Was Eltern von «The Incredibles 2» lernen können

Noch schnell die Welt retten – und dann das Familienchaos angehen. Zehn Erziehungstipps für Mami und Papi.

Kraftpaket Mr. Incredible ist im Film «The Incredibles 2» vor allem an der Heimatfront gefragt. Foto: Disney

Kraftpaket Mr. Incredible ist im Film «The Incredibles 2» vor allem an der Heimatfront gefragt. Foto: Disney

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Heute startet ein neuer Pixar-Film im Kino. Nicht irgendeiner, sondern die Fortsetzung des Publikum- und Kritikerlieblings «The Incredibles». Der erste Teil aus dem Jahr 2004 handelte von Superhelden, denen die Arbeit verboten wurde, weil ihre spektakulären Rettungsaktionen zu viele Kollateralschäden verursachten. Deshalb musste auch das Ehepaar Bob und Helen Parr auf seine Superkräfte verzichten, was im Familienalltag mit den drei Kindern ungeahnte Mühsal bedeutete. Bob versauerte im Büro, während Helen als Hausfrau an ihre Grenzen kam. «The Incredibles», der zwei Oscars gewann, wurde denn auch als hintersinniger Elternfilm gefeiert.

Die Familienthematik bleibt bei «The Incredibles 2» bestehen. Bob alias Mr. Incredible ist inzwischen Hausmann, weil Helen – Kampfname Elastigirl – einem Megaschurken auf der Spur ist. Wir haben «The Incredibles 2» auf weitere Elternlektionen abgeklopft. Denn von wem soll man lernen, wenn nicht von Super­helden?

1. Traut euch ruhig etwas mehr zu

Als Elastigirl das Angebot kriegt, wieder Superheldin zu sein, reagiert sie erstaunlich konventionell: Sie macht sich mannigfaltige Sorgen. Kann sie die Kinder einfach so abgeben? Kriegt ihr Göttergatte die Pflege und Aufzucht der Kinder plus den Haushalt auf die Reihe? Darf sie ihn mit diesen schwierigen Aufgaben wirklich alleine lassen, um die Welt zu retten? Bis ihr Mann sagt: «Schatz, geh du nur, ich mach das schon.» So sprechen wahre Superhelden.

2. Hausmänner verdienen Schonung

Rollenwechsel sind für Frau und Mann anspruchsvoll. Im Fall der Incredibles vor allem für ihn. Nach Elastigirls erstem Arbeitstag ist er total fertig, während sie vor Energie vibriert, ihm brühwarm jedes Abenteuer erzählt und ihn so endgültig fertigmacht. Ein Rückgriff auf eine alte weibliche Kulturtechnik, sich stets ein bisschen überfordert zu zeigen, hätte sein männliches Ego geschont.

3. Hausmänner sind unglücklich

Wie grossartig man sei, hören Mr. Incredible und andere Hausmänner oft. Nachmachen will es ihnen aber keiner: In der Schweiz gibt es auffallend wenige Vollzeit-Hausmänner. Vor ein paar Jahren waren es 9000, Tendenz abnehmend. Dass Mr. Incredible ohne seine Arbeit unerfüllt ist, mag politisch unkorrekt sein, entspricht aber der Realität. ­Natürlich muss das jeder für sich ausmachen, aber zumindest die Incredible-Familie funktioniert am besten, wenn Bob und Helen Familie und Arbeit gemeinsam bewältigen. Es würde einen nicht wundern, wenn der nächste Film ein Teilzeitmodell portierte.

4. Mathe-Aufgaben sind nicht mehr, was sie mal waren

Den Bruch zeichnerisch darstellen? Was soll das? Wieso zum Teufel lernen die Kinder keine klassischen Bruchrechnungen mehr?! Probleme mit den Hausaufgaben erleben viele Eltern. Zuerst denkt man sich die Fluchwörter bloss und versucht, die neuen Lernmethoden zu verstehen, während das Kind spürbar ungeduldig wird. Irgendwann reisst gegenseitig der Gedulds­faden, und man befindet sich im Schreimodus. Das ergeht Mr. Incredible nicht anders. Leider hat er ausser Resignation keine Lösung parat. Verdammte Brüche.

Ohne Kinder sehnt man sich nach Abenteuer, mit ihnen nach einem Nickerchen.

