«Wir alle sind gefangen im Patriarchat»

Eine Frau holt sich ein orthodoxes Holzkreuz, das nur für Männer vorgesehen ist. Teona Strugar Mitevska hat darüber einen Spielfilm gedreht, so tragikomisch wie die Realität in Nordmazedonien.

Die nordmazedonische Regisseurin dreht seit 17 Jahren Filme und wird deswegen in ihrem Heimatland immer wieder bedroht.

Die nordmazedonische Regisseurin dreht seit 17 Jahren Filme und wird deswegen in ihrem Heimatland immer wieder bedroht. Bild: Andrea Zahler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Teona Strugar Mitevskas Blick streift über die Betonwände des Kulturhauses Kosmos in Zürich. Der Lichteinfall in den Flur vor den Kinosälen gefällt ihr. Die Schweiz gefällt ihr. «Wenn ich hier auf den Strassen gehe, spüre ich Leichtigkeit», das Gefühl von Demokratie liege in der Luft, sagt sie etwas später im Café. Ganz im Gegensatz dazu werde Nordmazedonien, woher sie stammt und wo sie lebt, gerade von einer Schwere erdrückt. Die Politik, die Korruption, die «Macho»-Kultur, die Isolation. Deshalb freut sie sich umso mehr, dass es nach geschlagenen 27 Jahren wieder einmal ein Film aus ihrem Heimatland in Schweizer Kinos geschafft hat. Und was für einer. «God Exists, Her Name Is Petrunya» ist eine Ansage gegen das Patriarchat und gegen frauenfeindliche Religion und Tradition. Er basiert auf einer wahren Geschichte, die nicht etwa durch ihre Verfilmung an Skurrilität oder Aussergewöhnlichkeit gewann, sondern, wie Strugar Mitevska sagt, nichts anderes als ein gnadenloser Spiegel der Gesellschaft ist.

Folgendes hat sich nämlich in der kleinen Gemeinde Štip im Norden des Landes zugetragen: An einer christlich-orthodoxen Prozession zum Epiphanie-Fest gehen Gläubige und religiöse Würdenträger zusammen zu einem Gewässer. Ein Priester wirft ein Holzkreuz ins kalte Wasser. Männer springen dem Kreuz hinterher. Wer es als Erster rausfischt, dem steht ein glückliches Jahr bevor. 2014 sprang eine Frau ins Wasser – und fing das Kreuz. Ein Erdbeben. Nie zuvor hatte es eine Frau gewagt, sich an diesem nur Männer vorbehaltenen Ritual zu beteiligen. «Ich war die bessere Schwimmerin als der Rest», zitiert Strugar Mitevska die Frau, die sich fragte, ob sie nicht auch das Recht habe, für ein Jahr Glück zu haben. Der Sturm der Entrüstung, der die Frau traf, war gewaltig.

So tragisch die Geschichte für die Frau endete – heute lebe sie in London, weil ein Leben in ihrem Heimatort nicht mehr möglich war, erzählt Strugar Mitevska –, so wertvoll war sie filmisch. Die Geschichte sei ein grossartiges Beispiel dafür, dass ein Individuum etwas bewegen könne. «Die Revolution wird von gewöhnlichen Menschen losgetreten», glaubt sie. Dieses Jahr habe erneut eine Frau das Kreuz gefangen und habe es sogar behalten dürfen. Alles dank einer ersten mutigen Frau, die sich vorgewagt habe. Und so ist auch Petrunya (Zorica Nusheva) im Film eine Wucht, holt sich das Kreuz, schreit, als man es ihr an Land wegnimmt, reisst es wieder an sich und gibt es nicht mehr her. Was danach folgt, ist ein Spiessrutenlauf durch Behörden und ihre Familie, durchsetzt von Vetternwirtschaft und Demütigung. Unerträglich anzusehen. Unverständlich auf den ersten Blick – Petrunya sollte doch eine Heldin sein. Ist sie auch, aber eine stille, unaufgeregte, so wie ihr reales Vorbild. Keine Feministin der ersten Stunde. Einfach eine Frau, die die alltägliche Ungerechtigkeit satthatte. Und so nimmt Petrunya die Demütigungen hin, um daraus Kraft für ihre Rebellion zu schöpfen. «Das ist weiser, als ich das mache. Ich schreie und keiner hört mich», sagt Strugar Mitevska.

