«Wir hinterfragen dieses Männlichkeitsbild»

Scheidung und Alkohol sind passé: Brad Pitt über seinen neuen Film «Ad Astra», Maskulinität und die Beziehung zu seinem Vater.

Es läuft wieder rund: Schauspieler und Filmproduzent Brad Pitt. Foto: Dukas

Es läuft wieder rund: Schauspieler und Filmproduzent Brad Pitt. Foto: Dukas

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Er trägt eine Schiebermütze und viel Gold um den Hals und die Handgelenke. Das T-Shirt lässt die Muskeln zur Geltung kommen, die sich Brad Pitt einst für «Troja» (2004) antrainiert hatte. Unter den vielen Tattoos fällt am rechten Bizeps ein neues auf: Es zeigt einen Mann, der über seinem Schatten steht.

Seit Pitt «Once Upon a Time... In Hollywood» in Cannes präsentierte, laufen die Dinge wieder rund beim Amerikaner. Zuvor hatte er bloss noch wegen des Scheidungskriegs mit Angelina Jolie und Alkoholmissbrauchs Schlagzeilen gemacht, als Schauspieler war er kaum noch präsent. In Venedig aber spürt man: Der Star geniesst die aktuelle Aufmerksamkeit, den Erfolg mit Tarantino, und er will reden. Auch deshalb, weil der Science-Fiction-Film «Ad Astra» von seiner Firma Plan B mitproduziert wurde und weil das von Disney aufgekaufte Fox-Studio nach zahlreichen Flops dringend einen Hit braucht.

In «Ad Astra» spielt Pitt den gefühlskalten Astronauten Roy McBride, dessen Vater (Tommy Lee Jones) vor zwanzig Jahren bei einer Weltraummission verschwand, als es darum ging, ausserirdisches Leben zu finden. Als nun Energiewellen aus der Gegend des Neptuns das ganze Sonnensystem gefährden, wird Roy dorthin geschickt, um seinen Vater – falls er noch lebt – zur Vernunft zu bringen.

Mister Pitt, Sie haben das Kino der letzten Jahrzehnte als Megastar geprägt. Gibt es etwas, das Sie bescheiden bleiben lässt?
Okay, ich habe in vielerlei Hinsicht den Jackpot getroffen. Aber im Grunde bin ich noch immer jener Junge aus Missouri, der als Teenager an seinem Auto herumwerkelte und der oft nicht wusste, wo sein Platz ist. Als ich 1985 nach Los Angeles zog, um Schauspieler zu werden, war ich ein Nobody. Zudem bin ich nie mit einem Flugzeug geflogen, bevor ich 23 war.

«Ich musste als Schauspieler gnadenlos aufrichtig sein und mich in Zonen begeben, die kein Vergnügen waren.»

In «Ad Astra» machen Sie sich per Rakete auf die Suche nach Ihrem Vater. Wie ist das Verhältnis zu Ihrem eigenen Vater?
Ich sehe ihn in allem, was ich tue: Manchmal ahme ich ihn nach, manchmal lehne ich mich gegen ihn auf. Er kam aus grosser Armut und wollte uns ein besseres Leben ermöglichen. Weil «Ad Astra» dieses Thema anspricht, geht mir der Film besonders nahe.

Gab es beim Dreh etwas, das besonders herausfordernd war?
«Ad Astra» ist ja sozusagen die Antithese zu Quentin Tarantinos «Once Upon a Time… In Hollywood». Dort ging es um das Kino und das Fernsehen in den Sechzigerjahren. In «Ad Astra» gehts um Introspektion. Dafür musste ich als Schauspieler gnadenlos aufrichtig sein und mich in Zonen begeben, die kein Vergnügen waren. Vorher und nachher haben wir am Set viel gelacht, man kann ja nicht den ganzen Tag griesgrämig sein. Aber wenn ich beim Dreh nicht alles gegeben hätte, würde man es auf der Leinwand sehen – und dann wäre der Film bedeutungslos.

Pitt spricht in seinem typisch schleppenden Duktus, der manchmal etwas Verschmitztes und Verwaschenes hat. Zwischendurch ringt er nach Worten und bittet um Geduld. Er möchte präzise sein. Einmal entschuldigt er sich, er sei gerade aus Los Angeles eingeflogen und leide an Jetlag. Dabei schwenkt er sein Glas mit Coca-Cola. Seit zwei Jahren, heisst es, sei er trocken.

In «Ad Astra» stecken Sie die meiste Zeit in einem Astronautenanzug, Ihr Gesicht ist hinter einem Helm verborgen.
Ja, und dann sollte man noch Emotionen zeigen, nicht wahr? Das war schon eine Herausforderung. Als Schauspieler muss man jedoch mit solchen Unannehmlichkeiten umgehen.

Astronaut Roy McBride (Brad Pitt) im Film «Ad Astra». Foto: Twentieth Century Fox

Der Film spricht verschiedene Themen an – die Suche nach ausserirdischem Leben, nach Männlichkeit…
Regisseur James Gray hatte viele gute Ideen. Er interessierte sich unter anderem für die Banalität des Reisens und erwähnte immer wieder ein Zitat von «2001: A Space Odyssey»-Autor Arthur C. Clarke: «Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir sind allein im Universum – oder wir sind es nicht. Beide Optionen sind gleichermassen verstörend.»

