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Zürich–Basel schwierig

Auf einer Zugfahrt mit Steve McQueen erfährt man viel über dessen Zürcher Ex-Freundin. Was seine Werke betrifft, hält sich der britische Videokünstler und Filmemacher bedeckt: Die meisten Fragen dazu findet er – absurd.

«Lausanne ist dort, wo die Frauen schöne Beine haben.»: Der britische Künstler Steve McQueen.
«Lausanne ist dort, wo die Frauen schöne Beine haben.»: Der britische Künstler Steve McQueen.
Felix Clay

Es wär so schön, jetzt mit Steve McQueen über seinen neuen Film zu sprechen. Aber er will nicht. «Nein, kein Wort.» Wir sitzen im Zug vom Zürcher Flughafen nach Basel, wo Steve McQueen im Schaulager über seine Filme sprechen wird. Also über die beiden alten. Über «Hunger» (2008) und «Shame» (2011), beide mit Michael Fassbender in der Hauptrolle, einmal als inhaftierter nordirischer IRA-Aktivist im Hungerstreik, einmal als Sexsüchtiger in New York. Und was macht Fassbender im neuen Film «Twelve Years a Slave»? «Sag ich nicht.» Und Brad Pitt? «Kein Wort.»

Kurz vor Brugg geht uns der Gesprächsstoff dann vorübergehend aus, auch dies wegen des neuen Films. Plötzlich sagt Steve McQueen: «Hm, vielleicht könnte ich etwas über die Idee sagen, die hinter dem Film steckt.» Schliesslich finden sich im Internet schon die ersten Bilder, es kann also alles nicht allzu geheim sein. «Also, ich wollte etwas über Sklaverei machen. Über einen Sklaven, der sich befreit.» Gut, fragen wir also schon mal, was irgendwann im Herbst oder Winter sowieso alle schreiben werden: Könnte «Twelve Years a Slave», die wahre Geschichte des freien schwarzen Amerikaners Solomon Northup, der 1841 zum Sklaven gemacht wurde und sich erst nach zwölf Jahren befreien konnte, eine Art neuer «Django Unchained» werden? Über Steve McQueens Gesicht senkt sich eine Maske äusserster Missbilligung, und er sieht aus, als ob er in tausend Stücke platzen möchte: «Oh, die Absurdität dieser Frage! Okay, jetzt sag ich echt nichts mehr zu dem Thema. Sind wir fertig? Absurd!»

Die Freundin vom Zürichberg

Von Zürich bis Basel verweigert er jede theoretische Annäherung an seine Kunst, verwirft jeden Vergleich, bleibt praktisch, anekdotisch, redet lieber über Konkretes als Konzepte. Skeptisch, wachsam, ein Künstler auf der Hut, ein Hüter seiner Kunst, mögliche Schlüssel zur Interpretation seiner Werke gibt er nicht aus der Hand.

Steve McQueen, der Turner-PrizeTräger von 1999 und einer der prominentesten britischen Gegenwartskünstler, kommt gerade aus Amsterdam. Dort hat er vor Jahren seine Frau kennen gelernt und seine Familie gegründet. «London, New York, Los Angeles sind Arbeitsorte; in Amsterdam hat meine Arbeit nichts zu suchen, da bin ich ganz privat, das ist mir wichtig.»

In New York hat er beispielsweise «Shame» erarbeitet. Ursprünglich wollte er in England recherchieren, aber die Engländer wollten einfach nicht über das Thema Sexsucht sprechen, «die haben mir alle die Tür vor der Nase zugeschlagen». In New York war das ganz anders. «Tiger Woods war gerade als sexsüchtig geoutet worden; alle wollten plötzlich pausenlos darüber reden – Fachleute, Betroffene.»

Was will Steve McQueen, der zuallererst einmal Videoinstallateur ist, denn mit seinen Kinofilmen erreichen? «Ich will Lärm veranstalten. Kino macht Lärm. Das ist so enorm kraftvoll, das erreicht so wahnsinnig viele Leute, das gefällt mir.» Mit «Hunger», einem höchst politischen Film über die grässlichen Zustände in einem nordirischen Gefängnis und über einen realen IRA-Kämpfer, der sich zu Tode hungerte, ist ihm dies gewiss gelungen. «Oh ja, nach der Irland-Premiere haben wir uns damals alle unter Stühlen und Tischen versteckt, weil wir nicht wussten, was jetzt passiert. Zum Glück ist alles gut gegangen.»

Sein erstes «Kunstwerk» gelang dem heute 43-Jährigen bereits mit fünf. Er lebte damals in Westlondon, und die örtliche Bibliothek hängte eine Kinderzeichnung von ihm als Banner über ihre Fassade. Er wollte Maler werden, studierte Kunst, war einer der raren Schwarzen und noch rareren Studenten aus der Arbeiterschicht (seine Eltern stammten von der Commonwealth-Insel Grenada), sein bester Freund kam aus Sri Lanka. Mit 19 verliebte er sich in eine kinoverrückte Schweizerin und kam nie mehr von den Medien Video und Film los. Ausgerechnet in eine Schweizerin? «Wieso nicht? Absurde Frage!» Mit ihr streunte er damals durch alle Londoner Programmkinos, am liebsten fünfmal die Woche.

