Wer wagt es, das arterienrote Kleid zu tragen?

Tag 3: Weirdness-Wochenende am Zurich Film Festival: Schreiende Babys im All, und ein Kleid, das tötet.

Robert Pattinson in «High Life» von Claire Denis.

Robert Pattinson in «High Life» von Claire Denis. Bild: PD

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Um herauszufinden, ob ein Film ein Erfolg werden könnte, beauftragen Studios Script Advisors. Die fassen einen Stoss Drehbücher zusammen, betten ein, schätzen ab. Das Problem: Persönlicher Geschmack vernebelt die Sicht aufs Geschäft. So betrachtet die Firma Scriptbook die Sache, die am Wochenende am Branchen-Höck Zurich Summit im Hotel Dolder ihre eigene Methode vorstellte: Eine künstliche Intelligenz liest Drehbücher ein und gibt Analysen aus.

Rund 1000 Skripts lasse die Firma pro Tag durch, sagte Michiel Ruelens in seinem Vortrag. Ein Mensch, der sich Zeit nimmt und Launen hat, ist da nicht mehr vonnöten. Scriptbook formalisiert den Inhalt des Drehbuchs und liefert Kassenprognosen und Zuschauermatrix. Die AI lerne stetig dazu und könne nicht nur Erfolg von Scheitern unterscheiden, sie mache es auch möglich, gezielt zu suchen. «Angenommen, man möchte einen Western mit einer weiblichen Hauptfigur und etwas Romantik, dann findet man so ein Drehbuch bei uns sofort», sagte Mitarbeiter Ruelens.

Die Schamanin des Sperma

Gerne hätte man dem Skript-Automat gleich das Drehbuch von Claire Denis' «High Life» (Gala-Premiere) gefüttert. Science-Fiction ist ja gerade recht populär, ausserdem spielt Robert Pattinson die Hauptfigur. Der Plot des ersten englischsprachigen Films der Französin («Beau travail») könnte zudem direkt aus einem Kioskbesteller stammen: Eine Gruppe zum Tode verurteilter Verbrecher wird in einer Raumkapsel ins All geschickt, auf dass sie die Energie von schwarzen Löchern nutzbar mache.

 Es ist, als rolle Claire Denis die technologische Zukunftsvision auf die archaischsten Lüste zurück.

Darum gehts bei Claire Denis aber nur sehr bedingt: Ihr Stil ist die Komposition von Intensitäten, weshalb Pattinsons Raumfahrer erst einmal zu seinem schreienden Baby schauen muss, sehr wahrscheinlich das Resultat von Befruchtungsexperimenten, die an Bord von einer Art Ärztin (Juliette Binoche) durchgeführt werden, die einmal als «Schamanin des Sperma» bezeichnet wird.

Das war früher, als die Besatzung noch lebte; jetzt überleben nur noch Astronaut und Baby, und Denis durchlöchert deren Alltagsrituale mit Flashbacks, die weniger erklären denn die Momente elektrisch aufladen: mit Brutalität und mit Zärtlichkeit. Mehr als vom Warp-Antrieb handelt «High Life» vom Sextrieb: Im Raumschiff steht eine maschinelle Verrichtungsbox zur Einzelbelegung, in der die Säfte kräftig fliessen. Es ist, als rolle Claire Denis die technologische Zukunftsvision auf die archaischsten Lüste zurück: Ihre Science-Fiction ist ein fliegender Experimentierraum für die Forschung am menschlichen (und elterlichen) Instinkt, grausam und glorios.

Abgestürzt vor dem Mittag

Das Schöne am ZFF ist, dass man im ganzen Programmdurcheinander und auch jenseits des Wettbewerbs Filme anstreichen kann, die kaum ins Kino gelangen werden. «In Fabric» des britischen Regisseurs Peter Strickland gehört hier dazu. Eine handgemachte Giallo-Hommage, entwickelt anhand eines arterienroten Kleids, das seine Besitzerin in Wahn und Tod treibt: Anstatt eines weissen Bettlakengespensts schwebt ein Abendkleid durch leere Flure. Horror zum Gernhaben, und unter der ganzen Stilistik das schrecklich lustige Porträt einer Bankangestellten und ihres täglichen Kampfs gegen die Überheblichkeit und die Überwachungssucht der Mächtigen.

Der Drehbuchautomat von Scriptbook hätte hier wahrscheinlich «menstruierende Schaufensterpuppe» ausgeflaggt und ein desaströses Kassenergebnis vorausgesagt. Die Präsentation am Zurich Summit übrigens wurde jäh abgebrochen: Das Powerpoint rauschte weg, danach brauchte es den Mensch wieder, der sich einloggt. Es war aber sowieso Zeit für den Network-Lunch, denn die Leute hatten Hunger aufeinander.

«In Fabric»: 5. 10., 23 Uhr, Riffraff.

Erstellt: 30.09.2018, 16:14 Uhr

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