Die grosse Melancholie

Lange hat man gewartet auf das Opernhaus-Debüt von Christoph Marthaler. Nun hat er «Sale» präsentiert, ein Projekt mit Händel-Arien. Das Premierenpublikum buhte nicht ganz zu Unrecht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schön schäbig: Die Abkömmlinge der Warenhaus-Dynastie in «Sale» tragen Teppichmuster. Foto: Toni Suter, Tanja Dorendorf

Es gibt sie, die grossen Momente. Etwa wenn der Countertenor Christophe Dumaux «Ah, sì, morrò!» singt, und alle anderen stehen neben ihm und sprechen den Text stumm mit. Jeder wird sterben. Irgendwann biegen sie dann alle wieder auf ihre eigene Spur ein, plappern oder dozieren tonlos – oder schweigen. Jeder stirbt anders.

Zwischen solchen Momenten ertappt man sich allerdings immer wieder beim Gedanken: Hätte Marthaler doch eine Oper inszeniert! Seine Projekte kennt man ja in Zürich (und viele von ihnen waren sehr schön); aber seine Operninszenierungen fanden bisher anderswo statt. «La Traviata» und «Wozzeck» in Paris, «Tristan» in Bayreuth, «Die Sache Makropoulos» in Salzburg: Sie alle waren eine Reise wert. Weil die Inszenierungen sehr marthalerisch waren, sich aber gleichzeitig präzis und unangestrengt nach den Vorgaben der Musik richteten. Es waren unvoreingenommene, liebevolle Sichten auf Opernhits, die man so noch nie gesehen hatte, aber gerne häufiger sehen würde.

Eine Oper hätte es auch werden sollen, wenn es nach dem Intendanten Andreas Homoki gegangen wäre. Eine Händel-Oper. Aber Marthaler konnte mit den Rezitativen nichts anfangen und beschloss darum, in guter barocker Pasticcio-Manier Arien, Duette und Terzette aus verschiedenen Händel-Opern und -Oratorien zu kombinieren. Oder eben: wieder mal ein Projekt zu realisieren.

Schon wieder die Rolltreppe

Die Idee ist verführerisch, denn natürlich findet sich die schönste HändelMusik in den Arien. Aber sie ist auch gefährlich – denn in den Rezitativen findet sich die Handlung. Sie führen von einem Seelenzustand in den nächsten, von der Wut zur Trauer zum Jubel. In den Arien steht die Zeit dagegen still, da sind die Figuren allein mit sich, ihren Gefühlen, ihrer Musik.

Nun ist Christoph Marthaler zweifellos ein Meister solcher Tableaus, keiner hält den Stillstand so virtuos in Bewegung wie er. Allerdings, das fällt auch in «Sale» auf, wiederholen sich seine Tricks: das kollektive Einschlafen im Stehen, die nervösen Ticks, der Rolltreppen-Slapstick – das ist immer wieder schön, immer wieder lustig. Aber für einen zweistündigen Theaterabend braucht es etwas, das die Figuren und ihre Launen zusammenhält.

Einen Rahmen also – das ist in diesem Projekt ein Warenhaus in der Phase der Totalliquidation. Auf grellorangen Schildern stehen reduzierte Preise, die rein zufällig verteilt werden, es spielt ja keine Rolle mehr. Telefonapparate, Spielzeug und Waschmittel gibt es noch in den Gestellen, und auf Wühltischen liegen Foulards, denen man Anna Viebrocks Vergnügen bei der Auswahl möglichst geschmackloser Exemplare ansieht.

Denn natürlich ist auch sie mit von der Partie bei «Sale», und die Ausstatterin ist beim Entwurf dieser WarenhausSchäbigkeit zu grosser Form aufgelaufen. Da gibt es ein nicht mehr ganz sauberes Oberlicht, eine Rolltreppe, die nirgendwohin führt – und einen Teppich, dessen grauenvolles braun-beiges Muster sich nicht nur auf den Stoffballen in den Regalen wiederholt, sondern auch bei den Kleidern der Frauen und Männer, die sich in diesem Raum versammelt haben. Sie tragen das Muster als Krawatte oder als Futter in der Pelzjacke, und wer das Programmheft gelesen hat, weiss warum: Sie werden als Abkömmlinge der einst so glamourösen Warenhausbesitzer-Dynastie wohl Rabatte gekriegt haben.

