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Weshalb sich Trump als Marvel-Bösewicht inszeniert

Der US-Präsident passt perfekt zu Thanos, weil die Superheldenfilme ein Jahrzehnt lang den Niedergang der US-Demokraten begleitet haben.

Trump als Thanos: Im Twitter-Clip schnippt er mit den Fingern, worauf seine politischen Gegner verschwinden. Foto: Screenshot
Trump als Thanos: Im Twitter-Clip schnippt er mit den Fingern, worauf seine politischen Gegner verschwinden. Foto: Screenshot

Besonders abwegig ist es ja nicht, dass sich der US-Präsident als Superschurke inszenieren lässt. Was sich das Wahlkampfteam von Donald Trump neulich ausdachte, löste aber vergleichsweise heftige Reaktionen aus.

Es war mal wieder Zeit für eine schlechte Bildmontage, also setzte man für einen kurzen Twitter-Clip den Trump-Kopf auf den Körper des Marvel-Bösewichts Thanos. Er schnippt einmal mit den Fingern, schon lösen sich Nancy Pelosi, Jerry Nadler und Adam Schiff, die führenden Demokraten in den Impeachment-Ermittlungen, in Pixelasche auf. Das Internet läuft heiss. Sehr heiss.

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Fegt die führenden Demokraten weg: Trump als Thanos. Video: Trump Campaign

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Im Comic-Kosmos des US-Verlags Marvel ist Thanos ein Warlord vom Saturnmond Titan, der sich an der Überbevölkerung im Universum stört und ein paar Zaubersteine sammelt, um die Hälfte der Lebewesen auslöschen zu können. Mehr muss man darüber nicht wissen, denn bei Thanos geht es in erster Linie um eine allmächtige Geste des Bösen.

In «Avengers: Infinity War» hebt er seinen Superkraft-Handschuh und schnippt mit den Fingern. Das Leben im Kosmos ist auf der Stelle halbiert, auch bei seinen Gegnern, den Avengers. Gespielt wird Thanos von einem ins Riesenhafte vergrösserten Josh Brolin – unnachgiebiger Blick, eingefrorener Zeus-Bart.

Dass der Schöpfer der Thanos-Figur, Jim Starlin, Trumps Sympathien für einen galaktischen Psychopathen inzwischen als «krank» bezeichnet hat; dass nicht wenige Kommentatoren darauf hingewiesen haben, dass Thanos in «Avengers: Endgame» zuletzt unterliegt – alles nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Trump-Zentrale es versteht, mit popkulturellen Zeichen zu spielen und so das Mainstreamkino quasi von rechts zu rekonfigurieren.

Ihm gelingt das Harte mit Leichtigkeit

Die Aussage ist klar: Wie oft hat der Präsidentschaftskandidat Trump nur schon republikanische Konkurrenten zum Verschwinden gebracht, als hätte er mit den Fingern geschnippt? Und wie oft wirkt der Präsident Trump so, als könne er selbst die grössten Problemgegner in Luft verwandeln, zum Beispiel jetzt wieder, wenn sich die Kader der Demokratischen Partei im Impeachment-Prozedere verheddern? Ihm gelingt das Harte, so die Aussage der Trump Campaign, mit Leichtigkeit.

Die Verbindung Trumps zur Ära der Superheldenfilme geht aber noch tiefer. Man könnte ja denken, dass das Wahlkampfbüro von Trump seinen Kandidaten eher mit Figuren in Verbindung bringen würde, die mittels ihrer Superkraft das Böse besiegen wollen – so wie Iron Man, Hulk, Thor, Spider-Man und alle anderen, die in den Digitalspektakeln des Marvel-Studios gegen Schurken wie Thanos kämpfen. Als Boxer Rocky hat sich Trump ja auch schon inszeniert. Und hatte er in seiner Rede zur Amtseinführung nicht angekündigt, das «amerikanische Gemetzel» beenden zu wollen?

23 Milliarden Dollar eingespielt

Oft wurden die Comicblockbuster als Beispiel für die neue Stärke interpretiert, mit der heute allerlei Alleinherrscher durch die Politik rumpeln.

