«Wir müssen über Bio hinausgehen»

Die Familie Chester probierte es mit regenerativer Landwirtschaft. Zuerst ging alles komplett schief.

Das Paradies kam nicht umsonst. John Chesters Film zeigt, wie schwer es war, eine Farm mit regenerativer Landwirtschaft aufzubauen.

Das Paradies kam nicht umsonst. John Chesters Film zeigt, wie schwer es war, eine Farm mit regenerativer Landwirtschaft aufzubauen. Bild: PD

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Das Land ist verwahrlost, die Erde staubtrocken, irgendwo steht ein Bienenstock voll toter Bienen, nebenan die Überreste der letzten Massenhühnerhaltung. Ringsum Monokulturen. So haben sich John Chester und seine Frau Molly ihren Traum von der eigenen Farm wirklich nicht vorgestellt.

Sieben Jahre später – und der Ort ist kaum wiederzuerkennen. Sanft trifft das erste Tageslicht auf die Apricot Lane Farms in Kalifornien, Schafe säugen ihre Lämmer auf den Wiesen, ein fettes Schwein suhlt sich. Langsam verzieht sich der Morgennebel über dem fantastischen Obsthain.

Wie viel dieser Wandel den Chesters abverlangt hat, erfährt man im Dokumentarfilm «The Biggest Little Farm», den John Chester gedreht hat und der aktuell in den Schweizer Kinos läuft. «Ich war naiv», sagt der Amerikaner. Zum Interview erscheint der 47-Jährige in kariertem Hemd, Jeans und Baseballkappe. Es sei unmöglich, sich darauf vorzubereiten – auf die verrückte Idee, in Einklang mit der Natur zu wirtschaften.

Der Trailer. Video: Youtube

In der «regenerativen Landwirtschaft» fokussiert man darauf, die Böden gesund zu halten – mit grösstmöglicher Diversität. Dazu gehören nicht nur Pflanzen, sondern auch Tiere in und um den Hof, inklusive Wildtieren. Ziel sei es, ein natürliches Ökosystem zu imitieren, das sich selbst regeneriere und reguliere, durch Vielfalt. Die Nahrungsmittel, die in dieser Umgebung und in diesen Böden wachsen, sollen so schmecken wie von der Natur vorgesehen. Diese Methode der Landwirtschaft gehe weiter als die biologische. «Wir müssen über Bio hinausgehen», ist Chester überzeugt.

Die vielen Plagen auf dem Hof

Doch ein selbst arbeitendes Ökosystem aufzubauen, ist mit regelmässigen Katastrophen verbunden. Jeder Erfolg ist zugleich die Grundlage der nächsten Plage. Wachsen die ersten Früchte, werden sie von Vogelscharen zerpflückt. Kojoten reissen die Hühner zu Dutzenden, es folgt eine Dürre, dann kommen gierige Erdhörnchen, dann eine Läuseplage, eine Algenplage und eine Schneckenplage.

Auch in der Beziehung der Chesters begannen die Krisen. Als ihr Mentor und Biodynamikberater Alan York an Krebs starb, habe sich die Familie an einem Tiefpunkt befunden, so Chester. Er und seine Frau besuchten eine Paartherapie, zusammen mit den Angestellten trauerten sie um Alan. Und auf wundersame Weise scheint die Farm ihren Rhythmus zu finden. Die Enten fressen die Schnecken, die Kojoten jagen die Erdhörnchen. Und die Menschen lernen dazu.

Eine seiner grössten persönlichen Errungenschaften sei es gewesen, sich von der Angst des Scheiterns zu befreien. Er habe erkannt, dass Bewusstsein wichtiger als Wissen sei. Erst danach konnte er sich «Farmer» nennen. Heute gehe er mit viel Demut an die Sache.

Chester spricht einzelne Worte immer wieder langsam, bewusst. Er ist sich im Klaren, dass er mit seinem regenerativen Landwirtschaftsbetrieb die Welt nicht wird retten können. «Aber ich kann meine Gemeinschaft ernähren und andere innovative Bauern unterstützen.» Seine Kritiker, die Besitzer der Monokulturfarmen, verstummten immer mehr, stellen heute Fragen.

Auch in den USA fordert die herkömmliche Landwirtschaft ihren Preis, nicht nur von der Natur. Das System aus Subventionen, wirtschaftlichem Druck und Massenproduktion krankt. «Die Suizidrate unter Bauern ist hoch», sagt Chester. Zusätzlich würde sich das Bewusstsein für Ernährung ändern. Die Bewohnerinnen und Bewohner eines Landes mit schlechtem Gesundheitssystem wollen sich präventiv wappnen.

Fast zu schön

Trotzdem macht sich Chester sorgen, dass das Bewusstsein nicht schnell genug wächst. Die Biodiversität schwinde in den letzten Jahrzehnten bereits bedrohlich. Die Vielfalt zu erhalten, sieht er als Pflicht eines jeden – nicht zuletzt Kindern gegenüber, die in dieser Welt aufwachsen. «Verändere das, was dir am Herzen liegt.» Viele Probleme der Welt könne man auf eine Ursache zurückführen: die Entfremdung, «disconnection», wie er es nennt. Die raube dem Menschen die Empathie. Auf ihrem Hof würde diese gekappte Verbindung zwischen Mensch und Natur wiederhergestellt.

Das mag kitschig und genauso geschliffen klingen wie die Aufnahmen in seinem Film. Chester wurde für seine früheren Naturdokumentationen mehrfach ausgezeichnet. In «The Biggest Little Farm» zeigt er Tiere nicht einfach als Tiere, sondern als Wesen mit Persönlichkeit. Fast gescriptet wirken Freundschaften zwischen Schwein und Huhn, zwischen Mensch und Hund. Es ist schön, aber manchmal fast zu schön, um wahr zu sein.

Erstellt: 21.07.2019, 12:35 Uhr

«The Biggest Little Farm» läuft aktuell in den Kinos.

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