Der Pianist im Flüchtlingslager

Aiham Ahmed hat Klavier studiert. Er spielte Mozart und Rachmaninoff. Jetzt lebt er in einem syrischen Lager für palästinensische Flüchtlinge. Dort tritt er auch auf. Mitten auf der Strasse – selbst wenn ihm keiner zuhört.

«Da kommt der Verrückte», sagen manche, wenn Aiham Ahmed mit seinem Klavier anrollt. Dabei trotzt er dem Tod nur ein paar Takte Leben ab. Foto: Rami Al-Sayed (AFP, Getty Images)

«Da kommt der Verrückte», sagen manche, wenn Aiham Ahmed mit seinem Klavier anrollt. Dabei trotzt er dem Tod nur ein paar Takte Leben ab. Foto: Rami Al-Sayed (AFP, Getty Images)

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Es dauert zwei Monate, bis Aiham ans Telefon geht. Während dieser Zeit streut er Mitteilungen auf Facebook, prüft ­Mittelsmänner oder schweigt einfach. Manchmal gibt es in Jarmuk keinen Strom. Schliesslich aber ist die Leitung in die Hölle erstaunlich klar.

Aiham Ahmed ist lange nicht mehr aufgetreten, einige Tage schon, denn eine neue «Bedrohung» ist aufgetaucht, mehr sagt er nicht. Demnächst will er es wieder versuchen, auf den Strassen des einstigen Vorzeige-Flüchtlingslagers und jetzigen Trümmerhaufens Jarmuk sein Klavier auf einen Pick-up laden, irgendwohin fahren und spielen. Im Repertoire hat er Lieder wie «Es gibt kein Wasser» oder «Der UNO-Lebensmittelkarton», Skizzen aus einem furchtbaren Alltag mit matt funkelnder Zuversicht in Nebensätzen: «Ganz gleich wie lang die Nacht auch dauert, die Sonne scheint ­allein für uns.» Folgende für politische arabische Musik unverzichtbare Elemente fehlen: Blut, Kalaschnikow, Märtyrerschwulst, der Sieg über die Widersacher. Aiham Ahmed ist Pianist, ausserdem Palästinenser, vor 28 Jahren geboren in Jarmuk. Und er hasst Phrasen.

Das Flüchtlingslager Jarmuk ist ein Stadtteil im Süden von Damaskus – und ein Ort am Rande der Menschheit. Früher wog Aiham 70 Kilo, heute noch 52. Manche Menschen in Jarmuk verloren in den letzten zwei Jahren zwei Drittel ihres Körpergewichts, 150 verhungerten. Deshalb rechnet Aiham nicht mit viel Publikum. Manche halten ihn ohnehin für durchgedreht. «Da kommt der Verrückte», sagen sie, wenn er mit seinem Klavier anrollt. Und als es ganz schlimm war, als die Menschen Tierfutter und Gras assen, haben einige ihn verflucht: «Wir sterben, und du machst Musik.» Dabei empfindet er das Gegenteil: Er trotzt dem Tod ein paar Takte Leben ab, der Enge die Verheissung von Freiheit: «Ich kann alles ausdrücken, was mich quält oder was mir Kraft gibt, Wut, auch Liebe. Es ist eine Flucht aus Jarmuk.»

Syrische Gesellschaft ist zerrissen

Jahrzehnte nach der Vertreibung durch Israel sind palästinensische Flüchtlingslager keine Zeltstädte mehr, sondern Vororte mit Internetcafés und Nagelstudios. Mit 150'000 Palästinensern war Jarmuk einst das grösste Lager in Syrien, Stein gewordener Beweis für die syrische Loyalität zu den palästinensischen Brüdern. Bis vor drei Jahren der Bürgerkrieg ausbrach. Nun werden die Syrer in einer grausamen historischen Volte selbst millionenfach vertrieben. Nicht nur die syrische Gesellschaft ist zerrissen, sondern auch Jarmuk. Palästinenser kämpften für Präsident Assad und gegen ihn und bald auch gegeneinander. Jarmuk wurde zerbombt, dann von der syrischen Armee abgeriegelt, schliesslich zum Symbol für eine neue Taktik des Regimes: Hunger als Waffe.

Inzwischen darf die UNO wieder Lebensmittel verteilen – aber es gibt kein Wasser, keine Ärzte, kein Benzin. Die Geschäfte sind verrammelt, die Strassen verlassen. 15 000 Menschen sind noch übrig, darunter Aiham Ahmed, der über die knisternde Leitung kichert und summt und gute Wünsche schickt; ein sanfter, entrückter Faun, der sich der Logik des Krieges verweigert. Kein ­Opfer, kein Irrer. Ein Musiker.

