Die beste Klassik des 21. Jahrhunderts

Was war in der Klassik los seit dem Jahr 2000? Wir nennen 20 Highlights. Und freuen uns über Ergänzungen.

Alles genau so, wie es der Meister geplant hatte: Kölner Uraufführung von Karlheinz Stockhausens «Sonntag aus Licht», 2011. Foto: Klaus Rudolph

Alles genau so, wie es der Meister geplant hatte: Kölner Uraufführung von Karlheinz Stockhausens «Sonntag aus Licht», 2011. Foto: Klaus Rudolph

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Klassik im 21. Jahrhundert – das bedeutet zweierlei: Einerseits wird weiterhin viel komponiert, es gibt Uraufführungen von Opern, Instrumentalmusik oder Elektronischem. Andererseits geht die Beschäftigung mit der Vergangenheit weiter. Spannendes gibts hier wie dort, wie unsere Bestenliste zeigt.

20. Olga Neuwirth: «Lost Highway» (2004)
Ein Film wird zur Oper – oder sagen wir: zum Klangereignis. Elfriede Jelinek hat David Lynchs Vorlage zum Drehbuch verkürzt, Olga Neuwirth hat die Musik dazu geschaffen: mit viel Elektronik, mit Stimmen, die erst allmählich zu singen beginnen, mit je nach Bedarf explodierenden, bedrohlichen oder donnernden Instrumentalklängen. Zum Porträt.

Das Klangforum Wien spielt das Intro zu Olga Neuwirths «Lost Highway». Video: Youtube

19. Mahler trifft künstliche Intelligenz (2019)
Zahlreiche Komponisten haben im Laufe der Jahrzehnte Gustav Mahlers unvollendet gebliebene 10. Sinfonie vervollständigt. An der Ars Electronica Linz wurde nun eine Version vorgestellt, die mithilfe von künstlicher Intelligenz generiert worden ist. Sie klang nicht unbedingt nach Mahler, aber immerhin nach Musik, was schon bemerkenswert ist. Das wird – ob man will oder nicht – zweifellos Folgen haben für die Musikproduktion der nächsten Jahrzehnte.

18. Nikolaus Harnoncourt dirigiert das Wiener Neujahrskonzert (2001)
Die Musikwelt staunte, als Nikolaus Harnoncourt als Dirigent des Wiener Neujahrskonzerts angekündigt wurde. Ausgerechnet er, der so gründlich aufgeräumt hat mit den grossbürgerlichen Traditionen und ihren Klangvorstellungen! Aber Harnoncourt hat sich nie an Vorurteile gehalten. Und natürlich hat er auch beim Wiener Walzer Unerhörtes entdeckt: Leise Klänge etwa, unbekannte Stücke – und eine überhaupt nicht lärmige Originalfassung des Radetzky-Marsches. Zum Nachruf auf Nikolaus Harnoncourt.

Nikolaus Harnoncourt dirigiert die Urfassung des Radetzky-Marsches. Video: Youtube

17. Alex Ross: «The Rest is Noise» (2009)
Wer wissen will, was die Musik des 20. Jahrhunderts mit seiner Geschichte zu tun hat, muss dieses Buch lesen. Der Musikkritiker des «New Yorker» verknüpft darin musikalische Entwicklungen mit politischen, gesellschaftlichen, alltagsgeschichtlichen. Und er tut es so unterhaltsam und vielschichtig, dass man ihn gerne zu einem nachgeschobenen Kapitel fürs angefangene 21. Jahrhundert ermuntern möchte.

16. Karlheinz Stockhausen, «Sonntag» (2011)
Mit der Kölner Uraufführung von «Sonntag» wurde das monumentalste Opernprojekt der bisherigen Musikgeschichte vollendet: Sieben Opern bilden Stockhausens «Licht»-Zyklus, neben der Musik hat der (2007 verstorbene) Komponist auch die Ausstattung und die Choreografie genau festgelegt. Die Kölner Interpreten hielten sich so exakt an die Vorgaben, dass die Oper auch über ihre mystischen Botschaften hinaus zur Messe wurde. Manches sah da sehr nach Eurythmie-Seminar oder «Star Wars»-Verschnitt aus, vieles roch nach Grössenwahn. Aber die Musik entwickelte eine suggestive Kraft, die einen tatsächlich in Bann zog. Zum Stockhausen-Probenbericht.

