Die Komponistin, die jahrelang keinen Ton gehört hat

Ein Hirnschlag hat Cécile Martis Karriere als Musikerin beendet – und sie zur Komponistin gemacht. Am Montag wird in Zürich ein Stück von ihr uraufgeführt.

Stillstand und Verwandlung: In ihren Werken spielt Cécile Marti gern mit verschiedenen Ebenen. Foto: Dominique Meienberg

Stillstand und Verwandlung: In ihren Werken spielt Cécile Marti gern mit verschiedenen Ebenen. Foto: Dominique Meienberg

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Es gab eine Zeit, da hatte Cécile Marti die Musik aus ihrem Leben verbannt. Zwanzig war sie damals, hatte soeben am Zürcher Konservatorium das Vor­diplom als Violinistin erhalten und einen Vertrag als Geigenlehrerin in der Tasche. Aber dann hat ein Hirnschlag ­alles verändert; sie hat sich zwar rasch erholt, aber ein kleines motorisches Problem in der rechten Hand blieb. Die Zukunft als Geigerin konnte sie vergessen.

Sie verlor damit weit mehr als nur ein Instrument: einen Beruf. Eine Identität. Freunde (weil das Treffen mit Musikern zu schwierig wurde). Und die Musik selbst, für die sie seit ihrer Kindheit gebrannt hatte. «Fünf Jahre lang habe ich keinen Ton mehr gehört», sagt die mittlerweile 43-jährige Cécile Marti – bis ihr Kopf noch einmal für sie entschieden hat. «In meinem Innern begann Musik zu klingen, irgendwann habe ich sie aufgeschrieben.» Das war der Anfang ihrer Laufbahn als Komponistin.

Sie ging bald steil aufwärts. Der Abschluss des Studiums in Luzern bei Dieter Ammann, die ersten Preise, die erste Uraufführung am Lucerne Festival – das alles kam Schlag auf Schlag. Und jetzt liegt auf dem Cafétisch die Dissertation, mit der sie soeben an der renommierten Londoner Guildhall School abgeschlossen hat. Es ist ein zweiteiliges Werk, ­bestehend aus dem abendfüllenden ­Orchesterzyklus «Seven Towers» und der Reflexion darüber.

Skulpturen aus Tönen

Redet man mit Cécile Marti über ihre Musik, ist man bald bei anderen Künsten. Denn sie arbeitet nicht nur mit Tönen, sondern auch mit Stein – mit Sandstein, Speckstein, Marmor, derzeit träumt sie von Granit. Sie ist als Tochter einer Keramikerin und eines Grafikers in Bubikon aufgewachsen, das bildnerische Gestalten hat für sie schon immer dazugehört. Nun helfen ihr die Steine, ihren Formsinn zu verfeinern, über Linien und Flächen nachzudenken, über das Verhältnis von Vordergrund und Hintergrund. Nicht, dass sie ihre Skulpturen dann eins zu eins in Musik übersetzen würde. «Aber ich spüre bei der Bildhauerei die Form im ganzen Körper – und dieses Gefühl überträgt sich auf die Musik.»

Es überträgt sich auch auf die Hörer. Zum Beispiel im Violinkonzert «AdoRatio» (2010), in dem das Orchester zu Beginn weite, geschwungene Klangflächen aufbaut. Die Violine bewegt sich sozusagen auf dem Grat zwischen diesen Flächen: wahrnehmbar als Soloinstrument und doch nur ein Aspekt des Ganzen.

Auch das Stück selbst ist nur ein Teil eines Ganzen. Cécile Marti schrieb es, nachdem sie eine Aufführung ihres Orchesterwerks «Bubble Trip» gehört hatte – und den Schluss zu kurz fand. Seither interessiert sie sich für längere Zyklen, und damit auch für die Frage der Zeit­gestaltung. Ihre Dissertation handelt ­davon, und die Teile der «Seven Towers» könnte man als sieben Möglichkeiten von Zeitverläufen analysieren: Zielgerichtete Entwicklungen gibt es da oder auskomponierten Stillstand, ständige Verwandlung oder das überraschende Aufeinanderfolgen von Einzelmomenten. Auch ihr neues Bläserwerk, das am Montag von einem Quintett um die Opernhaus-Flötistin Andrea Kollé uraufgeführt wird, spielt mit diesen Ebenen.

Der Traum vom eigenen Ballett

Aber man braucht die Analyse nicht, um die Musik zu verstehen. «Ich arbeite sehr intuitiv», sagt Cécile Marti. Was sie an Strukturen einbaut, hilft ihr nur bei der Formgestaltung: «Wenn es gar keine Leitfäden gibt, ermüdet man beim Hören.» Wie im Theater sei das, «man lernt gewisse Charaktere kennen, die einen dann durch das Stück begleiten».

Da ist es nur folgerichtig, dass Marti tatsächlich vom Theater träumt, genauer von einem abendfüllenden Ballett. Vielleicht als Postdoc-Projekt, vielleicht wieder in London; das ist alles noch offen. Aber was sie will, das weiss sie: eine Geigerin, eine Sängerin, ein Orchester. Eine Choreografie, die sie sich skulptural vorstellt. Und auch eine Geschichte hat sie schon – ihre eigene Geschichte.

Es klingt dennoch nicht nach persönlicher Traumaverarbeitung, wenn sie von diesem Projekt erzählt. Dafür hat sie zu viel Energie, auch zu wenig Selbst­mitleid. Verlust, Zeit, Entwicklungen: Das sind Themen, die sie nicht nur autobiografisch, sondern künstlerisch interessieren. So radikal sie einst die Kontakte zur Musikwelt kappen musste, sie ist längst wieder ganz drin.

Eigentlich, so sagt sie einmal nebenbei, würde sie gern mal wieder etwas mit Philippe Jordan machen, dem Zürcher Chefdirigenten der Pariser Oper: «Im Studium haben wir zusammen Streichquartett gespielt.» Schaut man, wie es für sie gelaufen ist in den letzten Jahren, klingt das keineswegs unwahrscheinlich.

Uraufführung von Cécile Martis «Five Times» bei den Zürcher Bläserserenaden: Montag, 26. Juni, 19 Uhr, Aula Schulhaus Hirschengraben. Dazu Werke von Mussorgsky, Glinka und Paul Juon.

www.cecilemarti.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2017, 19:20 Uhr

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