Die Lieder kehren ins Wohnzimmer heim

Ein frisch gegründeter Verein bringt die Lieder von Schubert und Co. dorthin zurück, wo sie einst entstanden sind.

Schubertlieder daheim in Männedorf mit Edward Rushton am Klavier und Sopranistin Anna Gschwend. Foto: Thomas Egli

Schubertlieder daheim in Männedorf mit Edward Rushton am Klavier und Sopranistin Anna Gschwend. Foto: Thomas Egli

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«Fremd bin ich eingezogen», singt der Bariton Serafin Heusser im ersten Lied von Schuberts «Winterreise» – aber sein Publikum kann sich für einmal wie zu Hause fühlen. Wir sitzen in Männedorf, im Wohnzimmer eines Jazzmusikers und einer Grafikerin. Kinderzeichnungen an der Wand, Gebäck auf dem Tisch, Stühle bis dicht vors Klavier, das kein Steinway ist. Freunde der Familie sind da und Freunde der Freunde, weiter reicht der Radius nicht. Hauskonzerte sind eine vertraute, vertrauliche Angelegenheit.

Und genau so muss es sein, findet der Pianist und Komponist Edward Rushton. Der 43-jährige Brite hat sich in seiner Wahlheimat Zürich einst mit der Oper «Harley» einen Namen gemacht; vor ­allem aber ist er als Liedbegleiter, Liedkomponist und Organisator von Liederabenden unterwegs. Jahrelang sass er im Vorstand des Vereins «Freunde des ­Liedes» und versuchte, der dazugehörigen Konzertreihe unter dem entstaubten Namen «Liedrezital» neuen Schub zu verleihen. Gleichzeitig träumte er ­davon, diese Musik dort zu spielen, wo sie zum ersten Mal erklungen ist: in Wohnzimmern.

Nun hat er sich den Traum erfüllt. Pünktlich zu Schuberts 219. Geburtstag wurde sein Verein «Besuch der Lieder» in Männedorf und Bern gleich doppelt aus der Taufe gehoben. Weitere Termine stehen bevor, eine Website existiert, Flyer sind vorhanden. Und auch das Geld, das es für den Start eines solchen Unternehmens braucht: Rushton kann dank dem Erbe seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Mutter allen Beteiligten ein Mindesthonorar pro Auftritt garantieren, falls die Kollekte nicht reicht (und bei den ersten beiden Konzerten reichte sie nicht ganz); übersteigt sie dagegen die 400 Franken pro Kopf, wird gerecht geteilt. Und irgendwann, so hofft Rushton, «können wir vielleicht einen neuen Liederboom auslösen».

Keine Opernarien!

Der letzte ist bereits ein paar Jahrzehnte her. Es war in den 1950er-Jahren, als Dietrich ­Fischer-Dieskau und Co. das Format des Liederabends recht eigentlich erfunden haben. Vorher wurden kaum je ganze Programme mit Liedern bestritten, selbst Zyklen wie die «Winterreise» wurden nur selten integral ­gegeben. In die sehr bunten Konzert­programme der Schubert-Zeit wurden Lieder höchstens einzeln eingestreut; ihr eigentlicher Ort war der private Rahmen, die «Schubertiade», bei der gesungen und diskutiert und oft auch getanzt wurde (weil Schubert nun mal auch leidenschaftlich gerne Tanzmusik spielte und komponierte).

Rushtons Verein Besuch der Lieder will diese Tradition nun wiederbeleben, zumindest die Programmpunkte 1 (Liedgesang) und 2 (Dichtung oder Debatte). Und zwar professionell, mit einem schweizweiten Netzwerk von derzeit 18 Sängern und Pianisten und klaren ­Regeln. Die klarste: «keine Opernarien!» Und wenn man so auf dem Sofa sitzt in diesem Männedörfler Wohnzimmer, versteht man sie durchaus nicht nur als polemische Spitze gegen Puccinis Wunschkonzerthits. Oper wäre hier tatsächlich höchstens in arg verkleinerter Form möglich; die Lieder dagegen kommen in ihrer ganzen Grösse zur Geltung.

Auch darum geht es Rushton: Die Hauskonzerte sollen keine Schrumpf­versionen der «echten» Konzerte sein, sondern im Gegenteil das nutzen, was dort oft fehlt: die Nähe eben. Sie ergibt sich von selbst, wenn sich rund 40 Leute auf Stühlen, Sofas und Treppenstufen zusammendrängen. Auch mit den Sängerinnen und Sängern ist man auf Tuchfühlung, und es ist kein Wunder, wenn nach dem ersten Lied eine gewisse Ratlosigkeit spürbar wird: klatschen oder nicht? Im Konzert wärs klar, da würde man das Ende einer Liedgruppe abwarten. Aber hier ist es nicht ganz so einfach, die Stille zwischen den Stücken auszuhalten.

Die Sänger selbst – neben Serafin Heusser ist es an diesem Abend die Sopranistin Anna Gschwend, die eine klug zusammengestellte Auswahl von lichteren Gegenstücken zur «Winterreise» singt – bleiben da locker. Und so konzentriert, als stünden sie auf einer grossen Bühne. Dass sie kaum Platz haben, um sich zu verbeugen, tut dem Applaus ­keinerlei Abbruch.

Persönlich statt anonym

Er ist lang und herzlich – keine Über­raschung für Rushton. Er habe immer gute Erfahrungen gemacht mit Hauskonzerten, etwa als Pianist der international operierenden Truppe Home Opera (denn ein Dogmatiker ist der Lied-Fan nicht). Überhaupt, betont er, sei seine Idee «gar nicht originell», kulturelle Hausbesuche liegen im Trend derzeit. Theaterleute, Literatinnen, Pop-Barden besuchen ihr Publikum daheim, man braucht nur ein wenig zu googeln, um auf Dutzende von Anbietern zu stossen. Bei manchen hat man den Eindruck, sie suchten in den Stuben einen Ersatz für die grossen Säle, in denen sie nicht reüssiert haben. Andere sind – wie die Kerngruppe des Besuchs der Lieder – auch im «normalen» Kulturbetrieb gefragt.

Man mag die alte neue Häuslichkeit als Gegenreaktion auf alles Mögliche verstehen: auf die anonymen Gross­events, auf die globalisierten Kultur­angebote, auf den Social-Media-getriebenen Öffentlichkeitswahn. In den Stuben ist man unter sich, im persönlichen Kontakt mit den Künstlern, die ein massgeschneidertes Programm anbieten – und zwischen zwei Liedern auch mal warten, wenn zwei Buben im Publikum genug haben von Schubert und ins ­Kinderzimmer abwandern.

So fremd die Sänger eingezogen sind in dieses Männedörfler Wohnzimmer: Die zweite Zeile «fremd zieh’ ich wieder aus» stimmt schon nicht mehr so ganz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.02.2016, 16:57 Uhr

Tonhalle Zürich

Liedrezital in der Tonhalle mit dem Bariton Jonathan Sells, der Sprecherin Cornelia Kallisch und dem Pianisten Edward Rushton: 8. März, 19.30 Uhr.

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