Die Schweizerin kam übrigens aus Zürich. «Die wohnte über der Stadt, da war dieser Laden – wie heisst dieser typische Schweizer Laden?» Migros? «Ja, Migros! Und daneben fuhr ein kleines Bähnchen bis fast zum Waldrand.» Die Seilbahn Rigiblick? «Ja genau! Dort wohnen die reichen Leute, oder?» War die Freundin denn reich? «Ach, ich weiss nicht. Reich an Kultur jedenfalls. Die Eltern, die waren sicher reich, denen gehörte ja das Haus am Berg. Wahnsinnige Aussicht. Besonders zu Silvester, wenn über ganz Zürich das Feuerwerk hochging.»

Was Carey alles könnte

Mit der Freundin war er oft in Lausanne: «Das ist dort, wo die Frauen schöne Beine haben, weil die Stadt so steil ist. Das war jetzt vielleicht unangebracht. Aber Godard hats gesagt, da darf ich das auch sagen.» Selbstverständlich. «Genf hasse ich. Genf hat keine Atmosphäre. Aber Lausanne gefiel mir gut, bloss das Essen dort war schlecht. Und wir waren oft in den Bergen! Da fuhr man hoch, mit diesem Bus, der im Winter Ketten um die Pneus hatte, und die Strasse war ganz schmal, furchtbar. Und meine Freundin hatte dauernd gebrochene Knochen vom Skifahren.»

Dass ihm die Sache mit den Knochenbrüchen in den Sinn kommt, scheint typisch für Steve McQueen, er ist ein zutiefst physischer Künstler, Körper, ganz besonders männliche, sehr oft nackte, sind so omnipräsent in seinem Werk, dass vielerorts automatisch die Meinung herrscht, er sei schwul. Ist er aber nicht. Bei den Frauen sind es eher die Gesichter als die Körper, auf die er seine Kamera draufhält. Etwa auf das Gesicht von Carey Mulligan in «Shame», ein irres, suizidgefährdetes Ding, von aussen schön, innerlich total zerbrochen. Hat er «The Great Gatsby» mit Carey Mulligan als Daisy schon gesehen? «Ich sage nichts.» Also ja? «Mmhh.» Und? «Nicht meine Art von Film. Und das Ding mit Carey ist ja, die will was, die ist extrem, die will sich in etwas reinbeissen können, die hat Tiefe – und immer wird sie falsch besetzt, im ‹Great Gatsby› auch wieder.»

Der Stern am Feldschlösschen

Eine der schönsten Videoarbeiten, die in der grossen Werkausstellung von Steve McQueen im Basler Schaulager (TA vom 19. 3.) zu sehen sind, heisst «Giardini». 2009 vertrat er damit Grossbritannien an der Kunstbiennale von Venedig. Eine halbe Stunde lang sieht man die Giardini, wo sonst die Biennale stattfindet, bei schlechtem Wetter, Obdachlose schleichen durchs Bild, der Wind rollt eine Müllwelle durch den Park, ein Rudel Windhunde bewegt sich darin wie sehr edle, lebendig gewordene Ornamente. Windhunde?

«Die Windhunde haben wir importiert. Das waren früher die Hunde der Dogen von Venedig. Zudem sind sie die am menschlichsten wirkenden Tiere, die ich kenne, sehen Sie sich mal diesen Brustkorb an. Absolut menschlich. Das ist fast, als würde man mit Schauspielern arbeiten. Der Rest ist so, wie man ihn in Venedig antrifft, wenn nicht Biennale ist, wenn nicht alles voller Kunst steht und die Leute schöne Kleider tragen. Das ist ein Unort in Venedig, der Park der Bettler, der Cruising-Park der Schwulen, der Park der Hunde. Das wollte ich zeigen.» Die ganz banale und melancholische Realität hinter dem hochgetunten Glamour des Kunstbetriebs.

Auch Steve McQueen wird diese Woche wieder zur Biennale reisen. Obwohl ihn die Hotelpreise in Venedig gerade furchtbar nerven, das ist einem Telefongespräch mit einer Mitarbeiterin zu entnehmen. Doch plötzlich ruft er: «Was ist denn das?!» Wir fahren durch Rheinfelden, die Feldschlösschen-Brauerei protzt gelassen vor sich hin. «Sind die jüdisch? Da ist ein Davidstern auf der Mauer!» Tatsächlich. Leider hat man das Wissen nicht zur Hand, dass der vermeintliche Davidstern seit dem 14. Jahrhundert auch als Zunftzeichen der Brauer belegt ist. Egal. Steve McQueen, der Mann, der neben dem Wort «absurd» eine Zugfahrt lang am zweitliebsten das Wort «power» verwendet hat, telefoniert schon wieder, und jetzt ist es hörbar privat: «Wie? So alt ist er schon? Oje, ich hör mich an wie meine eigene Grossmutter . . .»

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