Wie die Titanic, aber unter Wasser

«Kursk» ist ein russisches Schiffsdrama, jedoch international verfilmt. Auch der Schweizer Joel Basman geht unter.

Fast wie in Russland: Szene aus «Kursk». Foto: Präsens Film

Fast wie in Russland: Szene aus «Kursk». Foto: Präsens Film

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Spoiler-Alarm? Es ist bekannt, dass das russische Atom-U-Boot Kursk am 12.August 2000 nach einer Explosion an Bord auf den Meeresboden der Barentsee versank. Ungefähr 23 Personen überlebten vorerst, waren allerdings im Innern des Schiffs gefangen. Versuche, sie zu bergen, misslangen, auch weil die russische Marine keine internationale Hilfe akzeptieren wollte. Alle starben.

Das ist nicht der Stoff, aus dem Filmhits gemacht werden. Oder? Als James Cameron seine «Titanic» drehte, war auch zu hören, das könne nicht gut kommen, weil doch alle wüssten, dass das Boot sinken werde. Doch dann präsentierte er einen Film mit herzzerreissenden Szenen, wenn zum Beispiel Leonardo DiCaprio ins tödlich kalte Wasser gleitet, um seiner Kate Winslet das Leben zu retten. Solches kann «Kursk» nicht bieten, da waren nur Männer an Bord. Die Frauen schlugen sich dafür an Land mit den sturen Militärs herum, die aus strategischen Gründen – der Kalte Krieg war noch nicht lange vorbei – kein Nato-Schiff an ihr Prestige-U-Boot ranlassen wollten.

Der «Kursk»-Trailer.

Aber dann gibt es doch einige Überraschungen. Der erste Name, den man beim Betrachten von «Kursk» liest, ist derjenige von Luc Besson. Der französische Regisseur von Hochglanzthrillern wie «Lucy» wollte den Film zuerst selber drehen, schliesslich hat er vor Jahrzehnten mit «Le Grand Bleu» Unterwassererfahrung gesammelt. Er zog sich jedoch zurück und holte jemanden an Bord, der auf den ersten Blick völlig ungeeignet für eine so grosse Kiste zu sein scheint: Thomas Vinterberg, den dänischen Dogma-Mitbegründer, dessen «Festen» zu einem der Leitfilme dieser Bewegung der reinen Kinolehre wurde. Und der später mit «Jagten» einen Film über Kindsmissbrauch-Anschuldigungen drehte, der es bis an die Oscars schaffte.

Beim Abtauchen wird das Format plötzlich viel breiter

«Ja, ‹Kursk› ist sehr weit von allem entfernt, was ich bisher gemacht habe», sagt Thomas Vinterberg im Interview nach der Filmpremiere in Toronto, «ich hatte es bisher nicht so mit Explosionen.» Er sei sich vorgekommen, wie der Junge im Süsswarenladen, der plötzlich von all den Köstlichkeiten kosten dürfe, ergänzt er, und manchmal habe er tatsächlich zurückgehalten werden müssen, um nicht alles aufs Mal zu verschlingen. Doch dann hält er doch mit Nachdruck fest: «Aber letztlich geht es um das, was mich immer interessiert hat: Familien.»

Es gibt tatsächlich sogar zwei Arten von Familien im Film. Da ist die klassische Kleinfamilie, die Männer fahren für ein paar Monate weg, die Frauen und Kinder bleiben zurück im Hafen. Und dann die Grossfamilie der Besatzungsmitglieder, deren Zusammenhalt unendlich gross zu sein scheint. Zelebriert wird beides an einer Hochzeit zu Beginn, die mit ihren Ritualen an «The Deer Hunter» erinnert. Und wie im Vietnamfilm-Klassiker ist am nächsten Tag Schluss mit dem Feiern. Die Kursk taucht ab, zu einem Manöver im nördlichen Atlantik.

Internationale «Besatzung»: Der Deutsche Matthias Schweighöfer (l.) und der Belgier Matthias Schoenaerts in «Kursk». Foto: Präsens Film

Vinterberg inszeniert das als klassischen U-Boot-Film, aber erwendet einen Kunstgriff an: Zu Beginn, zu Lande, ist das alles in einem normalen Filmformat zu sehen. Dann aber, als in einer der schönsten Szenen die Kursk abtaucht, wird das Format plötzlich viel breiter. Er habe damit die Grösse des Schiffs zeigen wollen, dass doppelt so lang sei wie ein Linienflugzeug, erklärt Vinterberg. Liefert aber noch eine zweite, makabrere Begründung nach: «Wenn dann die Luft dünner wird, am Ende, und der Raum enger, sieht es in Breitleinwand mehr wie ein Sarg aus.»

Putin wird konsequent aus dem Film herausgehalten

Ursprünglich hätte in Russland gedreht werden sollen, das Militär bot vorerst Hand. Aber als sich herausstellte, dass es nicht nur ein eindimensionales Heldenlied für die tapferen Seefahrer werden sollte, wurde es schwieriger. Realisiert wurde der Film schliesslich in Belgien und Rumänien. Und die Besetzung könnte internationaler nicht sein. Gespielt werden die Russinnen und Russen jetzt von internationalen Stars wie der Französin Léa Seydoux (Partnerin von James Bond in «Spectre»), dem Belgier Matthias Schoenaerts, dem schwedischen Bergman-Urgestein Max von Sydow. Als englischer Marineoffizier schaut auch noch Colin Firth vorbei. Und auch der Schweizer Joel Basman hat eine kleine, aber wichtige Rolle als junger Matrose.

Gesprochen wird jetzt durchgehend Englisch. Und das «russische» Seemannslied, das an entscheidenden Stellen gesungen wird, tönt wie unser Weihnachtslied «O Tannenbaum». Wladimir Putin, in dessen ersten Phase der Präsidentschaftdas Unglück fiel, wird aus dem Film konsequent herausgehalten. Das sind Kompromisse im Film eines für seine Kompromisslosigkeit bekannten Regisseurs. Dem es aber letztlich doch gelingt, viel mehr zu zeigen als nur das bekannte Unglück. Sogar einen Witz gibt es, an einer der düstersten Stellen. Er handelt von einem kleinen Eisbären. Mehr wird – Spoiler – nicht verraten.

«Kursk»: ab 4. Juli im Kino



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Erstellt: 23.06.2019, 11:19 Uhr

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