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Vor 30 Jahren kämpfte sich Bruce Willis durch «Die Hard». Die Nachfahren des Actionklassikers, «The Equalizer» und «Mission: Impossible», liefern sich einen Streit um kulturelle Identität.

Ein geradezu menschlicher Film um einen Helden, der trotz allem eine gesunde Distanz zu sich selber hat: «Die Hard» (1988) mit Bruce Willis. Foto: Peter Sorel (Imago)

Ein geradezu menschlicher Film um einen Helden, der trotz allem eine gesunde Distanz zu sich selber hat: «Die Hard» (1988) mit Bruce Willis. Foto: Peter Sorel (Imago)

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Die wichtigste «Die Hard»-Szene ist jene, die sich unter den Fans abspielte, die den Film dreimal, viermal, zehnmal gesehen haben, er lief ja immer im Fernsehen. Man johlte «Yippie-ya-yeah, Schweinebacke!», formte mit den Armen eine Maschinenpistole und ballerte ein wenig in die Luft. Halt so wie Bruce Willis, der als Proleten-Cop John McClane nach Los Angeles reist, um seine Frau in einem neumodischen Büroturm zu besuchen. Es läuft nicht gut mit ihr, und gerade dann, als McClane sich umzieht, fällt eine Diebesbande ins Hochhaus ein, angeführt vom deutschen Soziopathen Hans Gruber.

Zur richtigen Zeit unter den Falschen – das Rezept wurde seither tausendfach variiert. Bruce Willis erfrechte sich damals, für die Rolle des rauchenden Polizisten fünf Millionen Dollar zu verlangen; sie machte ihn zum Actionstar. Fox stellte Regisseur John McTiernan ein Hochhaus auf dem eigenen Studiogelände zur Verfügung; es gab vor jeder Explosion Verhandlungen mit Anwälten. McTiernan hatte originelle Ideen: Die Diebe geben sich als Terroristen aus und nehmen Geiseln, dabei wollen sie nur einen Tresor knacken; McClane rennt barfuss durch die Stockwerke, weshalb die Schurken die Glasscheiben in den ­Büros kaputt schiessen.

John McTiernan wuchs mit europäischen Autorenfilmen auf. Er guckte sie ohne Untertitel und entwickelte einen Sinn für die Gefühlslogik des Kinos. In «Die Hard» spielt er auf Gary Cooper und Yasujiro Ozu an und filmt Walkie-Talkie-Gespräche zwischen McClane und einem Streifenpolizisten so, als würden sich die zwei Cops anschauen, obschon sie sich weit voneinander entfernt befinden. Immer ging es darum, dass sich der Zuschauer orientieren kann, dass Klarheit herrscht über die Topografie des Büroturms. «Die Hard»: eine modernistische ­Kinoarchitektur.

Zwei Welten verbunden

Der Thriller spielte das Fünffache seiner Kosten von 28 Millionen Dollar ein. In den 30 Jahren seit 1988 hat das ­Actionkino vier Fortsetzungen des Klassikers erlebt. Vor allem hat es digitaltechnisch aufmunitioniert und die Orientierung aufgelöst im Wirbel kleinster Wahrnehmungsteilchen. Auch verband «Die Hard» damals noch zwei Welten: jene des währschaften Blue-Collar-Arbeiters, dem es unwohl wird, wenn er nicht auf amerikanischer Erde steht und sich im Tower in den Lüftungsschächten verkriecht. Und jene des coolen Witzereissers, der sich ohne Respekt über die Gauner stellt. John McClane lebte in der bodenständigen wie in der ironischen Welt. Heute hat sich dazwischen ein riesiger kultureller Graben aufgetan.

Der Anniversary-Trailer zu «Die Hard». Video: Youtube

Es ist der politische Streit der Zeit, zwischen dem reaktionärem Wir-Denken der Rechten und spöttischer linker Distanznahme. Zwei aktuelle Actionfilme illustrieren diese Kluft, denn auf eine Art sind sowohl «Mission: Impossible – Fallout» wie auch «The Equalizer 2» Nachfahren von «Die Hard». In «The Equalizer 2» ist es Denzel Washington als Ex-Agent Robert McCall, der in seiner Community in Boston ­Seniorentaxi fährt und ohne zu zögern reiche Schnösel verprügelt, die eine junge Frau abgefüllt haben. Später nimmt er auf humor­loseste Art Rache an hausgemachten Schurken, denn McCall ist einer dieser Killer, die einen Raum voller Gegner wahrscheinlich auch mit einem Bleistift und einem Haargummi erledigen könnten. Wenn er kämpft, dann gegen die Bedrohung des Eigenen und die Korruption der Seele. Die Stadt ist ihm ein Dschungel, so wie es der Wolkenkratzer für McClane war.

Der Trailer zu «The Equalizer 2». Video: Youtube

Auf der anderen Seite steht Tom Cruise als US-Agent Ethan Hunt in der «Mission: Impossible»-Reihe. Im neuesten Teil vereiteln er und sein Team abermals dank halsbrecherischer Aktionen die Weltzerstörung durch Terroristen. Cruise hat dafür ­gelernt, wie man einen Heli­kopter fliegt, und er springt aus einer Höhe von fast 8000 Metern mit Atemgerät und mehr als 200 km/h aus einem Flugzeug.

Daneben gibt es kein Leben

Auf Youtube kann man erleben, welche Begeisterung er ausstrahlt, wenn er die Crew nach den riskanten Drehs für die exzellente Arbeit am Spektakel lobt. Tom Cruise lebt für diese Stunts, so wie Ethan Hunt für seine Missionen lebt. Man kann sich nicht vorstellen, was er tut, wenn er mal freihat (sicher fährt er kein Seniorentaxi). Die Aufträge seines Geheimdiensts – «your mission, should you choose to accept it» – sind wie die Projekte des modernen Laptop-Freelancers. Daneben gibt es kein Leben.

Der Halo-Jump aus «MI». Video: Youtube

Robert McCall ist der unverwundbare Krieger, der sich unter die einfachen Nachbarn mischt, Ethan Hunt der kosmopolitische Agent, der im Getümmel der Gewalt auf Humor und Inspiration setzt. McCall huscht über den Boden und behält selbst im Windsturm die Übersicht; Hunt springt ins Offene und gerät dabei immer wieder ins Trudeln. Die universelle Moral von «Mission: Impossible» besteht in der Gleichheit der Menschenwürde: Für Ethan Hunt ist ein einziges Leben so viel wert wie Millionen. «The Equalizer 2» setzt auf den Schutz der Community vor schädlichen Einflüssen. Auf die republikanische Ethik des Einzelnen und die Kontrolle über die Räume. Der Gemeinschaftssinn ist hier von rechts besetzt.

1988 vereinte John McClane beides, die Bodenhaftung und die Distanz. Heute ist der Kulturkampf in der Popkultur angekommen. Nicht alle Witzchen aus «Die Hard» sind frisch geblieben, auch hat der Cop homophobe und antifeministische Züge. Aber anders als Rambo wirkt McClane tatsächlich verängstigt, wenn er im Liftschacht baumelt. Und vor allem konnte «Die Hard» über die eigenen Action-Klischees lachen, ohne die Grausamkeit zu verleugnen. Ein geradezu menschlicher Film. Mit einem verwundbaren Helden, der trotz allem eine gesunde Distanz zu sich selber hat. Eine Figur gegen jene Polarisierung, die heute alles aufreisst.

«The Equalizer 2» und «Mission: Impossible – Fallout» laufen derzeit in den Kinos.

Erstellt: 21.08.2018, 23:34 Uhr

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