5. Fördern und fordern soll für alle gelten

Ausser Elastigirl dürfen die Incredibles ihre Kräfte nicht ausleben. Das ist nicht nur für die weltrettenden Eltern ein Problem, sondern auch für die Kinder, die als Freaks ausgegrenzt sind oder zumindest das Gefühl haben, es zu sein. Es ist ein Kritikpunkt, den bereits der erste «Incredibles»-Teil aufgriff: übertriebenes Mainstreaming. Der Superheld als Metapher für das begabte Kind, das in der Schule behindert wird, weil sich diese am langsamsten Lerner ausrichtet.

6. Nickerchen sind völlig okay

Natürlich darf der Klassiker nicht fehlen: das schlafresistente Baby, dem man dieselbe Gutenachtgeschichte immer und immer wieder vorlesen muss, obwohl einem vor Müdigkeit die Zeilen vor dem Auge tanzen und man schliesslich noch vor dem Baby einnickt. Das kennt jeder Jungvater, aber wenigstens liefert sich der Nachwuchs dann im Garten keinen ­erbitterten Kampf mit einem Waschbären. Ja, ohne Kinder sehnt man sich nach Abenteuer, mit ihnen nach einem Nickerchen. Also keine falsche Scham vor Power-Napping während des Tages. Wenns sein muss, auch bei der Arbeit.

Bilder – MeToo: Pixar Mitbegründer tritt zurück

7. Verliebte Teens sind labile Teens

Als Mr. Incredible bemerkt, dass seine Teenietochter unglücklich in einen Schulkameraden verschossen ist, beschliesst er, ihr zu helfen, und führt seine Kinder in das Restaurant aus, in dem der Angebetete kellnert – sehr zum Entsetzen der Tochter. Merke: Adoleszentes Liebeswerben ist komplizierter als Quantenphysik. Wer einem Teenie in Liebesdingen zu helfen versucht, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit das Gegenteil bewirken.

8. Vergesst das Trampolin nicht

Die Zeit, die Schweizer Eltern mit ihren Kindern verbringen, hat sich in den letzten Jahrzehnten verdoppelt. Gespart wird dafür an Freizeit, Schlaf – und Sex. «Trampolin mich!», fordert Elastigirl, die den Körper beliebig weit spannen kann, ihren Mann in einer Szene auf. Sie sagt den Satz, als die beiden einen gigantischen Maulwurf bekämpfen. Aber man kann ihn ja auch anders verstehen.

Eltern sind Superhelden, auch wenn sie keine Superkräfte haben.

9. Auch Superhelden delegieren

Schon der normale Schulalltag mit den Kids bringt Mr. Incredible an den Rand seiner Superkräfte – da entwickelt das Baby plötzlich auch noch Fähigkeiten wie Laserblick oder Selbstentflammung. Was tut der kluge Hausmann? Er bringt das schwierige Baby zur genialen Modeschöpferin für ein passendes Superheldenkostüm. Tönt nach Verlegenheitslösung, ist aber genau das Richtige. Merke: Wenn du völlig am Ende bist, gib dein Kind jemandem zum Hüten, der dessen Eigenschaften zu schätzen weiss.

10. Alle Eltern sind Superhelden

Füttern, unterhalten, putzen, Hausaufgaben überprüfen, Fragen beantworten, trösten, massregeln, Geld verdienen, vor Gefahren bewahren, Werte vermitteln – das sind nur einige der elterlichen Aufgaben, die in ihrer Gesamtheit eine riesige Verantwortung bedeuten. Dazu kommen zünftige Abstriche bei der Selbstverwirklichung und latente Ängste. Zu Recht heisst es im Film einmal: «Richtige Erziehungsarbeit ist heroisch.» Man darf das getrost steigern: Eltern sind Superhelden, auch wenn sie keine Superkräfte haben.

Erstellt: 26.09.2018, 17:45 Uhr

Artikel zum Thema

Voll elastisch

SonntagsZeitung Mit «Incredibles 2» kommt der erfolgreichste Pixar-Film in die hiesigen Kinos. Ein Studiobesuch. Mehr...

Tanz mit dem Skelett

Video Der neue Pixar-Film «Coco» spielt zu einem grossen Teil im Jenseits – eine willkommene Herausforderung für Regisseur Lee Unkrich und sein Team. Mehr...

Überschätzt: Pixar

Künstler, mit denen wir wenig anfangen können. Heute: Animation mit Kalkül. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klimawandmalerei: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...