Die Zahlen stimmen

Der Systemwechsel hat funktioniert, das Zürcher Opernhaus kann für die vergangene Saison einen Gewinn verbuchen: Intendant Andreas Homoki ist zufrieden. Andere sind es etwas weniger.

Platz für Neues deutet sich schon vor den Toren des Zürcher Opernhauses an.

Platz für Neues deutet sich schon vor den Toren des Zürcher Opernhauses an. Bild: Sophie Stieger

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Das Intendantenbüro ist nicht mehr fleischkäserosa, sondern weiss gestrichen, und auf den Socken von Andreas Homoki streckt einem das Signet der Rolling Stones die Zunge heraus: Kein Zweifel, es hat ein Stilwechsel stattgefunden am Zürcher Opernhaus.

Doch dazu später, zunächst muss es um einen Systemwechsel gehen, der mit dem Wechsel der Intendanten verbunden war. Alexander Pereiras Erfolgsrezept hatte darauf beruht, mit möglichst vielen Premieren, möglichst hohen Sponsoring-Einkünften und möglichst glamourösen Stars jenes strukturelle Defizit zu kompensieren, das das Hauptproblem des Zürcher Opernhauses ist: Die Fixkosten (für Orchester, Ensemble, Werkstätten etc.) sind durch die Subventionen nicht gedeckt.

Pereiras Nachfolger Andreas Homoki schlägt nun einen anderen Weg ein. Wobei dieser Weg nicht (nur) seine Erfindung ist: Schon Jahre vor dem Wechsel hatte der Kanton Gutachten in Auftrag gegeben, die zum Schluss kamen, dass eine leichte Reduktion der Premieren sinnvoll und machbar wäre. Die kaufmännische Direktion des Opernhauses – der mittlerweile pensionierte Otto Grosskopf und sein Nachfolger Christian Berner – hat das Modell dann durchgerechnet und grünes Licht gegeben.

Weniger Vorstellungen, weniger Ausgaben

Und nun sitzt Christian Berner zusammen mit Andreas Homoki im Intendantenbüro, hält den Geschäftsbericht zur ersten gemeinsamen Spielzeit 2012/13 in der Hand und strahlt wie ein Maikäfer: Denn anders als in der Sonntagspresse vermeldet, sind die Zahlen, die am nächsten Montag offiziell vorgestellt werden, gut. Wo der Bericht ein Minus aufweist – bei den Besucherzahlen, beim Einkommen, beim Sponsoring –, gehört das zum neuen Modell. Denn klar, mit 12 statt 15 Premieren generiert man weniger Sponsoring-Einnahmen. Und bei 27 Vorstellungen weniger wären gleichbleibende Publikumszahlen nur möglich, wenn die Herrschaften sich einander auf den Schoss setzen würden.

Stirnrunzeln verursacht allenfalls der Einbruch im Gastrobereich – und die Baustelle, die das Geschäft verdorben habe, funktioniert als Erklärung nur halb: Sie war ja schon vorher da ( jetzt ist sie weg). Einleuchtender ist die Erklärung mit den häufiger gewordenen pausenlosen Vorstellungen: Dreizehnmal «Holländer» führen da zu Einbussen von bis zu 70 000 Franken.

Druck wegnehmen

Aber immerhin: Die Rechnung geht trotzdem auf, es gibt einen Gewinn zu verbuchen. «Das zeigt doch, dass das System funktioniert, oder mehr noch: dass es weniger riskant ist als das bisherige,» sagt Berner, und Homoki schiebt die entsprechenden Stichworte nach: Druck wegnehmen, Nachhaltigkeit – das seien doch die allgemeinen Wünsche gewesen, im Haus, in der Politik, in den Medien. «Jetzt machen wir das.»

Noch etwas Zweites zeigt der Geschäftsbericht: dass das Zürcher Opernpublikum ein sehr neugieriges ist. In der ersten Homoki-Saison wurden 139 Abonnemente mehr verkauft als in der letzten Pereira-Spielzeit. Wobei man auch dort schlau kalkuliert hat: Man hat Wahlabos eingeführt, bei denen die Aufführungen frei zusammengestellt werden können – ein attraktives Angebot.

Interessanter als die Abozahlen der ersten Homoki-Saison allerdings sind jene der laufenden zweiten. Erst diese zeigen, ob die Neugierigen bei der Stange bleiben, ob das Stammpublikum weiter kommt. Und ob jene, die wegbleiben, durch Neue ersetzt werden können.

