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Zurück auf dem Boot

Markus Imhoof verknüpft in «Eldorado» das Thema Europa und die Flüchtlinge mit Erinnerungen an seine Kindheit. Gestern war an der Berlinale Premiere.

Es sind viele: Von der italienischen Marine an Bord geholte Flüchtlinge, Sommer 2014. Foto: PD
Es sind viele: Von der italienischen Marine an Bord geholte Flüchtlinge, Sommer 2014. Foto: PD

Als Kind hatte Markus Imhoof immer wieder den gleichen Traum: Er sass in einem Boot auf einer kochenden Griesssuppe und fürchtete sich, hineinzukippen. Mit der «Flüchtlingskrise» hat das erst einmal nicht viel zu tun. Aber natürlich ist der 76-jährige Winterthurer ja auch der Regisseur von «Das Boot ist voll», dem Drama aus dem Jahr 1980 über eine Schweiz, die Geflüchtete während des Zweiten Weltkriegs über die Grenze in den Tod schickte. Noch heute steckt darin der Zorn über eine organisierte Kälte, aber auch die Sympathie mit den kleinen Leuten, die halfen, wenn und wie sie konnten. Beides, die Wut und die Erinnerung an Solidarität, hat Imhoof angesichts der Frage, wie Europa heute mit seinen Flüchtlingen umgeht, wieder eingeholt und zu seinem neuen Dokumentarfilm gebracht.

«Eldorado» handelt von der grossen Schande und ihrer intimen Gegen­geschichte. Diese besteht in Imhoofs Erinnerung an Giovanna, ein italienisches Strassenmädchen, das 1945 im Zuge der Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes von Imhoofs Eltern aufgenommen wurde. Dank der Aktion sollten sich kranke Kriegskinder, die Angehörige verloren hatten, in der Schweiz erholen. Imhoof zeigt «Wochenschau»-Material: magere Kinder mit hoffnungsvollen Blicken. Giovanna wird 1946 nach Mailand zurückgeschickt. Die Imhoofs können sie noch einmal zu sich holen, aber Giovanna stirbt sehr jung im Jahre 1950. Markus Imhoof war damals neun.

Seine Erinnerung an Giovanna ist die Erinnerung an die Kindheit, an Zeichnungen, Lieder und eben den Griesssuppentraum. Imhoof führt seither imaginäre Gespräche mit einer Toten, und es gelingt ihm der delikate Versuch, das für den Film nachzuinszenieren, indem er Giovannas Sätze einer Sprecherin in den Mund legt. Dazu kommt ein Off-Kommentar; Imhoof denkt etwa an die Erleuchtung in der Kindheit zurück, als er merkte, dass es andere gibt, die zu sich selber «ich» sagen, so wie er auch. Eine folgenreiche Erkenntnis für «Marcolino». Was hiess das für das «uns» der Familie, des Landes, dass es andere Ichs gibt, die uns erwartungsvoll anschauen?

Libyen, Chiasso, Riggisberg BE

Für Imhoof wird diese Entdeckung zu einer eigenen Philosophie des Univer­salismus, und die Geschichte von Giovanna wird zum Gefühlskern von «Eldorado». Von da strahlen die Verbindungen in viele Richtungen aus. Zuerst ins Mittelmeer, zur italienischen Kriegs­marine und der Crew des Flaggschiffs San Giusto, die 2014, noch zur Zeit der Operation Mare Nostrum, Menschen vor der libyschen Küste aus Booten zieht. Imhoof begleitete eine Aktion, kurz bevor die Operation eingestellt wurde. Er dokumentiert den Stress der Retter und die Logistikmaschinerie, die nötig ist, um Tausende Geflüchtete zu verarzten, zu verpflegen, zu klassifizieren.

Es sind so viele. Sie sind erschöpft, wirken aber auch geduldig, abwartend. Noch im Bauch des Kriegsschiffs kommen sie zur Triage. Sie werden auf Krankheiten wie Krätze untersucht – eines von mehreren Echos zwischen der Aktualität und der Zeit von Giovanna. Ein anderes sind die kaputten Schuhe, an die Imhoof zurückdenkt, wenn er die Kinder des Roten Kreuzes vor Augen hat. Die Schuhe, die er jetzt wieder filmt, wenn die Geretteten im Landungsboot in die San Giusto einfahren und das Welldeck betreten. Ein Teil fürs Ganze und ein Teil des Ganzen.

Von Süditalien zieht «Eldorado» eine Route in die Schweiz. Über ein Auf­nahmelager in Apulien, wo Imhoof nach monatelangen Verhandlungen die Dreherlaubnis erhielt und auf Flüchtlinge traf, die im Wartezustand verharren, führt die Linie zu den Schwarzarbeitern, die für ein paar Mafia-Euro Tomaten ernten. Sie zieht über die Grenze bei Chiasso, wo Imhoof einen dokumentarischen Glücksfall erlebt, den niemand erfinden könnte, sie führt in die Kollektivunterkunft Riggisberg BE mit ihren er­stickenden Zivilschutzräumen, sie landet irgendwann bei einer Befragung des Staatssekretariats für Migration.

Ausser Konkurrenz

Nicht alles ist zwingend an diesem Film, in dem es auch um Tomatenkonserven und Pflegeroboter geht. Und er kommt zu einer Zeit, in der die ambitionierte Flüchtlingsdoku, von Gianfranco Rosis «Fuocoammare» bis Ai Weiweis «Human Flow», ein eigenes Subgenre in den Festivalprogrammen begründet hat. 2016 gewann «Fuocoammare» an der Berlinale den Goldenen Bären; 1981 bekam Imhoof hier auch den Silbernen Bären für «Das Boot ist voll».

Die Wut und die Erinnerung an Solidarität haben Markus Imhoof wieder eingeholt.

Dass «Eldorado» gestern seine Premiere ausser Konkurrenz hatte, ist deshalb wohl als kuratorische Prävention zu verstehen. Seine Nachforschungen jedenfalls haben Markus Imhoof noch viel weiter geführt, vor allem zu den Hotspots im Libanon. Hinter seinem Bürotisch in der Wohnung in Kreuzberg, wo er seit längerem wohnt, hängen auf drei Pinnwänden die bunten Post-its, die den Filmablauf aufschlüsseln. Es gebe eine fünfstündige Schnittfassung, erzählt er beim Besuch. Aber irgendwann musste er zum Wesentlichen kommen – schliesslich ist Markus Imhoof kein Regisseur, der nicht merken würde, wenn er die Recherche mit dem Resultat verwechselt.

Das Wesentliche ist, ähnlich wie bei «More than Honey», der intime Zugriff. Es ist im Kern ein Gefühl, das aus der Kindheit kommt. Die Entdeckung, dass ein «uns» keine Grenze ziehen soll. Der Verdacht, dass man trotz allem immer auf der sicheren Seite stehen wird. Die Gewissheit, dass, wenn man sich als Erwachsener an frühe Erinnerungen der Liebe hält, sich der Blick weitet, anstatt zuzumachen. Auch aus dem Grund, weil so jeder von uns eine reiche Vorstellung vom anderen hat und nicht eine Masse sieht, sondern Tausende von Ichs.

Ab 8. März im Kino.

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