15. David Zinman dirigiert Schumanns Sinfonie Nr. 2 (2004)
Dürfen Ranglisten subjektiv sein? Aber sicher, sie sind es ohnehin. Deshalb sei hier die Aufnahme von Schumanns Sinfonie Nr. 2 durch das Zürcher Tonhalle-Orchester genannt: Als Beispiel für das, was ein gutes Orchester erreichen kann, wenn es den richtigen Chefdirigenten hat. Und als Hinweis darauf, dass musikalische Sternstunden auch ohne schlagzeilenträchtige Uraufführungen und glamouröse Solisten stattfinden können. Zum Interview.

14. Rebecca Saunders: «Fury» (2005)
Die britische Komponistin erhielt 2019 den renommierten Siemens-Musikpreis, als erst zweite Frau nach Anne-Sophie Mutter. Das will etwas heissen. Nämlich dies: Dass Saunders – etwa in ihrem Kontrabass-Solo «Fury» – ihre Klänge so konsequent und präzis, so furios und fantasievoll, so subtil und brutal aus der Stille herausschält, dass selbst diese Jury es nicht mehr überhören konnte.

Bernardo Alviz spielt Rebecca Saunders' «Fury». Video: Youtube

13. L’Arpeggiata: «Music for a While» (2014)
Die Puristen unter den Alte-Musik-Fans rümpfen ja die Nase über die Lautenistin und L’Arpeggiata-Gründerin Christina Pluhar. Aber wie sie auf dieser Purcell-CD Barockspezialisten und Jazzer aufeinander loslässt, wie sich historisch informierte Improvisationen mit heutigen mischen, wie die Bässe grooven, die Bläser feiern und die Sänger sich austoben – das hätte wohl auch Purcell selbst Spass gemacht. Zum Ausschnitt.

12. Kaija Saariaho: «L’amour de loin» (2000)
Ein mittelalterlicher Troubadour träumt von einer Frau, erfährt dann, dass sie tatsächlich existiert, reist zu ihr und stirbt in ihren Armen: Mehr passiert nicht in dieser Oper, die bei den Salzburger Festspielen zur Uraufführung kam. In der Musik der finnischen Komponistin Kaija Saariaho ist dagegen einiges los; aber auf stille, innerliche, nie hektische Weise. Zu einem Beitrag über Kaija Saariaho.

11. René Jacobs dirigiert Cavallis «Eliogabalo» (2004)
Wenn René Jacobs Barockopern aufführt, müsste man ihn im Programmheft eigentlich als Mitkomponisten erwähnen. Keiner setzt die oft spärlichen Angaben der Partituren so frech und farbig um wie er – wobei er in Sachen Besetzung Dinge ermöglicht, von denen die originalen Interpreten nur träumen konnten. Er sündige mit grossem Vergnügen, hat er dazu einmal gesagt. Bei Francesco Cavallis «Eliogabalo» in Brüssel hat man sich diese Sünde mit ebenso grossem Vergnügen angehört. Zum Porträt.

10. Patricia Kopatchinskaja startet durch (2002)
2002 erhielt Patricia Kopatchinskaja den Credit Suisse Young Artist Award – eine prophetische Vergabe an eine Geigerin, die das Musikleben seither in ganz eigener Weise belebt: mit Zeitgenössischem, das sie ganz selbstverständlich auf die Programme setzt; mit älteren Werken, die sie spielt, als seien es Uraufführungen. Und vor allem mit der unbändigen Energie, mit der sie sich gegen die Musealisierung des Konzertbetriebs stemmt. Zum Interview.

Patricia Kopatchinskaja spielt John Cages Melody No. 4. Video: Youtube

9. Unsuk Chin: Cello Concerto (2009)
Schön klingt diese Musik, aber weder kitschig noch anbiedernd; zugänglich, aber dennoch schwer fassbar; virtuos und gleichzeitig ruhig. Die koreanische Ligeti-Schülerin Unsuk Chin komponiert ebenso eigenwillig wie erfolgreich. Uraufführungen finden in der obersten Liga der Interpreten und Häuser statt. Und manchmal gar an richtig populären Anlässen: Dieses Cellokonzert etwa wurde bei den BBC-Proms aus der Taufe gehoben. Zum Porträt.

8. Holger Noltze: «Die Leichtigkeitslüge» (2010)
Es ist ja ganz einfach mit der klassischen Musik, Vorkenntnisse braucht es keine, und mit ein paar Anekdoten kommt man jedem Werk bei: Das behaupten all die Musikvermittler, die neues Publikum in die Konzertsäle locken sollen. Falsch, schreibt Holger Noltze in seinem wirklich wichtigen Buch: Siebzig Minuten Bruckner oder ein komplexes Beethoven-Streichquartett können tatsächlich anstrengend sein; und es ist nicht zuletzt diese Anstrengung, die ein Konzert im Häppchen-Alltag zu etwas Besonderem machen kann.

