Der Woody-Ablasshandel

Woody Allen hat einen neuen Film – und viele Probleme. Früher wollte jeder Schauspieler mit ihm arbeiten. Heute entschuldigen sie sich öffentlich dafür und stiften ihre Gagen.

Selena Gomez mit Woody Allen während der Dreharbeiten zu «A Rainy Day in New York».

Selena Gomez mit Woody Allen während der Dreharbeiten zu «A Rainy Day in New York». Bild: Getty

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Es ist ein sonniger Vormittag in Paris, es ist das Hotel Le Bristol, es ist Woody Allen, ein sehr leiser Mann, der jede Frage mit grosser Höflichkeit beantwortet, und der, wenn man ihm glaubt, niemals lesen wird, was man über ihn verbreitet: «Ich lese seit Jahrzehnten keine Berichte über mich. Um nicht wahnsinnig zu werden. Die einen halten dich für ein Genie, die anderen für einen Idioten.»

Der Anlass des Treffens ist sein neuer Film «A Rainy Day in New York», eine Liebeskomödie. Dass es in Paris stattfindet, ist dem Interview-Wanderzirkus geschuldet, den PR-Berater gerne veranstalten. Doch eine Verabredung im Exil passt auch zu seiner aktuellen Situation.

Video – «A Rainy Day in New York»: Trailer

Der Filmemacher, der nach fünf Jahrzehnten Arbeit einen einzigartigen Kulturschatz geschaffen hat, gilt in Amerika dieser Tage als Hassfigur. Der Grund: Missbrauchsvorwürfe aus dem Jahr 1992. Vor 27 Jahren beschuldigte ihn seine Exfreundin Mia Farrow, ihre gemeinsame Adoptivtochter Dylan sexuell missbraucht zu haben, als diese sieben Jahre alt war. Allen bestreitet diese Vorwürfe. Er wirft Mia Farrow vor, den Missbrauch erfunden zu haben, damit er nach der Trennung nicht das Sorgerecht für die drei gemeinsamen Kinder zugesprochen bekomme. Seit 1992 steht Aussage gegen Aussage. Aber im Zuge der #MeToo-Debatte wurden die Vorwürfe gegen Allen noch mal neu aufs Tapet gebracht, in erster Linie durch seine Tochter.

Heute nun findet diese Auseinandersetzung indes zu den Bedingungen der sozialen Netzwerke statt, mit ihrem Geschäftsmodell der Instant-Befriedigung durch schnelle Urteile und sofortige Hinrichtung. Allen tut derweil, was er meistens tat: sich unauffällig verhalten. Fast könnte man vergessen, dass er sich daheim jetzt gerade in einer gigantischen Schlacht mit dem Internetkonzern Amazon befindet, auch diese Schlacht ist eine aktuelle Folge der alten Missbrauchsvorwürfe. Es geht um 68 Millionen Dollar.

Woody Allen hatte mit Amazon einen Vertrag über mehrere Spielfilme. Der erste Film dieses Deals ist eben jener «A Rainy Day in New York», dessen Entstehungsgeschichte sich in zwei Akte unterteilen lässt. Im ersten Akt galt Allen trotz der Vorwürfe aus dem Jahr 1992 in Hollywood als unbedingtes Genie, als Legende, mit der wirklich sämtliche Schauspielerinnen und Schauspieler unbedingt drehen wollten. So bekam er für die Besetzung des Films die angesagtesten unter Hollywoods Jungdarstellern, darunter Timothée Chalamet und Selena Gomez.

Colin Firth, Greta Gerwig, Ellen Page und Mira Sorvino verkündeten, dass sie nie wieder mit Woody Allen drehen wollen.

Dann kippte mitten im Produktionsprozess die Stimmung. Das ist für die Jungstars mit ihren Millionen Social-Media-Followern ein Problem, weil sie Angst haben, per Shitstorm zum Schafott geführt zu werden. Das Netz lief heiss, auch die Mutter von Selena Gomez sah sich bemüssigt, nicht ihr Kind, sondern die ganze Welt über Instagram wissen zu lassen, sie habe ihre Tochter ja gleich gewarnt. In der Folge konnte man die beiden Hauptdarsteller bei dem PR-Kamikaze beobachten, mit Woody Allen zu arbeiten, es aber gleichzeitig möglichst authentisch zu bereuen. Chalamet und Gomez drehten also den Film mit Allen ab – und spendeten dann ihre Gagen an Wohltätigkeitsorganisationen.

