«Wenn die Leute Porno hören, denken sie nicht an gute Filme»

Erika Lust ist es leid, dass meist Männer bestimmen, was erotisch ist. Die Regisseurin erzählt, wie man intelligente Pornos dreht.

Die gebürtige Stockholmerin Erika Lust dreht Pornofilme, die dem Sex den Menschen zurückgeben. Foto: Erika Lust Films

Die gebürtige Stockholmerin Erika Lust dreht Pornofilme, die dem Sex den Menschen zurückgeben. Foto: Erika Lust Films

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Erika Lusts Büro in Barcelona. Sie könnte hier auch gut eine Agentur für Innenarchitektur führen, wenn da nicht die nackten Körper an den Wänden wären. Die Schwedin produziert feministische Pornos, sie redet gerne, viel und schnell darüber.

Mögen Frauen Pornos überhaupt?
Viele Frauen sind interessiert. Aber sie sind angeekelt von dem, was sie im Netz sehen. Sie wollen Filme, die sie inspirieren und anmachen. Keine Pornos, bei denen sie am liebsten kotzen würden.

Was macht einen guten Porno aus?
Ich will ein Narrativ, ich will verstehen, wer die Leute sind. Sie müssen sich wirklich voneinander angezogen fühlen. Das Licht, der Style, alles muss zusammenpassen.

Guter Porno ist also ästhetisch?
Oh ja, ich will, dass es wunderschön aussieht. Tolle Location, tolles Make-up, grossartige Klamotten.

Verfilmte Fantasien: Trailer zu «XConfessions Vol. 6». Video: Erika Lust Films

Sind das weibliche Vorlieben?
Na ja, meine Filme schauen noch immer mehr Männer. 60 Prozent ungefähr. Jeder denkt, dass Männer nur auf den Standardporno mit jungen Frauen und grossen Brüsten stehen, aber es gibt eine neue Generation von Männern. Sie wollen etwas Intelligenteres.

Intelligent sind Pornos meist nicht.
Wenn Leute das Wort Porno hören, denken sie auch nicht an gute Filme, sondern an Youporn und Pornhub. Die meisten Leute, die Pornos drehen, haben keine Ahnung vom Film. In den meisten Mainstreampornos wird es so dargestellt, als wäre Sex etwas, das Männer den Frauen antun. Auch ich mache explizite Filme, die man Pornos nennen kann, da sie Sex zeigen, aber sie sind mehr als das. Manchmal frage ich die Leute, was sie denken, was feministischer Porno ist.

«Frauen wollen Filme, die sie inspirieren und anmachen. Keine Pornos, bei denen sie am liebsten kotzen würden.»Erika Lust

Und was antworten die?
Sie sagen oft: Ach, nur mit Frauen? Das wäre doch ein lesbischer Porno. Manche fragen auch: Feministischer Porno, also mit hässlichen Frauen?

Feministinnen gelten per definitionem als unattraktiv?
Genau, sie sagen: Okay, also mit Frauen mit Haaren unter den Achseln. Natürlich habe ich Frauen mit Achselhaaren in meinen Filmen, aber das ist den Dar­stellern überlassen, ich bin nicht ihre ­Stylistin. Manche fragen auch, ob die Frauen die Männer unterdrücken in den Filmen.

Was ist denn feministischer Porno?
Der Spass der Frau ist entscheidend, man muss die Lust der Frau sehen. Eigentlich sollte das keine eigene Kategorie sein.

Wird weibliche Lust in den gängigen Filmen mystifiziert?
Absolut. Es machen mehr Männer Pornofilme, doch die sind nervös, wenn es um die weibliche Lust geht.

Worauf führen Sie das zurück?
Männer wissen nie, ob die Frau gekommen ist oder nicht. Es gibt ein paar Hinweise, die Pupillen, die roten Flecken am Hals, aber das ist nicht das Gleiche.

Also lieber gleich den Mann zeigen, weil bei dem die Sache klar ist?
Der Typ ist im Mainstreamporno immer der tragende Charakter. Man sieht zwar die ganze Zeit die Frau, doch sie ist nur das schöne Objekt. Aber das heisst nicht, dass man im feministischen Porno keine Lust des Mannes sehen sollte.

«In meinem Film kann sie die Pizza bezahlen, die beiden haben Sex und essen sie am Ende gemeinsam.»

Ist da eine gewisse Furcht?
Wenn es um Feminismus geht, über­reagieren die Männer sofort: Ja wie, soll der Mann keine Rechte mehr haben? Dabei wollen Frauen einfach die verdammt gleichen Rechte haben wie die Männer.

Die Männer kommen in Ihren Filmen auch gut weg, oder?
Sie werden vermenschlicht. Sie müssen keine Sexmaschinen mehr sein, von denen man nur den Penis sieht.

Ist ein Blowjob antifeministisch?
Natürlich nicht. Frauen sind mittlerweile ziemlich verwirrt, was Feminismus und Sex angeht. Sie denken, wenn man Feministin ist, muss man auch im Bett dominant sein. Doch ist es jedem selbst überlassen, welchen Sex er haben möchte. Du kannst Feministin sein mit starken Ideen, und der Mann nimmt dich im Schlafzimmer ran – wenn es das ist, was du willst.

Sie haben einmal gesagt, Porno hat die Macht, eine sexuelle Revolution voranzutreiben.
Das ist grossartig, habe ich das gesagt?

Die Frage ist doch, ob wir diese sexuelle Revolution noch brauchen.
Sie ist noch lange nicht vollendet, wir brauchen vor allem eine Porno-Erziehung. Die meisten Kinder, die neun Jahre alt sind, werden in diesem Lebensjahr einen Porno sehen und nie darüber sprechen. Man redet an den Schulen über Sex, aber nicht über Pornografie.

