Er lockte mit Nudisten-Klamauk ins Kino

Erwin C. Dietrich fabrizierte Sexfilme am Laufmeter, aber auch Komödien und Actionkracher mit Roger Moore. Nun ist der Kinopionier gestorben.

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Es gibt zweierlei Unternehmerbiografien. Da gibt es die Geschichten von Angepassten, die immer alles richtig machen. Und dann gibt es die Storys von Getriebenen, die Erfolg um jeden Preis wollen, die sich dabei trotz Etappensiegen in Widersprüchen verstricken und sich immer wieder neu erfinden.

Ein solch filmreifes Leben führte Erwin C. Dietrich, Schweizer Kinogeneralunternehmer, der vor allem mit seinen Sexfilmen zuverlässig für Aufregung in der Ovomaltine-Schweiz der 70er-Jahre sorgte.

Erwin Dietrich kam 1930 in Glarus zur Welt. Weltwirtschaftskrise und Zweiter Weltkrieg prägten die Jugend. Der Vater jobbte mal da, mal dort. Die Dietrichs sammelten auch schon mal Schnecken fürs Gourmetrestaurant. Richtlinien fürs Leben gabs von der Pfadi, später liebte Erwin die Filme aus Hollywood, die Geschichten von Aufsteigern, vom abenteuerlichen Leben in Technicolor. Es reifte die für die Schweiz eher ungewöhnliche Idee vom Reichwerden mit Filmerei.

Keine Rolle erhalten, eigenen Film gedreht

Über die erste Hürde halfen die Eltern, die dem Sohn eine Schauspielerausbildung ermöglichten, nachdem dieser sich als sowohl für die theologische Laufbahn wie auch für die Buchhalterei als untauglich erwiesen hatte. In Zürich wurstelte er sich durch Theaterkurse, aber niemand wollte ihn besetzen. Also beschloss Dietrich, selber einen Film auf die Beine zu stellen, nur um sich darin eine Rolle geben zu können.

In dem Heimatfilm «Das Mädchen vom Pfarrhof» (1955) spielte Dietrich eine tragende Nebenrolle, allerdings nicht vor, sondern als Produzent hinter der Kamera. Noch zockten ihn in der Endabrechnung zahlreiche Profiteure ab. Doch Dietrich hatte erkannt, was es brauchte, um mit Spielfilmen Geld zu machen: scharf kalkuliert maximale Schauwerte herstellen und diese in Eigenregie unter die Leute bringen. Die Erwin-C.-Dietrich-Show lief an.

Bizarr, schlüpfrig, Trash

1956 gründete Dietrich die Urania-Film und wilderte fortan durch so ziemlich jedes populäre Genre der Zeit. Heimatschnulzen, Schlagerfilme («Die Hazy-Osterwald-Story»), Komödien («Der Herr mit der Schwarzen Melone»), Krimis. 1965 stand Dietrich im Gefolge der Krise der Filmwirtschaft kurz vor dem Ruin. Den Ausweg wies der Erotikthriller «Schwarzer Markt der Liebe» (1966), in dessen Titel das Leitmotiv von Dietrichs erfolgreicher nächster Phase bereits anklang: Sex sells.

Ein erotischer Überzeugungstäter ist Erwin C. Dietrich nie gewesen. Alles, was ihn an der sexuellen Befreiung interessierte, war, dass damit ein Markt liberalisiert wurde, auf dem seine schnell und billig heruntergekurbelten Sex-Klamotten reissenden Absatz fanden. Ähnlich wie seine westdeutschen Verleiher-Konkurrenten – Dietrich verfügte seit 1966 über einen eigenen Verleih – mit ihren harmlosen «Schulmädchen-Reports» wollte der Meister der Vermarktung das Publikum nicht mit Kunstpornos provozieren: Er lockte es mit dem Versprechen auf etwas Busen und Nudisten-Klamauk ins Kino.

Mit Roger Moore kam die Anerkennung

Das Geschäft lief gut, doch der Erfolg brachte keine Anerkennung. Immer wieder von der Zensur bedrängt, wurde Dietrich einerseits von Schweizer Kulturlinken für die Ausbeutung sexueller Lust geschmäht. Anderseits verachtete ihn das bürgerliche Establishment, weil sein Reichtum nach Milieu roch.

Das fuchste Dietrich. So versuchte er, obwohl ihm die schlüpfrige Stapelware zuverlässig die Kasse füllte, immer mal wieder in Richtung grosses Kino auszubrechen. Etwa mit «Eine Armee Gretchen» (1973), einem bizarren Mix aus «Schulmädchen-Report» und Bernhard Wickis «Die Brücke», den Dietrich als Quasi-Autorenfilmer realisierte.

Das seltsame Vehikel mag heute in Fankreisen als Trashgranate verehrt werden, war zunächst aber ein teurer Flop, und Dietrich wartete weiter auf Anerkennung. Gross aufgemacht war 1976 auch der in Zürich mit Klaus Kinski gedrehte «Jack der Ripper», doch wirklich Renommee brachte erst 1978 der britische Söldnerfilm «Die Wildgänse kommen», einem mit Roger Moore prominent besetzten Actionkracher. In weiser Voraussicht hatte sich Dietrich die Rechte für den deutschsprachigen Raum gesichert. Der phänomenale Erfolg vor allem in der damaligen BRD spülte ihm viel Geld in die Kassen, und fortan setzte Dietrich auf die Actionkarte.

Pionier des Schweizer Multiplex-Kinos

1985 etwa liess er im philippinischen Dschungel Krieg führen. Herausgekommen ist «Kommando Leopard», in dem neben Klaus Kinski auch der Cervelat-Prominente Hausi Leutenegger durchs Unterholz tobte. Den neuen Heimvideo-Markt bespielte er zeitgleich virtuos mit allerlei Söldner- und Kommandokrempel und profitierte dabei vom Macho-Boom um Rambo und Co.

So vernetzt und global sich der Kinogeneralunternehmer auch gab – seine helvetischen Wurzeln hat der bodenständige Dietrich nie verleugnet. Eine halbe Ewigkeit wirtschaftete er von Zürich aus, wo er in den 80er-Jahren auch pioniermässig den Bau von Multiplex-Kinos vorantrieb – er besass bis 2005 die Kinos Cinemax (heute Abaton) und Capitol.

Erfolgsfilm mit Nötzli

Er verhandelte im Milieu wie auch in Hollywood mit Mut, Geschick und einer Stiergrindigkeit, die eher an Gottlieb Duttwiler als an Donald Trump gemahnte.

Dazu passte auch die Komödie «Ein Schweizer namens Nötzli» (1986), mit der Dietrich dem Kabarettisten Walter Roderer ein Denkmal setzte: Der Erfolgsfilm präsentierte den Bünzli als zwar nicht eben weltläufigen Gesellen, der aber den letzten Lacher auf seiner Seite hat – ganz so, wie der Kinopatriarch aus Zürich selbst.

Wie erst jetzt bekannt wurde, starb Erwin C. Dietrich am 15. März nach schwerer Krankheit. Er wurde 87.


*Benedikt Eppenberger ist Spielfilmredaktor beim Schweizer Fernsehen SRF und Ko-Autor des Buches «Mädchen, Machos und Moneten» über Erwin C. Dietrich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2018, 17:30 Uhr

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