Es wird zu viel Englisch geredet

Der nigerianische Film «Lionheart» wird nicht als internationaler Film zu den Oscars zugelassen.

Genevieve Nnajis Film «Lionheart» erzählt vom Alltag in Nigeria, ohne Fokus auf Hunger, Terror und Krieg. Foto: Netflix

Genevieve Nnajis Film «Lionheart» erzählt vom Alltag in Nigeria, ohne Fokus auf Hunger, Terror und Krieg. Foto: Netflix

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Es ist schwer zu sagen, ob sich die Oscar-Akademie in Kalifornien zumindest ein wenig mit der Geschichte Nigerias auskennt. Ob die Mitglieder wissen, wo das bevölkerungsreichste Land Afrikas liegt und welche Sprachen dort gesprochen werden. Für viele Nigerianer erscheint es eher unwahrscheinlich, dass sich das Auswahlgremium des berühmtesten Filmpreises schon einmal genauer mit ihrem Land beschäftigt hat.

«Wir haben es uns nicht ausgesucht, von wem wir kolonisiert wurden», schleuderte die nigerianische Schauspielerin und Regisseurin Genevieve Nnaji der Akademie entgegen, nachdem ihr Film «Lionheart» nicht zur engeren Auswahl der besten internationalen Filme zugelassen wurde. Weil, so die Akademie, im Film zu viel Englisch gesprochen werde und zu wenig in einer lokalen Sprache.

Es klang so, als wüsste man in den USA nicht, dass auch in anderen Ländern auf der Welt Englisch gesprochen wird, es wie in Nigeria offizielle Sprache ist.

Die erste Netflix-Produktion aus Nigeria

«Lionheart» erzählt die Geschichte einer jungen Nigerianerin, die das Transportunternehmen ihres Vaters übernehmen will und mit ihrem Bruder um die Gunst des Patriarchen konkurriert. Es ist ein Blick auf den Alltag in Nigeria, der ohne den Fokus auf Hunger, Terror und Krieg auskommt. «Lionheart» lief erfolgreich auf Festivals und ist die erste Netflix-Produktion aus Nigeria.

Was in Hollywood wenig interessierte; dort zählte man die Minuten zusammen und errechnete, dass in nur 12 der 95 Minuten Igbo gesprochen wird. Da es laut Regelwerk mehr als die Hälfte sein sollten, wurde der Film disqualifiziert.

«Der Film repräsentiert die Art, wie wir Nigerianer sprechen. Das beinhaltet Englisch, das eine Brücke ist zwischen den mehr als 500 Sprachen in unserem Land, das uns näher zusammenbringt», schrieb Regisseurin Nnaji, was die Akademie aber nicht von ihrer Entscheidung abbrachte. Im Gegenteil, Anfang dieser Woche wurde ein weiterer Film disqualifiziert, der die Geschichte nigerianischer Prostituierter in Wien erzählt. Wieder sagte die Akademie: Zu viel Englisch, zu wenig lokale Sprache. Was viele Nigerianer wütend machte. In den sozialen Medien fragen viele, ob Hollywood sich gezielt Konkurrenten vom Leibe halten möchte.

Mehr als 2000 Filme aus Nollywood

Denn Nollywood, wie die nigerianische Filmindustrie genannt wird, hat Hollywood mittlerweile überholt, zumindest was die Zahl der produzierten Filme angeht – mehr als 2000 sind es im Jahr. Nach Berechnungen der Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers soll sich der Umsatz bis 2021 auf etwa 6 Milliarden Euro fast verdoppeln. Ein Markt, der auch für amerikanische und europäische Medienkonzerne interessant wird. Der französische Fernsehsender Canal Plus kaufte jüngst eine nigerianische Produktionsfirma, auch Netflix will expandieren.

Die Filme werden immer aufwendiger, das Niveau steigt. Nur ein Oscar bleibt Nigeria verwehrt, weshalb viele das Ende der Fixierung auf den Englischanteil fordern. Das, so sagen aber selbst manche nigerianische Filmemacher, würde womöglich dazu führen, dass britische, australische und kanadische Produktionen die Preise abräumen. Regisseure wie Genevieve Nnaji würden die Konkurrenz nicht scheuen.

Erstellt: 14.11.2019, 16:28 Uhr

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