«Zuerst ging er immer zu ihr»

Ohne seine Frau wäre Friedrich Dürrenmatt nicht zum Autor geworden, wie wir ihn kennen. Das sagt Sabine Gisiger, deren Film morgen ins Kino kommt.

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Welche Neuigkeiten erfuhren Sie durch die Gespräche mit Dürrenmatts Kindern?
Ich realisierte während der Recherche, wie gross und unterschätzt Lottis Bedeutung für Dürrenmatts Werk gewesen war. Mit seinen Entwürfen ging er immer zuerst zu ihr. Beim Kaffee nach dem Mittagessen hätten sie dann miteinander darüber diskutiert, erzählten mir die Kinder, wobei Lotti vor allem die Personen in Dürrenmatts Stücken mit ihren Vorschlägen im eigentlichen Sinn belebt hätte. Dürrenmatt, der eher abstrakt dachte, gewann durch Lotti, die mehr im Leben stand, Zugang zur konkreten Lebenswelt.

Wie konnten Sie die bisher schweigsamen Kinder zum Mittun bewegen?
Erstmals in Kontakt kamen wir bei der Arbeit an meinem Film fürs Fernsehen. Ich wollte ihnen den Film im Voraus zeigen, immerhin handelte er von ihrem Vater. Die Gespräche gingen dann darüber hinaus, und nach monatelangem Austausch erklärten sie sich bereit, erstmals öffentlich Auskunft zu geben. Wohl vor allem deshalb, weil es den Kindern ein Anliegen war, ihrer Mutter, Dürrenmatts erster Frau Lotti, Wertschätzung widerfahren zu lassen.

Inwiefern erinnerten Sie die Kinder an den Schriftsteller?
In ihrem Humor. Den verwenden sie wie Dürrenmatt dazu, Distanz zu schaffen zwischen sich und den Schwierigkeiten, vor die sie das Leben gestellt hat.

Sehen Sie sich in der Nachfolge von Charlotte Kerr, Dürrenmatts zweiter und letzter Ehefrau und Macherin des opulenten Dürrenmatt-Dokfilms «Portrait eines Planeten»?
Kerrs Film hat Dürrenmatts Leben mit Lotti und den Kindern ausgeblendet. Mein Film legt nun aber das Schwergewicht gerade auf diese ersten 38 Jahre seines Erwachsenenlebens. Ich bediente mich Kerrs grossartiger Bilder, deutete sie aber um. Die Szenen etwa, die Dürrenmatt im Zug zeigen, nutzte Kerr zur Illustration seiner Erzählung «Der Tunnel». Bei mir symbolisieren sie Dürrenmatts Verlorenheit nach Lottis Tod 1983. Dieser war es ja auch, der Dürrenmatt dazu bewegte, ein einziges Mal Privates in der Öffentlichkeit preiszugeben – als er im Radio laut über seine Verlorenheit und Einsamkeit nachdachte.

Wie direkt verarbeitete Dürrenmatt Privates in seinem Werk?
Bei der Recherche stellte ich verblüfft fest, dass Dürrenmatt weit mehr von seinem Wesen und Leben direkt in seine Arbeit einfliessen liess, als ich ursprünglich gedacht habe. Im Stück «Meteor» etwa ist die Schriftstellerfigur Schwitter Dürrenmatt sehr ähnlich. Da wirft ein Kritiker diesem Schwitter etwa vor, er sei grotesk und nihilistisch, woraufhin er von seinem Verleger verteidigt wird: Nicht der Schriftsteller sei grotesk, sondern die Welt. Der Vorwurf wurde Dürrenmatt selbst oft gemacht, und oft wurde er von seinem Verleger Daniel Keel verteidigt.

Die Auseinandersetzung mit der Theologie rahmte Dürrenmatts Vita. Sein Vater war Theologe, sein Sohn wurde Theologe. Weshalb kommt sie in Ihrem Film kaum vor?
Erstens, weil Dürrenmatt mit seinem Sohn Peter nur einmal über Theologie sprach – und dabei einen Herzinfarkt bekam. Und zweitens hätten Exkurse zur Theologie, etwa jener von Karl Barth, nicht zum Wesen des Filmes gepasst.

Welche Bedeutung hatte das Vatersein für Dürrenmatt?
In Dürrenmatts Zeit wurden Männer selbstverständlicher Familienväter als heute. Das gehörte dazu, darüber musste man nicht nachdenken. Das ist eine Frage des 21. Jahrhunderts. Dürrenmatt betonte aber immer, wie wichtig die Kinder für seine Arbeit gewesen seien. Er sagte: «Ein Mann braucht einen Karren, den er zu ziehen hat, um Schwung zu bekommen.» Der existenzielle Druck, das Geldverdienenmüssen, trieb ihn an zu schreiben.

«Dürrenmatt: Eine Liebesgeschichte» ist in Zürich ab Donnerstag in den Kinos Riffraff und Arthouse Piccadilly zu sehen. Hier gehts zur Kritik. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.10.2015, 15:33 Uhr

Sabine Gisiger (*1959) arbeitet seit 25 Jahren als Dokumentarfilmerin. 2001 erhielt die promovierte Historikerin für «Do it» den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm. (Bild: PD)

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