«Bruder, du bist so lange weg»

Manche Menschen lassen sich von ihm entführen, vor allem die Kinder. Eines der Videos, die er ins Netz gestellt hat, zeigt Sarah, sieben Jahre. Sie hüpft wie ein Gummiball, und beim Refrain zerreisst es sie vor Eifer: «Bruder, du bist so lange weg. Du bist in Beirut, in der Türkei. Wir vermissen dich in Jarmuk.» Auf einigen Clips sieht man einen Greis mit Geige und dunkler Brille, das ist Aihams Vater, einst Geiger und Leiter einer Kapelle. Er spielte noch mit seinem Sohn in den Strassen von Jarmuk, als er schon blind war, aber dann schwächte ihn der Hunger, sein Rheuma wurde schlimmer und beendete sein Spiel. Ohnehin kommen Monat für Monat weniger Menschen, um Aiham zu hören. «Verhungernde singen nicht», sagt er.

Aber es geht ja nicht um Zahlen, es geht ums Prinzip. Von Bagdad bis Ben­ghazi triumphieren Blutdurst und ein Fetisch der Gewalt. So sind die Menschen, heisst es, so sind sie vor allem im Nahen Osten. Aiham Ahmed beweist: Sie sind es nicht. So wenig wie irgendwo sonst auf der Welt. Wie Dmitri Schostakowitsch, der seine 7. Sinfonie im belagerten Leningrad komponierte, wie Wladiyslaw Szpilman, Vorbild für Roman Polanskis Holocaustfilm «Der Pianist», wie die Konzertbesucher im Warschauer Ghetto und die Komponisten im KZ Theresienstadt, folgt er dem anderen, ebenso mächtigen menschlichen Trieb: dem Drang nach Schönheit.

Er hätte gern am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium studiert, er müsste noch viel lernen. Gewiss, er hat das Konservatorium in Damaskus besucht auf dem Kassiun-Berg neben dem Präsidentenpalast und Diplomatenvillen. Jeden Tag fuhr er als Kind aus dem Lager in die Glitzerwelt der Hauptstadt und zurück: «Ich habe sieben Stunden täglich geübt, Rachmaninoff, Mozart, Chopin. Es war wie beim Rauchen, ich brauchte es.» Später besuchte er die Musikalische Fakultät in Homs als einer von 270 Studenten: «Wir waren die ­Besten der Besten.» Es gab bittere ­Momente, wenn syrische Kommilitonen zum Studium nach Frankreich und Deutschland zogen und er, der Flüchtling, im Lager blieb, ohne Papiere – wie Millionen andere Palästinenser. «Alle Musiker wünschen sich Erfahrung und Ruhm. Ich auch», sagt Aiham.

Der Einsamste unter Verlorenen

Verglichen mit der Gegenwart waren es goldene Zeiten. Heute verkauft er Falafel, um Frau und Kind zu ernähren, und ist unter den Verlorenen von Jarmuk vielleicht der Einsamste. Klassik und Jazz, die Musik, die er liebt, gilt vielen Menschen hier als fremd, als Kultur­impe­rialis­mus oder kolonialer Überrest. Dabei ist es doch so leicht, diese Welten zusammenzubringen, findet er.

Aber es ist nicht die Zeit für Kompromisse. Die arabische Musikgeschichte ist voller Propagandawerke, manche sind künstlerisch wertvoll und gehören zum kulturellen Erbe der Region wie die Hymnen der ägyptischen Diva Omm Kalthoum für Präsident Gamal Abdel Nasser. Alle glühen vor Eifer für die Nation, die Revolution, den Sieg. Heute, im Jahr vier des Kampfes um die arabische Seele, erleben die Nachtigallen der Agitation einen neuen Frühling. Syrische Aufständische und libysche Milizen, manche irakische Jihadisten und ägyptische Patrioten schätzen Musik zur Stärkung der Moral. Aiham nicht: «Mir steht das Heldentum bis hier. Das Leben in Jarmuk ist nicht heldenhaft, sondern erbärmlich.»

Schlichter Kasten

Musikalisch ist er unterfordert. Er vertont die Texte von Freunden und will sein schwindendes Publikum nicht verschrecken: Es sind einfache Akkorde, ein paar schmissige Refrains, alles in allem ein ziemlich primitives Geschrummel. So sehr es ihn deshalb freut, dass er den Menschen etwas geben kann, so sehr verletzen ihn seine Auftritte. «Ich habe doch nicht 20 Jahre lang studiert, um so etwas Simples zu spielen», sagt er. Die Hölle ist für ihn kein Grund, den künstlerischen Anspruch aufzugeben.

Demnächst wird er wieder hinaus­ziehen mit seinem Klavier, einem eher unarabischen Instrument. Es ist ein schlichter Kasten, den er vor 20 Jahren einer Libanesin abkaufte, den er selbst stimmt, wenn sich die Saiten durch das Geruckel über den aufgerissenen Asphalt gelockert haben. Er wird die Hauptstrassen meiden, auch die Moscheen, überhaupt alle belebteren Plätze. Denn neuerdings wimmelt Jarmuk vor Jihadisten. Sie wurden aus den umliegenden Orten vertrieben und fielen in Jarmuk ein, und sie verbieten Musik. Aiham wird trotzdem spielen, er wird einen Weg finden. Vielleicht wird er ein Lied über sie komponieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2014, 08:36 Uhr

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