syrien.» Aber Europa, das über grossartige Errungenschaften wie soziale Gerechtigkeit und die Trennung von Staat und Kirche verfüge, habe sich zu wenig im Nahen Osten engagiert. Da hänge es nicht an einer Person, sei es Trump oder ein anderer, um alles wieder ins Lot zu bringen. «Entwicklungsprojekte wären wichtig; und die Rückkehr der Jugend, die jetzt in Europa ausgebildet wird. Die Jungen könnten beim Aufbau helfen.»

Aziz’ Familie musste zusehen, wie das türkische Militär zum Spass Menschen von den Feldern schoss.

Aziz’ eigene Kindheit hätte ihn ganz woandershin führen können statt als kreativen Kopf in die «Perle Syriens». Seine Mutter war eine marxistische Bäuerin, die bereits vor Aziz’ Geburt ihren Mann verloren hatte. Der kleine Bub lernte früh, sich aus dem einzigen Foto, das er von seinem Vater besass, Träume und Geschichten zusammenzufantasieren. Und die Witwe schlug sich in einer patriarchalen Gesellschaft durch; die Familie hat jesidische, armenisch-christliche und kurdische Wurzeln. Aber egal, wie man geprägt war, man musste machtlos zusehen, wie das türkische Militär gelegentlich, zum Freizeitvergnügen, Verwandte von den Feldern schoss, die dort arbeiteten. Aziz zeigt beides in seinen Damaskus-Filmen: starke Frauen und eine allgemeine Machtlosigkeit. Die Verschiedenheit und die Ähnlichkeit aller Menschen im Angesicht von Liebe und Tod.

«Four O’Clock, Paradise Time» von Mohamad Abdul Aziz läuft am 6. Dezember im Filmpodium (20.45 Uhr). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2016, 19:44 Uhr

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