«Die Schuld wird immer auf die Frauen geschoben.»Teona Strugar Mitevska, Regisseurin

Dabei wäre es Zeit, zuzuhören, findet die Nordmazedonierin. Sie fordert: Gleichheit nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Realität. «Unser Alltag ist geprägt von starren Vorstellungen, wie wir Frauen zu sein und was wir zu machen haben.» Wird eine Frau Opfer häuslicher Gewalt, werde die Schuld auf sie geschoben. Wird im Film Petrunya bei einem Vorstellungsgespräch unter den Rock gegriffen, wird sie dafür verhöhnt. Die Selbstgefälligkeit, mit der Männer in Strugar Mitevskas Film auftreten, ist widerlich. Zeigt aber auch: Nicht nur Frauen leiden unter Gender-Stereotypen. Auch Männer sind gefangen. Zum Beispiel der junger Polizist im Film, der Petrunyas Mut bewundert, während seine Kollegen rauchend und saufend in einem Hinterzimmer der Polizeiwache sitzen und sich gegenseitig für Sprüche unter der Gürtellinie auf die Schultern klopfen. Erst in der Schlussszene spürt man, zusammen mit Petrunya, eine gewisse Befreiung.

Der Film war für Strugar Mitevska noch auf einer ganz anderen Ebene ein Befreiungsschlag. Seit 17 Jahren arbeitet sie als Regisseurin – mit mehrheitlich weiblichen Crews. Das erlaube ihr, sie selbst zu sein und sich nicht ständig messen zu müssen. Die meisten ihrer Filme würden im ersten Anlauf abgelehnt, wenn sie sie der nationalen Filmkommission vorlege, um sich für eine Finanzierung zu bewerben. Erst wenn Geld aus Ko-Produktionsländern gesprochen worden sei, zog auch die einheimische Kommission nach. Seit die EU jedoch neue Richtlinien erlassen und die frühere Regierung diese angenommen habe, seien anonyme Bewerbungen möglich. Das Skript über Petrunya wurde im ersten Anlauf akzeptiert.

«In Nordmazedonien war der Film für viele ein emotionaler Schock.»Teona Strugar Mitevska, Regisseurin

Überhaupt nicht einverstanden sei jedoch die orthodoxe Kirche gewesen. «Gott existiert, und er ist ein Mann», habe ein Vertreter in einem Brief an die Filmcrew geantwortet, als sich die Regisseurin über mögliche Drehorte informieren wollte. Tragikomisch fand sie das Schreiben. Doch Müdewerden sei keine Option für sie. Mit Anerkennung und Bekanntheit gehe Verantwortung einher. Sie meint es auch nicht pathetisch, wenn sie sagt, dass Feminismus mit vielem verbunden sei. Gerade in der Schweiz habe sie aufrichtiges Interesse am Thema gespürt.

In Nordmazedonien dagegen kam der Film für viele einem emotionalen Schock gleich. Man will nicht hinsehen, wenn im eigenen Garten was schiefläuft. Doch gerade das sei zentral: Die Einsicht, dass das Patriarchat beziehungsweise Feminismus alle betreffe. Von der Idee des Schweizer Frauenstreiks ist Strugar Mitevska begeistert. In ihrer Heimat lähme oft die Politik die Gedanken, raube den Platz für wichtige Diskussionen und vergifte die Gesellschaft. Doch sie lasse sich nicht bremsen, von Petrunya habe sie gelernt, keine Angst vor Entscheidungen zu haben, auch nicht vor Drohungen – Anstiftung zu ethnischen und religiösen Unruhen ist in Nordmazedonien strafbar. Dass ihr wegen ihrer Filme mit Anzeigen gedroht werde, zeige lediglich, dass sie auf dem richtigen Weg sei, jener der unbequemen Selbstreflexion. «Wir Frauen sind uns gewohnt, uns ständig zu hinterfragen, da wir diejenigen in der schwächeren Position sind.» Wir müssten verstehen, dass genau in dieser Reflektiertheit die Stärke der Frauen liege, «genau so, wie es Petrunya tut».

«God Exists, Her Name is Petrunya» (2019) von Teona Strugar Mitevska. Der Film läuft aktuell in Schweizer Kinos.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.05.2019, 08:24 Uhr

Artikel zum Thema

Sie wird verfolgt wegen eines Kreuzes

In «God Exists, Her Name Is Petrunya» gerät eine junge Frau mit der mazedonischen Männergesellschaft in Konflikt. Mehr...

In der Fabrik für Folklore

In «Balkan Melodie» macht sich Stefan Schwietert auf die Spuren osteuropäischer Weltmusikstars der 70er- und 80er-Jahre. Der Film zeigt, wie Volksmusik gespielt wird. Aber noch mehr, wie sie vereinnahmt, vermarktet und verworfen wird. Mehr...

War der Beobachter auch Täter?

Anfang des Jahres 1992 starb der Schweizer Journalist Christian Würtenberg auf einem kroatischen Acker. Der Film «Chris the Swiss» spürt seinem Leben und Sterben nach. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...