«Man verleugnet einen Teil von sich selbst, indem man Schmerzen, Verlust und Trauer nicht zulässt.»

Und wie ist das mit der Maskulinität?
Ich selbst bin noch mit diesem Bild aufgewachsen, dass man sich dann männlich verhält, wenn man keine Schwächen zeigt und sich unverwundbar gibt. Wenn man das tut, verleugnet man jedoch einen Teil von sich selbst, indem man Schmerzen, Verlust und Trauer nicht zulässt. Es gibt jedoch viele Amerikaner, die diese Vorstellung des Marlboro-Manns, der immer gewinnt, heute noch mit sich rumtragen. Dazu haben auch Filme viel beigetragen. In «Ad Astra» hinterfragen wir jedoch genau dieses Männlichkeitsbild.

Pitt hakt nach, ob die Frage damit ausreichend beantwortet sei, wohl wissend, dass die Zeit mit ihm begrenzt ist. Dann möchte eine Journalistin aus der kleinen Runde wissen, wie sich seine Perspektiven über die Zeit verändert hätten. «Sie waren so gutaussehend und…» – «So so», sagt der 55-Jährige. «Und inzwischen bin ich einfach nur alt?» Er schickt ein dunkles, meckerndes Lachen hinterher. Dann sagt er:

«Es gibt zwei Möglichkeiten – man kann seinen Egoismus kultivieren oder man kann versuchen, weiser zu werden. Das gilt vermutlich für alle Berufe. Ich bin stolz darauf, ein bisschen wie die Vaterfigur in ‹Ad Astra› zu sein: Ich akzeptiere, was meines Weges kommt. Das eröffnet Möglichkeiten, an denen man wachsen kann. Ich interessiere mich heute zum Beispiel mehr für Philosophie, mit den Stoikern kenne ich mich gut aus. Wobei es mich immer wieder erstaunt, wie weit die Griechen damals unserer Zeit voraus waren. Oder ist es andersrum und wir haben in 2000 Jahren bloss so wenig gelernt?»

Sie sind bei «Ad Astra» nicht nur als Hauptdarsteller, sondern auch als Produzent engagiert. Welche Strategien verfolgen Sie mit Ihrer Firma Plan B?
Im Grunde zählt bei uns nur die Qualität. Aber ehrlich gesagt: Filme sind immer auch eine Lotterie. Man weiss nie, worauf man sich am Anfang eines Projekts einlässt und was dann zweieinhalb Jahre später rauskommt. Das ist leider auch der Grund, weshalb die grossen Hollywoodstudios immer weniger Risiken eingehen: Filme sind teuer, nicht nur bezüglich Herstellung, sondern auch punkto Werbung. Die Studios machen deshalb überwiegend Spektakelkino. Filme jedoch, die sich mit Wahrheitssuche befassen, finden nur noch in Nischen statt. Bei «Ad Astra» haben wir versucht, beides zu kombinieren.

Als Produzent haben Sie für «12 Years a Slave» (2014) einen Oscar gewonnen. Rechnen Sie bei «Ad Astra» ebenfalls mit einer Auszeichnung?
Um das abzuschätzen, ist es noch zu früh. Fürs Erste bin ich einfach gespannt, wie der Film beim Publikum ankommt. Das Ziel ist ja, dass man etwas gemacht hat, das hoffentlich in zehn oder zwanzig Jahren für die Zuschauer noch von Bedeutung ist.

Okay, aber wollen Sie mit «Ad Astra» gewinnen oder nicht?
Die Oscars sind ja ganz nett, aber das ist ein Nebenprodukt in unserem Business. Mal kommt dieser gross raus, mal jene. Ich freue mich, wenn Freunde von mir gewinnen. Aber wenn du nur deshalb im Business bist, um Oscars zu gewinnen, dann hast du verloren.

Trailer zum Film «Ad Astra». Quelle: 20th Century Fox

Der Film läuft ab 19.9. im Kino

Erstellt: 16.09.2019, 20:08 Uhr

Zum Film «Ad Astra»

Gefahr ist sein ständiger Begleiter. Doch der Astronaut Roy McBride (Brad Pitt) bleibt selbst dann cool, als ihn elektromagnetische Stürme von der riesigen Weltraumantenne fegen. Um den Stürmen auf den Grund zu gehen, wird McBride zum Neptun geschickt, wo sein Vater (Tommy Lee Jones) einst mit Antimaterie experimentierte.
Regisseur James Gray, der seine familiären Themenfelder erstmals im Science-fiction-Genre erprobt, strukturiert «Ad Astra» wie einen epischen Traum mit Innenschau. Grandiose Weltraumaufnahmen wechseln mit avantgardistischen Wackelperspektiven, die Isolation des Helden ist mit Händen zu greifen und wird auf der Tonspur mittels Tape Loops gespiegelt. Das wirkt im Kino oft schwerelos und beschwerlich zugleich. (zas)

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