«Wer ist die Mutter, Bond oder die Gespielin?»

Der Psychoanalytiker Laurence A. Rickels hat ein Buch über James Bond geschrieben. Er sieht in ihm eine Maschine, die fähig wird, die Wunden seiner Geschichte in sich aufzunehmen.

Die verwundete Frau ist kein Klumpen mehr: James Bond (Daniel Craig) tröstet Vesper Lynd (Eva Green) in «Casino Royale». Foto: Intertopics (DDP)

Die verwundete Frau ist kein Klumpen mehr: James Bond (Daniel Craig) tröstet Vesper Lynd (Eva Green) in «Casino Royale». Foto: Intertopics (DDP)

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Anfang November startet der nächste James-Bond-Film, er wird sicher wieder eine eher ernste Sache. War das früher nicht anders, etwa bezüglich der Bösewichter?
Der Autor Ian Fleming hat Bonds Gegner zurückhaltender gezeichnet, als sie in den Filmen dargestellt werden. Dort bekommen sie Züge von affektiertem Camp, vor allem in den Filmen mit Roger Moore. Sie haben aber sicher etwas Theatralisches. Fleming hat den berühmten Schurken Blofeld als einen beschrieben, der gerade von der Bühne einer Shakespeare-Inszenierung runtergestiegen ist.

Fehlt nicht die Leichtigkeit?
Sicher wird die Leute der neue Zugang irgendwann ermüden. Aber eine Serie wie «James Bond» ist wie Fernsehen. Sie muss ständig Variationen erfinden. Dazu kam ja auch der parodistische Exzess von Mike Myers’ «Austin Powers»-Filmen. Da ergab es Sinn, dass man dem Überdruss an Camp begegnen wollte.

In Ihrem Buch «Spectre» schreiben Sie, dass Bond tendenziell Mühe hatte, die Weltvernichtungspläne der Schurken ernst zu nehmen.
Weil er der gemeine kalte Krieger war, der nur im Gegensatz von USA und Sowjetunion dachte. Aber dann erfand Fleming Spectre, ein globales Verbrechersyndikat aus allerlei Bösewichtern, unter anderem auch Gestapo-ähnliche Typen. Er widmete Spectre eine Roman-Trilogie, beginnend mit «Thunderball» von 1961. Diese Organisation ist für mich der Schlüssel: Bond ist sich zuerst sicher, dass Spectre nur eine Täuschung ist, hinter der sich doch wieder der Gegensatz des Kalten Kriegs verbirgt. Er muss erst einmal seinen Widerstand überwinden, damit er Spectre anerkennt – die Existenz einer solchen Organisation überhaupt denken kann.

Im Buch verbinden Sie die Terroristenorganisation Spectre mit der Psychoanalyse des Trauerns. Was hat das miteinander zu tun?
In den Romanen war Bond erst einmal ein kybernetischer Held: Er steuerte sein System, indem er alles durch sich hindurchspülte. Ein heroischer Metabolismus, dessen Hauptaufgabe darin bestand, die eigene Maschine sauber zu halten. Aber dann entwickelt sich Bond zu jemandem, der fähig wird zu trauern. Im Roman «Thunderball» besucht er auf einmal das Grab von Vesper Lynd, seiner geliebten Doppelagentin. Zuvor war sie nur die «bitch», die den Tod verdient hatte. Erstaunlicherweise nimmt das die Filmreihe seit «Casino Royale» auf: Bond ist nun jemand, der über ein erwachsenes Profil des Trauerns verfügt.

Und die Verbindung zu Spectre?
Nun, was bedeutet die Fähigkeit zu trauern? Dass man in sich einen Ort für einen Mangel, einen Verlust einrichtet. Das geschah analog bei Bond, als er von ­Spectre erfahren hat: Er nahm eine dritte Partei jenseits der zwei Blöcke des Kalten Kriegs in seine Psyche auf. Sie verwies auf eine Leerstelle in seinem Innern, nämlich auf die traumatische Geschichte der jüngeren Vergangenheit, der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Spectre verweist auf das Grab der Geschichte, es ist Teil eines Traumas, das nicht im Tiefkühler bleiben kann, sondern angesprochen werden muss – für Bond persönlich, aber auch in Bezug auf die europäische Geschichte. Fleming tat das auf ziemlich brillante Art. Es ging ihm nicht darum, zu Ende zu trauern. Bei ihm ist das Durcharbeiten nie fertig. Bonds psychische Topografie wird bei Fleming immer reichhaltiger, in ihr werden Dinge mit der Zeit als Abwesenheiten festgehalten.