Schliesslich sind diese Weltenschlachten geprägt von technologisch aufgerüsteter (männlicher) Muskelkraft und einer apokalyptischen Grundstimmung, über die am Ende nur Gestalten mit übermenschlichen Fähigkeiten triumphieren können. Als ein solcher sieht sich ja auch ein Trump. Wieso also wird er als Schurke in Szene gesetzt und nicht als Superheld?

Nicht zuletzt deshalb, weil sich das Marvel-Filmheldenuniversum – mit 23 Kinofilmen und knapp 23 Milliarden Dollar Gesamteinspielergebnis die erfolgreichste Filmreihe der Geschichte – zeitlich parallel zur Amtszeit von Barack Obama entwickelt hat. Der Boom zündete 2008 mit «Iron Man», sein vorläufiges Ende findet das Jahrzehnt der Superhelden 2018/19 mit dem zweigeteilten Schluss-Massaker von «Avengers: Infinity War» und «Avengers: Endgame».

Iron Man, perfekt besetzt mit Robert Downey Jr., trat auf den Plan als genialer Selbsterfinder auf Friedensmission, und ähnlich wie Barack Obama hatte er einen coolen Humor.

2012 wurde der erste «Avengers»-Film lanciert, der Thor, Hulk und Iron Man erstmals zusammen zeigte; bislang waren sie die Helden ihrer eigenen Geschichten. Eine Kamerafahrt während einer Schlacht gegen Aliens in New York inszenierte sie als schlagkräftige Einheit.

Kämpfen ist Teamarbeit, hiess das, und damals spiegelte sich das in Obamas Politik, der mit seinem Stab gerade die Gesundheitsreform durchgebracht hatte und ähnlich wie die Avengers höchste Anspannung mit lockeren Sprüchen kombinieren konnte.

Ein Team: 2012 waren die «Avengers» erstmals vereint. Foto: Walt Disney Schweiz
Ein Team: 2012 waren die «Avengers» erstmals vereint. Foto: Walt Disney Schweiz

Lange hielt dieses Gefühl nicht an. Die Fortsetzungen im «Marvel Cinematic Universe» verloren den optimistischen Elan und reflektierten die Enttäuschung über Obamas zahnlose Politik. Sie erzählten jetzt von Kollateralschäden und posttraumatischen Belastungsstörungen.

«Captain America: Civil War» fragte, wie viele Zivilisten die endlos weitergeführten Kriege mittlerweile auf dem Gewissen haben. Und vor wem müssen abgehobene Weltenlenker wie Iron Man eigentlich Rechenschaft ablegen, gibt es da keinen UNO-Aufsichtsrat?

Der Marvel-Zeitstrahl lief wie die Präsidentschaft Obamas auf ein extrem unwahrscheinliches Finale zu. Eine endzeitliche Schlacht, in der Wirklichkeit wurde, was niemandem auch nur im Traum eingefallen wäre.

Es gibt im Netz heimlich aufgenommene Videos von Vorführungen von «Avengers: Infinity War», in denen man hört, wie die Marvel-Fans realisieren, dass Thanos seinen Plan umsetzen kann. Es ist dasselbe «Oh no, oh no, oh no!», das die Anhänger von Hillary Clinton ausgestossen haben, als sie merkten, dass Donald Trump der nächste Präsident der USA werden wird. War das nicht auch ein Gefühl, als sei die Hälfte der Nation ausgelöscht worden?

Titelbild eines «Thanos»-Comic aus diesem Jahr. Foto: Marvel.com
Titelbild eines «Thanos»-Comic aus diesem Jahr. Foto: Marvel.com

Das Erstaunlichste dabei ist, dass die politische Rechte in all den Superheldenabenteuern offenbar etwas völlig anderes gesehen hat als der Rest der Menschheit. Der hat sein Vergnügen daraus gezogen, Männern in Metallbüchsen dabei zuzuschauen, wie sie mit noblem Auftrag durch eine Spezialeffektwelt zischen, die immer so wirkte, als hätte man eine Gruppe von Nasa-Astronomen mit genug Bier in einen Airbrush-Workshop geschickt.

Die Rechte hat etwas komplett anderes gesehen: Wie sehr sich das Selbstverständnis von ein paar privilegierten kosmopolitischen Hoffnungsträgern mittlerweile erledigt hat. Superhelden? Pah! Schnipp – und weg damit.

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