Dabei beeinflusst die Pornoindustrie vor allem junge Leute, die noch keinen Sex hatten.
Ja, sie schauen Pornos, weil sie etwas über Sex lernen wollen. Frauen lernen dann, dass es ihre Aufgabe ist, den Mann zu befriedigen. Und Männer lernen, dass sie Frauen benutzen können.

Sie selbst haben zwei Töchter – sechs und neun Jahre alt. Reden Sie über Sex?
Ich beantworte alle Fragen, sonst würde ich vermitteln, dass Sex etwas Gefährliches ist. Viele Eltern denken, dass ihre Kinder nicht über Sex reden und sich stattdessen «Harry Potter» ansehen. Schauen Sie mal, was passiert, wenn Sie Harry Potter und Sex googeln – Sie landen höchstwahrscheinlich auf einer ­Pornoseite.

Wollen viele junge Mädchen für Sie arbeiten?
Es gibt viele im Alter von 18 Jahren, die mir sagen, sie wollen ein Pornostar werden. Ich sage dann immer: Gut für dich, aber probiere das erst einmal im Privaten aus. Denn wenn du einmal Sexvideos im Internet hast, werden sie nie wieder rauskommen.

Ihre Filmdarsteller sind meist älter.
Ich bin nicht daran interessiert, die Jüngsten zu porträtieren, sondern Menschen mit einem Leben. Ich arbeite nicht mit Leuten unter 21 oder auch unter 23 Jahren.

Wie casten Sie?
Ich bekomme jeden Tag Mails aus aller Welt – nicht alle davon sind professionelle Darsteller. Ich habe ein Team, das Leute auswählt, die ich dann treffe. Ich arbeite mit niemandem, den ich nicht persönlich kenne. Manchmal drehe ich auch mit Paaren.

«In Mainstream-Pornos wird einfach penetriert.Super langweilig. Mich interessiert, wie sich die Menschen ansehen.»Erika Lust

Wie ist das, wenn die Leute zum ersten Mal einen Porno drehen?
Für Frauen ist es ziemlich einfach. Sie neigen dazu, feucht zu werden, wenn sie nervös sind. Männer dagegen haben ein Problem, die Erektion zu halten. Zwar sagt jeder Typ auf der Strasse, wenn du ihn fragst, ob er gerne Pornostar wäre: «Grossartig!» Aber selbst wenn du ein wahnsinnig toller Liebhaber im Privaten bist, heisst das nichts. Das ist nicht das Gleiche wie mit fünfzehn Leuten um dich herum.

Warum besteht Ihr Team fast nur aus Frauen?
Es ist nicht so, dass Männer nicht erlaubt sind, aber ich halte den ersten Platz für Frauen frei. Frauen kommunizieren anders, sie verstehen Ansagen auch, wenn es keine Befehle sind.

Wie ist es an einem schlechten Tag, Menschen beim Sex zuzusehen?
Was könnte es Besseres geben?

Aber Sie verfilmen doch auch stereotype Geschichten. Auf Ihrer Plattform finden sich Filme über Sex mit dem Boss oder dem Pizzaboten.
Es geht darum, wie man solche Filme kreiert. Wenn nur eine gewisse Gruppe weisser Männer Filme produziert, gibt es nur ihre Version von Erotik: Das sind Kerle, bei denen sich alles um Autos, Drinks und Frauen dreht. Im Fall des Pizzaboten zwingt dieser die Frau, mit ihm Sex zu haben, weil sie die Pizza nicht zahlen kann.

Wie erzählen Sie vom Pizzaboten?
In meinem Film kann sie die Pizza bezahlen, die beiden haben Sex und essen sie am Ende gemeinsam.

Kümmert dieser Unterschied die männlichen Zuschauer?
Viele meiner männlichen Freunde erzählen mir, dass sie die Mainstream-Filme mögen. Aber wenn ich sie dann frage, ob die Mädchen darin wirklich so aussehen, als hätten sie Spass, dann beginnen sie nachzudenken und werden nervös.

Nur wenige sehen den Frauen ins Gesicht.
Veränderung geht immer von einem kleinen Teil der Gesellschaft aus. Wir haben uns ja auch beim Essen umgestellt. Früher sprach niemand über die Risiken von Chips, mittlerweile essen wir Kohlsalat. So kann das auch mit Pornos sein, wir können uns erziehen.

Schauen Sie selbst noch Pornos?
Das klingt komisch, aber ich habe Pornos nie gemocht. Sie sind super langweilig.

Sie meinen Mainstream-Pornos?
Ja. In Mainstream-Pornos wird einfach penetriert. Das will man zwar auch sehen, aber nicht die ganze Zeit. Mich interessiert, wie sich die Menschen ansehen, wie die Hand den Rücken kratzt.

Schauen Sie auf Pornoseiten, was die Konkurrenz so treibt?
Nein. Ich lebe in meiner schönen, erotischen Welt. Mein Partner rüttelt mich manchmal und sagt, ich soll mir mal anschauen, was da los ist: Kaufe Penispumpen, vögle eine Grossmutter. Dann wird mir wieder richtig schlecht, wenn ich das sehe.

Erstellt: 05.02.2017, 17:41 Uhr

Erika Lust

Produzentin von Pornos

Erika Lust, bürgerlich Erika Hallqvist, ist am 22. Februar 1977 in Stockholm geboren. Sie hat Politikwissenschaft und Gender Studies studiert. 2004 drehte sie ihren ersten Porno «The Good Girl» und gründete das Unternehmen Lust Films. Fürs Projekt «XConfessions» verfilmt sie die Fantasien ihrer Zuschauer, sie präsentiert zudem Produktionen anderer feministischer Regisseurinnen. Lust lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Barcelona.

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