Sie schreiben: «Es ist die Trauerarbeit der Integration, durch die Geschichte gegenwärtig wird.»
Erstaunlicherweise war Ian Fleming seiner Zeit weit voraus, weil ihm das Problem der Integration Deutschlands nach dem Krieg sehr bewusst war. Es ging um pathologisch gewalttätige Menschen, aber auch um die Nachfahren dieser Gewalt. Das ist kein exklusiv deutsches Problem, es besteht bei jedem Krieg. Aber mit dem Verbrechersyndikat ­Spectre hat Fleming betont, dass die Welt von Bond an eine Nachkriegswelt grenzt, in der Deutschland integriert worden ist. Mit allen Verdrängungen.

Ist das ein Grund, weshalb die Filme weiterhin verbunden scheinen mit einer untergegangenen Zeit?
Auch wenn die Filmreihe aktualisiert wird, mit sozialen Medien etwa, wird sie immer mit dem Akzent der Vergangenheit sprechen. Meine These ist: Wann immer die Reihe erneuert wird, muss sie zu Spectre zurückgehen. Als Fleming die Trilogie der Bond-Bücher, in denen Spectre eine Rolle spielt, begonnen hatte, erwartete er, dass sich die Kultur hin zum Kino verschieben wird. Klar, die Filme machen stets Gesten Richtung Gegenwart. Aber sie bleiben doch in Kontakt mit einer traumatischen Geschichte, bauen sie weiter ab. Seit den 80er-Jahren ist vieles aus der Nachkriegszeit zurückgekehrt: Die deutsche Science-Fiction etwa, durch die TV-Serie «Holocaust» wurden die Verbrechen der Nazis zudem zu globalem Wissen. Der Kalte Krieg hat viele Probleme eingefroren, die nun wieder auftauen – auch unsere Beziehung zum Zweiten Weltkrieg.

Zumindest in den Filmen bleibt James Bond aber ein Mann der Tat.
Ja, seine Existenz ist gleichbedeutend mit dem Tod des anderen. Bevor er trauern konnte, in seiner kybernetischen Phase, wusch sich Bond von allem rein. Ohne Geheimnisse, die nachklingen, ohne eine Innerlichkeit, die infiziert werden konnte. Das war natürlich utopisch. Er triumphierte dabei auch nicht, weil das bedeuten würde, dass es einen affektiven Exzess geben würde, der zu etwas führen müsste. Bond war vielmehr eine Selbsttäuschung, die Figur einer Form von Optimismus, die mit dem Modernismus nach dem Krieg verbunden war. Dieser Optimismus hat es den Filmen allerdings auch erlaubt, die Liebe zu technischen Gadgets und zur Waffentechnik auf Frauen auszuweiten. Dadurch waren sie von Beginn an revolutionär.

Also nicht sexistisch?
So sehe ich das nicht, nein. Es kommt ja auch der Aspekt des Mütterlichen hinzu, den James Bond in das Arsenal seiner Liebesspiele aufnimmt. Das Mütterliche neigt in eigenartiger Weise dazu, Geschlechter zu vermischen. Manchmal verrutschen in den Büchern die Pronomen. Dann ist es nicht mehr ganz klar, wer die Mutter ist: Bond oder seine Gespielin? Im Theaterspiel des Spions gibt es viele Repertoires, die erotische Brutalität ebenso wie das Vertauschen der Geschlechter. Fleming kannte die Psychoanalyse ziemlich gut und wusste um die Wichtigkeit der Fantasie, wenn es um sexuelle Beziehungen geht. Und natürlich gibt es eine Mutter-Sohn-Beziehung zwischen Bond und M, seiner Chefin beim Geheimdienst.

