Die Mutter wild, der Onkel ein Nazi

Das Buch «Meine Familie» von Dirigent Nikolaus Harnoncourt war eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Drei Jahre nach seinem Tod kann man es nun doch lesen – zum Glück.

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«Viel Vergnügen» hat Nikolaus Harnoncourt (1929–2016) den Lesern seiner eigentlich für den privaten Gebrauch geschriebenen Familiengeschichte gewünscht. Aber auch als Nichtfamilienmitglied liest man diese Notizen und Erinnerungen, die seine Witwe Alice Harnoncourt nun herausgebracht hat, mit tatsächlich sehr viel Vergnügen.

Denn es sind spezielle Familien, von denen hier berichtet wird. Da ist mütterlicherseits die Familie Meran, alter österreichischer Adel, auf deren Brandhof in der Steiermark der kleine Niki mit kaltem Wasser begossen wurde, wenn er wieder einmal grundlos brüllte. Und da ist väterlicherseits das luxemburgisch-lothringische Geschlecht der Grafen de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt: ebenfalls alter Adel, Tischmanieren waren wichtig, die Rangordnung hatte beachtet zu werden. Ihn zwinge noch heute «eine magische Kraft», aufzustehen, wenn eine Dame den Raum betrete, schreibt Harnoncourt. Dass er dann dennoch in kurzen Hosen zur standesamtlichen Registrierung seiner Ehe mit der Geigerin Alice Hoffelner ging: Das verrät einiges über die anarchische Energie, die ihn antrieb.

Leim in der Tasche

Vielleicht ist es ja das Erbe seiner Mutter, der «wilden Laja», die gut tanzen konnte, der Lehrerin Fischleim in die Handarbeits­tasche schüttete und als unerziehbar galt, bis sie beschloss, ihre Kanten hinter einer perfekt ausgeglichenen Fassade zu verstecken: Jedenfalls war das erste Wort, das Nikolaus Harnoncourt gesagt hat, «nein». Ein herrliches Wort, das fand er auch beim Verfassen seiner Familienchronik noch: «Warum kennt die Kunst kein Ja? Sofort würde es Kitsch.»

Echte Kunst sei immer Opposition, schreibt er, und seine Kunst war es zweifellos: Was Harnoncourt als Alte-Musik-Pionier ausgelöst hat, wird noch lange nachhallen. Aber in diesem Buch geht es nun nicht darum, sondern um seine Eltern und seine Grosseltern, die mit unterschiedlichem Glück und Charakter durchs Leben gingen. Um das Palais in Graz oder den phänomenalen Brandhof-Dachboden, wo es Fledermäuse und Germanenhelme aus Papiermaché gab. Und um all die Verwandten, die man da oder dort traf.

Da war etwa der über zwei Meter hohe Onkel René: ein Wiener Kunsthändler, der sich 1925 nach schiefgegangenen Geschäften und mit finanzieller Hilfe der Familie in die USA absetzte, dort Karriere machte, sich mit Carepaketen bei der Verwandtschaft revanchierte, einige Jahre als Direktor des New Yorker Museum of Modern Art wirkte und kurz nach seiner Pensionierung von einem Betrunkenen zu Tode gefahren wurde.

Beten für Onkel Karl

Auch Tante Isabelle erhält ein eigenes Kapitel: Die «gesinnungsstärkste und mutigste Nazigegnerin der ganzen Familie» wurde – als verwitwete Mutter zweier Söhne – 1942 verhaftet, weil sie ausländisches Radio hörte. Beim Prozess sagte sie, sie könne Hitler nicht leiden, und nahm damit in Kauf, dass sie bis zum Kriegsende in Gefängnissen verschwand.

Überhaupt ist das Verhältnis zu den Nazis ein zentrales Thema in diesem Buch, und Harnoncourt behandelt es bemerkenswert unaufgeregt. Da war die Grossmutter, die 1938 als Einzige der Familie neben dem Dienstmädchen Luisi gegen die neuen Herrscher stimmte – eine Mutprobe, weil man das Kreuzchen offen vor einer Kommission setzen musste. Da war aber auch Onkel Karl, der sich früh für Hitler begeisterte und «für den man im Brandhof immer beten musste, damit er wieder brav wurde»: Er «war mir der liebste Onkel (ich musste nur von seinem Nazitum absehen), gescheit, witzig – ich versteh’s nicht».

Harnoncourt selbst wurde bei der Hitlerjugend «wegen ‹Reinrassigkeit› und blauer Augen ganz schnell als ‹Führeranwärter› ausgewählt». Aber seine Sympathie fürs Nein blieb – auch als es galt, von einem vier Meter hohen Wasserbehälter herunterzuspringen: «Stolz denke ich, springen jederzeit, aber nicht auf Kommando (wenn auch alle, ich nicht!).»

Witz und Wärme

Es gibt viele solche Geschichten in dieser Chronik. Harnoncourt doziert nicht über das grosse Ganze, er erzählt: mit Witz und Wärme, in einer knappen, auffallend rhythmischen Sprache, mit der er einen hineinzieht in seine Welt, in der es Dienstboten gab und plötzliche Armut, Bubenstreiche und Krieg – und eine Kreativität, die sich nicht nur musikalisch äusserte.

Schon Harnoncourts Grossvater war ein begnadeter Karikaturist (wie man in den hübschen Collagen aus Fotos und Zeichnungen sehen kann). Und Harnoncourt selbst hat als Jugendlicher nicht nur ein Marionettentheater gebaut, sondern auch Schiffsmodelle, exakt nach Plänen der deutschen Kriegsmarine im Massstab 1:200 – die sein Vater verbrannte, als die Russen Graz eroberten: Sie hätten ja falsche Schlüsse ziehen können.

Auch der Rest von Harnoncourts Kindheits- und Jugendwelt ist längst verschwunden. Aber dank diesem Buch wird sie knapp drei Jahre nach seinem Tod noch einmal quicklebendig.

Nikolaus Harnoncourt: Meine Familie; hg. von Alice Harnoncourt. Residenz-Verlag, Salzburg 2018. 238 S., ca. 37 Fr.

Erstellt: 12.02.2019, 16:55 Uhr

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