Parallel dazu fingen andere Schauspieler, die früher mit Allen gedreht hatten, damit an, Abbitte zu leisten. Unter anderem verkündeten Colin Firth, Greta Gerwig, Ellen Page und Mira Sorvino, dass sie nie wieder mit Woody Allen drehen wollen.

Für Amazon entwickelte sich die Sache zum Waterloo. Das Unternehmen sperrte den fertigen Woody-Allen-Film unveröffentlicht ins Archiv und kündigte die bereits vereinbarte Kooperation über weitere Projekte mit dem Regisseur auf. Woody Allen hatte im Anschluss solche Probleme, andere Financiers zu finden, dass er 2018 gefühlt das erste Mal nicht seinen jährlichen Film drehte. Er zog vor Gericht und verklagte Amazon wegen Vertragsbruchs auf einen Schadenersatz von 68 Millionen Dollar. Eine irre Prozess-Show, über die er aus juristischen Gründen nicht sprechen darf, weil es sich um ein noch laufendes Verfahren handelt.

Einzig über die Tatsache, dass Amazon ihm in einem kleinen Etappensieg die Rechte an «A Rainy Day in New York» zurückgeben musste, darf er sich hier in Paris leise freuen. Denn während der Film in seiner Heimat keinen anderen Vertrieb findet, hatten Verleihe ausserhalb der USA keine moralischen Bedenken, ihn zu kaufen. Er soll unter anderem in Mexiko, Brasilien, Hongkong, Russland, Frankreich, Spanien und Italien starten. In der Schweiz läuft er am 5. Dezember an.

Ronan Farrows Rolle

Auf die Frage, wie er es empfunden habe, dass sich seine «Rainy Day»-Darsteller für die Arbeit mit ihm anschliessend vor der Weltöffentlichkeit entschuldigt haben, antwortet Allen: «Das hat mich überrascht. Am Set hätten sie nicht netter sein können. Sie waren reizend, und es schien mir, als hätten sie eine gute Zeit.»

Steckt in Allens Biografie nicht Stoff für einen 1000-Seiter? Er schreckt hoch: «Für 1000 Seiten ist mein Leben nicht spannend genug. Es sind vielleicht 500.» Die Parteien streiten aber ohnehin weiter. Zur Farrow-Seite gehört dabei eisern Ronan Farrow, der als Woody Allens leiblicher Sohn gehandelt wird, aber «möglicherweise» auch der Sohn von Frank Sinatra ist, wie Mia Farrow vor ein paar Jahren kundtat. Sein Wort in Missbrauchsfällen hat in den USA allerdings so oder so Gewicht, denn mit seinen Artikeln über die sexuellen Übergriffe des Filmproduzenten Harvey Weinstein wurde er zu einem Vorreiter der #MeToo-Bewegung.

Ronans Halbbruder Moses Farrow steht wiederum fest auf der Seite seines Adoptivvaters Woody Allen. Er sagt, dass mit Sicherheit kein Missbrauch stattfand. Eine Erzählung, die in Hollywood, wo das Geld die Moral vorgibt, derzeit wenig Gehör findet. Nachdem sich die US-Filmindustrie über ein Jahrhundert in Misogynie geübt und Missbrauchsfälle als Lausbubenstreiche heruntergespielt hatte, reicht heute der Verdacht zur Verurteilung, denn nach aktuellem Stand kann man mit Allen keine Dollars mehr umsetzen, wohl aber damit, sich von ihm zu distanzieren.

Und Allen? Arbeitet

Diesen Sommer hat er mit dem Geld der spanischen MediaPro in San Sebastián «Rifkin's Festival» gedreht. Und zwar hauptsächlich mit europäischen Schauspielern – wie Louis Garrel und Christoph Waltz. Fragt man beim zweifachen Oscarpreisträger Waltz in Los Angeles nach, verweist der «mit Nachdruck» auf die Unschuldsvermutung und die Aussagen von Moses Farrow.

Was, glaubt Woody Allen, wird bleiben, wenn man an ihn denkt? Er winkt ab: «Wenn die Arbeit gut ist, hinterlässt man etwas Bedeutungsvolles. Wenn nicht, wird man mit der Zeit einfach fortgetrieben.»

Erstellt: 05.11.2019, 15:15 Uhr

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