Im letzten Film «Skyfall» ist sie ja gestorben. Und es brannte am Schluss ein Landhaus.
Nun, es dauert eine Zeit, bis es tatsächlich brennt. Interessant am Showdown war, dass das Haus voll ist mit gruftartigen Räumen, es gibt Durchgänge, ein komplexes Relaissystem aus Unterschlupfen. Aber ja, ich erinnere mich nur, dass es nicht sehr einfach war, das Haus niederzubrennen.

Und was war davor geschehen?
War da nicht etwas mit Scotland Yard? Als man versucht hat, M in die Luft zu ­jagen? Ich erinnere mich an zwei Explosionen.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch von der Todsünde der Trägheit, die Bond nicht ausstehen kann.
Er ist immer imstande, sich von Faulheit freizuschütteln. Dafür projiziert er sie in seine Gegner hinein. Die Figur von Blofeld gründet auf einer ganzen Diskussion über die «Acedia», die Trägheit der Seele. Für Fleming war das die einzige der Todsünden, die noch relevant war. Das ist interessant, denn Trägheit ist eine Art Depression ohne Beziehung zu einem Gegenstand. Dass er in seiner ­psychischen Realität Platz freiräumt für Verluste, erlaubt es Bond auch, dieser Trägheit zu begegnen. Für Fleming musste Bond seine Innerlichkeit mit einer Objektbeziehung ergänzen. Das kann etwa eine Frau sein, die er verwundet. Das ist dann der Körper, mit dem er sich identifiziert, der bereits einen Platz hat in seinem Inneren. Bond war dazu trainiert, eine Maschine zu werden, die sich durch eine formlose Masse schlägt. Im Moment der Verwundung aber ist die Frau kein solcher Klumpen mehr.

Sie beschreiben dies anhand des unförmigen Oktopus, eines Tiers, das bei Fleming öfter vorkommt, auch als Logo von Spectre.
Der Philosoph Klaus Theweleit hat in «Männerfantasien» über Jugendliche geschrieben, die zu «hard bodies» abgerichtet und dazu trainiert wurden, sich durch unförmige Klumpen zu schlagen. Die Härte ihrer Gewalt benötigt eine amorphe Masse, die sie durchtrennen können. Das hat natürlich mit der Interpretation des Nationalsozialismus zu tun. Aber ein Teil davon gehört auch zur Entwicklung von Bond, in den Büchern wie in den Filmen. Seine Gegner werden zu kompakten Formen, sie verlieren ihre Schleimigkeit, ihre Klumpenhaftigkeit. Da kommt die Beziehung zu einem Gegenstand ins Spiel – und die Fähigkeit zu trauern.

Vom nächsten Film weiss man noch nicht viel mehr, als dass er «Spectre» heisst. Erwarten Sie, dass er alle Ihre Thesen bestätigt?
Das wäre ja ein Film! Nein, eher nicht. Aber ich weiss dafür, dass bestimmte Dinge, die ich an Vorlesungen in Kalifornien erzählt habe, Eingang gefunden haben in Drehbücher. Gewisse Assistenten von Autoren müssen sich an meine Vorlesungen erinnert haben.

Ist das nicht beängstigend?
Nein. Es ist doch ein schönes Gefühl, mit der Industrie der Projektionen verbunden zu sein. (lacht)

Erstellt: 20.10.2015, 23:40 Uhr

Laurence A. Rickels
Der 1954 in Iowa geborene Anglist, Germanist und Psychotherapeut Laurence A. Rickels hat in Kalifornien unterrichtet und lehrt heute Kunst und Theorie an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Im Essay «Spectre» (Englisch, Anti-Oedipus-Press 2013, 132 S., ca. 15 Fr.) überkreuzt er Ian Flemings Bond-Romane mit den Schriften von Freud und Melanie Klein. Er kommt dabei zu einer psychoanalytischen Verbindung von histo­rischem Trauma und Agentenpsyche (und Hamlet). Vieles ist genialisch, manches verstiegen, eher eigensinnig sind Wortspiele wie «pick up the lack». Teile des Essays sind auf Deutsch in Rickels’ «Geprüfte Seelen» zu lesen (Passagen-Verlag, ca. 22 Fr.). (blu)

«Spectre» startet am 5. November.

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