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Wer war Shakespeare – ein Blutschänder?

Eben hat er noch die Welt zerstört, nun nimmt sich Hollywoods Action-Meister Roland Emmerich in «Anonymous» Shakespeare vor. Bereits rufen besorgte Professoren: So ein Schwachsinn!

Wenn Roland Emmerich im Regiestuhl sitzt, geht für gewöhnlich die Welt unter. Mal durch Alien-Angriff («Independence Day») oder Umweltkatastrophe («The Day After Tomorrow»), mal weil es der Maya-Kalender so will («2012»). Immer aber mit lautem Getöse und atemberaubenden Special-Effects. Nun ist der deutsche Hollywood-Regisseur auf eine merkwürdige Mission in seine Heimat zurückgekehrt. Er nimmt sich eines der grössten Themen der Literaturgeschichte vor: Wer war Shakespeare?

Ob der Engländer tatsächlich Autor seiner Dramen, Komödien und Gedichte ist, beschäftigt die Literaturwissenschaft seit Jahrhunderten. War es wirklich ein einzelner genialer Geist, der die grössten Dramen unserer Kulturgeschichte erdacht und aufgeschrieben hat? Oder waren es mehrere? Auch Christopher Marlowe, Francis Bacon und Königin Elizabeth selbst werden als «wahre» Shakespeares ins Gespräch gebracht.

Verschwörungstheorien mit Facts

Keine Knalleffekte, kein Weltuntergang, sondern ein seriöses, ja wissenschaftlich fundiertes Historiendrama rund um die Frage, wer die berühmten Stücke tatsächlich geschrieben hat, soll der Film werden. Für die Umsetzung zuständig, ist Drehbuchautor John Orloff. Er hat zuvor das Skript zu Michael Winterbottoms «Ein mutiger Weg» geschrieben - das mit Angelina Jolie verfilmte Drama über den 2002 von pakistanischen Terroristen entführten und ermordeten US-Journalisten Daniel Pearl. Orloff, schreibt die deutsche Presse, sei ein gutes Beispiel für die Entschiedenheit, mit der Emmerich den neuen Weg in seiner Karriere beschreitet.

Ganz wissenschaftlich geht es aber doch nicht zu und her. Wie Emmerich nun auf einer Pressekonferenz bekannt gab, macht er in «Anonymous» das, was er in allen seinen Filmen tat: Er mischt genüsslich Verschwörungstheorien mit Facts. Wie im «Da Vinci Code »soll das Rätsel der Autorenschaft über einen Geheimcode entschlüsselt werden, den Shakespeare-Stücke angeblich aufweisen. Zum Zug kommt auch die Meinung der sogenannten «Antistratfordianer»; der Dichter der Shakespeare’schen Werke könne kein einfacher Mann aus der Provinz gewesen sein – weil nur ein Adliger über die nötige Bildung verfügt habe, solche Werke zu schreiben.

Emmerichs Hauptverschwörungstheorie ist, dass Edward de Vere, der Earl von Oxford, hinter Shakespeare steckt. Und dass de Vere der geheime Sohn von Elizabeth I. war – mit der er später ein inzestuöses Verhältnis hatte und einen Sohn zeugte. Prompt empörte sich der renommierte Englisch-Professor James Shapiro in einem Artikel der «Los Angeles Times» über die Idee.

Blockbuster-Qualitäten

Ob solche Details den Zuschauer kümmern, ist natürlich eine andere Frage. Trotzdem dürfen sie dem Film, der nächstes Jahr in die Kinos kommt, freudig entgegenschauen. Statt trockenem Historiendrama verspricht «Anonymous» ein Thriller zu werden, der die politischen Intrigen der Zeit Elisabeth I. und die Bedeutung der Kunst zum Thema hat. Und weil «Anonymous» ein Emmerich-Film ist, soll die Produktion natürlich ein Fest für die Augen werden: Während der Regisseur mit seinen Darstellern in kunstvollen Holzkulissen dreht, entstehen in den Computern schon Trick-Bilder des alten London von Blockbuster-Qualität.

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