7. George Benjamin: «Written on Skin» (2012)
Ein Mann kocht seiner Frau das Herz ihres Geliebten – und George Benjamin macht daraus eine starke, sinnliche und überaus erfolgreiche Oper. Seit der Uraufführung in Aix-en-Provence wurde sie an vielen verschiedenen Häusern gezeigt; die Schweizer Erstaufführung fand 2015 in St. Gallen statt.

Barbara Hannigan und Bejun Mehta in George Benjamins «Written on Skin». Video: Youtube

6. Sofia Gubaidulina: «In tempus praesens» (2007)
Wenn der Gegenwartsbezug in einem lateinischen Titel formuliert wird, dann ist das typisch Sofia Gubaidulina. Die russische Komponistin richtet sich nicht nach Moden, die Präsenz ihrer Musik ist eine zeitlose, persönliche, spirituelle. Genau dies vermittelten die Geigerin Anne-Sophie Mutter und die Berliner Philharmoniker bei der Luzerner Uraufführung dieses Violinkonzerts.

5. Heinz Holliger: «Lunea» (2018)
Für den Schweizer Komponisten Heinz Holliger findet Kunst an den Rändern statt. Dort spielt auch seine in Zürich uraufgeführte, aus einem Liederzyklus entwickelte Oper. Es geht darin um den Dichter Nikolaus Lenau, der nach einem Schlaganfall rätselhafte Sätze schrieb. Holliger hält sie mit einem fast schon alchemistischen Gespür für Klangwirkungen in der Schwebe: zwischen Sinn und Wahnsinn, zwischen Sprache und Sprachlosigkeit. Zur Besprechung.

4. Bernard Haitink: Abschiedskonzert (2019)
Mit 90 Jahren hat sich der niederländische Dirigent Bernard Haitink vom Podium verabschiedet, mit einem Konzert beim Lucerne Festival. Es war der Abschluss einer besonderen Karriere: Haitink hat nie eine Revolution angestossen, er hat keine Markenzeichen entwickelt, keine Starallüren gepflegt – und war dennoch unbestritten einer der ganz Grossen. Wer dieses Abschiedskonzert mit Bruckners Sinfonie Nr. 7 gehört hat, weiss, warum. Zur Besprechung.

3. Cecilia Bartoli: «Salieri Album» (2003)
Den Komponisten Antonio Salieri lernte die breite Öffentlichkeit in Milos Formans Kultfilm «Amadeus» kennen – als verbitterten, neidischen Kleinmeister. Cecilia Bartoli sorgte dafür, dass man seine musikalischen Qualitäten entdecken konnte. Und sie erfand sich dabei auch gleich selber neu: Als Starsängerin, die fern der Hitparaden vergessenes und verkanntes Repertoire erschliesst. Erfolgreich, bis heute. Cecilia Bartoli in Zürich: Die Besprechung.

Cecilia Bartoli singt Salieris «Son qual lacera tartana». Video: Youtube

2. György Kurtág: «Fin de partie» (2018)
Wird er es schaffen? Wird der ungarische Meister der musikalischen Miniatur seine lange geplante abendfüllende Becket-Oper vollenden? Die Skepsis wuchs mit jeder Verschiebung des Termins – aber dann kam es doch zur Uraufführung an der Scala. Und zu einem Aha-Erlebnis in Sachen musikalischer Präzision: Schon das auskomponierte Gähnen in den ersten Minuten war die Reise nach Mailand wert. Zur Besprechung.

1. Die Zugaben (2019)
Veränderungen beginnen an den Rändern, in den klassischen Konzerten also bei den Zugaben. Lange gab es dafür zwei Möglichkeiten: Die Solisten zauberten etwas Hochvirtuoses oder versenkten sich in etwas Inniges (gern von Bach). Inzwischen hört man auch Klezmer und finnische Volksmusik, Selbstkomponiertes und Selbstarrangiertes. Es gibt Solisten, die das Publikum singen lassen, andere erzählen etwas oder jammen mit der Orchesterkontrabassistin. Und das Schönste ist, dass sie den Tschaikowsky oder Beethoven davor immer noch können. Zweifellos: Das sind gute Aussichten fürs nächste Jahrzehnt.

Diese Auswahl und ihre Reihenfolge ist natürlich subjektiv. Welche Musik hätten Sie gewählt? Bitte unten eintragen.


Hier finden Sie alle unsere Top 20

Erstellt: 01.12.2019, 11:12 Uhr

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