Nur 5 Prozent weniger Abos

40 Prozent der Abos seien gekündigt worden, wurde als Gerücht herumgereicht. Christian Berner schüttelt den Kopf. «Es sind 5 Prozent weniger – und die erklären sich zu einem beträchtlichen Teil damit, dass wir das BelcantoAbo nicht anbieten konnten, weil wir in dieser Spielzeit zu wenig Belcanto-Repertoire bringen.» Umsatzmässig habe man mit den Abos sogar mehr verdient als in der ersten Saison – weil das BallettAbo mehr Aufführungen enthält und entsprechend teurer geworden ist.

Alles perfekt also? Oder gibt es doch noch Dinge, die man verbessern könnte oder müsste? Die Frage geht an Andreas Homoki, und ausser einer anderen Übertitelungsanlage fällt ihm nichts ein, «obwohl ich jetzt wirklich versuche, selbstkritisch zu sein». Damit wären wir beim Stilwechsel. Pereira, der grosse Buchhalter, hat ja gern alle Register des dramatischen Ausdrucks gezogen – von den als Tragödie zelebrierten finanziellen Nöten über die geradezu belcantistischen Liebeserklärung an seine Künstler bis hin zur Selbststilisierung als Hofnarr.

Gute Nachrichten verbreiten

Homoki, der als Künstler-Intendant ans Haus kam, gibt dagegen den nüchternen Kommunikator, der vor allem eine Aufgabe hat: gute Nachrichten an die Leute zu bringen. Das fällt selbst Mitarbeitern auf, die sich unter der neuen Leitung durchaus wohlfühlen. Es werde grundsätzlich alles schöngeredet: Diesen Satz hört man im Opernhaus öfter.

Gibt es denn Dinge schönzureden? Ja, finden manche Sängerinnen und Sänger, die früher regelmässig im Opernhaus auftraten und seit dem Intendantenwechsel nicht mehr oder nur noch in kleinen Nebenrollen zum Zug kommen. Es habe tatsächlich einige «Neubewertungen» gegeben, sagt Homoki dazu, «wobei wir versucht haben, das so behutsam wie möglich zu machen». Wie passt es denn, wenn eine ehemalige Stammsängerin keinen Termin bekommt bei der für die Rollenverteilungen zuständigen Sophie de Lint? «Das ist mir so nicht bekannt, bei mir bekommt jeder einen Termin.»

Manche bekommen auch einen, obwohl sie keinen möchten. Mehrfach seien Leute in die Direktion zitiert worden, weil sie «schlechte Stimmung» verbreiteten, hört man aus dem Opernhaus. Homoki kann sich nur an einen Fall erinnern: Da sei es um «unloyales Verhalten» gegangen, «ich kann es nicht akzeptieren, wenn jemand gegen einen Künstler in einer Produktion redet, an der er selbst beteiligt ist».

Nun gehören Empfindlichkeiten auf allen Seiten zu einem Intendantenwechsel. Und nicht alles, was nach einer «Neubewertung» aussieht, ist tatsächlich eine: Dass etwa Javier Camarena, eine von Pereiras Entdeckungen, die aktuelle Wiederaufnahme von Bizets «Perlenfischern» nicht singt, hat mit seinen Aussenengagements zu tun; in künftigen Spielzeiten wird er wieder öfter in Zürich auftreten. Umgekehrt ist es sicher kein Zufall, dass er ausgerechnet durch Pavol Breslik ersetzt wird: Breslik wurde von Homoki ans Haus geholt – und bekommt nun ausgiebig Gelegenheit, sich zu präsentieren.

Und wie reagiert das Publikum jenseits der Zahlen auf die Neuerungen? Positiv, sagt Homoki, «ich werde oft angesprochen, sogar im Supermarkt». Klar, wer unzufrieden sei, sage vielleicht eher nichts. Dass es sie gibt, die Unzufriedenen, weiss er. Und Christian Berner deutet an, dass auch innerhalb des Hauses nicht alles gleich gut ankommt: «Wir haben im Leitungsteam eine intensive Gesprächskultur, da werden Aufführungen auch sehr kritisch besprochen.» Welche Konsequenzen daraus gezogen werden: Das bleibt offen.

Erstellt: 14.01.2014, 10:29 Uhr

Andreas Homoki, der aktuelle Intendant (Bild: Keystone )

Homokis Vorgänger: Alexander Pereira (Bild: Keystone )

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