Wer das Programmheft nicht gelesen hat, dürfte sich über die Identität dieser Personen allerdings den Kopf zerbrechen, und das ist das Hauptproblem dieses Projekts. Wer sie sind, warum sie sich hier befinden – das erschliesst sich nicht aus dem Bühnengeschehen. Und warum einer von ihnen, der grosse Graham F. Valentine, immer wieder Passagen aus Edgar Allan Poes Erzählung «Die Maske des roten Todes» ins Mikrofon beim Kassentisch spricht, bleibt ebenfalls rätselhaft ohne die Erklärungen des Dramaturgen Malte Ubenauf (auch bei Poe schotten sich die Reichen ab gegenüber dem Volk, auch bei ihnen kommt der Tod genauso unvermeidlich wie die Schliessung in diesem Warenhaus).

Der Dirigent singt gut

Immerhin, dass hier etwas zu Ende geht – das bekommt man mit. Auch wenn man sich amüsiert, wenn die Schnäppchenjäger in den Raum hereinbrechen, oder wenn per Lautsprecher mitgeteilt wird, dass «le petit Georg Friedrich» seine Maman suche: Die Grundstimmung ist melancholisch. Hinreissend melancholisch, vor allem, wenn Anne Sofie von Otter singt; ihr Mezzosopran schillert und leuchtet und überstrahlt dabei die Stimmen der anderen Damen, was nicht ganz fair ist: Auch Malin Hartelius und Tora Augestad sind grossartige Händel-Sängerinnen. Noch schwerer haben es die schauspielernden Mitglieder der Marthaler-Familie, Catriona Guggenbühl, Ueli Jäggi und andere. Sie singen nur in den Chören mit, sind szenisch oft unterbeschäftigt und bleiben damit ungewöhnlich blass.

Gar nicht blass ist dagegen die Musik. Es braucht weder Übertitel noch Erklärungen, um zu verstehen, dass sie von Verlust und Abschied erzählt, von Erinnerungen und unerfüllbarer Sehnsucht. Dafür sorgt der englische Dirigent Laurence Cummings, auch er ein Debütant an diesem Haus. Entspannt und kompetent führt er das Orchestra La Scintilla durch den Abend, mal in grosser Besetzung, dann wieder nur mit Laute und Violoncello. Der Klangteppich, den er den Sängern ausrollt, ist alles andere als braun-beige.

Auch Cummings trägt übrigens ein Hemd im Warenhausdesign, man sieht es, wenn er sich plötzlich gegen das Publikum wendet – und zum Sänger wird: «Comfort ye my people» singt er, man hört und staunt (und schmunzelt, weil das Stück eine schöne Pointe setzt bei dem verzweifelten Chaos, das davor auf der Bühne geherrscht hatte).

Es ist die einzige Tenorarie in diesem Programm – und das ist ein weiteres Problem des Abends. Auch in Händel-Opern gibt es ja wegen der damaligen Vorliebe für Kastraten einen Überhang an hohen Stimmen, und Marthaler verstärkt das noch mit seiner Arienauswahl. Das wirkt umso eintöniger, als sich die Gefühlslagen der Arien ähneln. Nur einen einzigen Wutausbruch gibt es, einen sehr schönen immerhin, Christophe Dumaux wirft da mit Socken und Koloraturen um sich, dass es eine Freude ist. Und das Kontrastprogramm mit der triumphalen Ouvertüre der «Feuerwerksmusik» am Ende kommt zu spät, als dass sich das ungehaltene Premierenpublikum (das zweifellos kein Marthaler-Publikum ist) noch hätte umstimmen lassen.

So bleibt: die Erinnerung an wunderbare, wunderbar interpretierte Musik und ein paar hübsche Einfälle. Und die Hoffnung, dass Marthaler bald als Opernregisseur wieder kommt.

Erstellt: 06.11.2012, 07:48 Uhr

Schön schäbig: Die Abkömmlinge der Warenhaus-Dynastie in «Sale» tragen Teppichmuster. (Bild: Toni Suter, Tanja Dorendorf )

Artikel zum Thema

Opernhaus, cool

Der neue Opernhaus-Intendant Andreas Homoki will die Oper näher ans Volk bringen. Am Samstag gab er vor grossem Publikum seinen Einstand. Mehr...

Opernhaus Zürich engagiert umstrittenen Sänger

Jewgeni Nikitins Hakenkreuz-Tätowierung hatte in Bayreuth für rote Köpfe gesorgt. Der neue Zürcher Operndirektor Andreas Homoki sieht diese dagegen nicht als Problem: Er hat den Bariton engagiert. Mehr...

«Ich glaube nicht an Theaterblut»

In knapp zwei Wochen startet der neue Opernhaus-Intendant Andreas Homoki in seine erste Saison. Beim TA-Podium sprach er über Wagners Visionen – und seine eigenen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Natürliche Kunst: Douglas Ciampi aus Massachusetts steht neben einer eisbedeckten Antenne auf dem Gipfel des Mount Washington. (24. Februar 2020)
(Bild: Robert F. Bukaty) Mehr...