Ex-Opernhaus-Chefdirigent hat einen neuen Job – trotz #MeToo

Wenige Monate nach seiner Entlassung in Amsterdam wird Daniele Gatti Chefdirigent der römischen Oper.

Daniele Gatti tritt sein Amt in Rom bereits am 1. Januar 2019 an.

Daniele Gatti tritt sein Amt in Rom bereits am 1. Januar 2019 an. Bild: Keystone

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Der «Rigoletto», mit dem Daniele Gatti vor ein paar Tagen die Opernsaison in Rom eröffnet hat, war ein Triumph: jubelndes Publikum, begeisterte Medien. Und nun konnte er auch noch einen Vertrag unterzeichnen, der weit mehr ist als nur ein Vertrag. Eine Revanche nämlich, eine Rehabilitation.

Noch vor wenigen Monaten sah es nicht gut aus für Gattis berufliche Zukunft. Denn der allseits gefragte Dirigent – der von 2009 bis 2012 auch als Chefdirigent am Zürcher Opernhaus gewirkt hatte – war in den #MeToo-Strudel geraten. In der «Washington Post» warfen ihm zwei Sopranistinnen vor, sie in den Jahren 1996 respektive 2000 belästigt zu haben. Beim Amsterdamer Concertgebouw Orchestra, dessen Chefdirigent Gatti seit 2016 war, startete man darauf eine Umfrage – und weil es offenbar Musikerinnen gab, die «unangemessenes Verhalten» meldeten, wurde der 57-jährige Italiener im vergangenen August fristlos entlassen.

Gatti hat die Vorwürfe vehement bestritten, sich entschuldigt für den Fall, dass sich tatsächlich jemand belästigt gefühlt haben sollte, und eine Klage gegen das Concertgebouw angekündigt. Seither hört man nichts mehr, von keiner Seite.

Oder wenigstens nichts Aussermusikalisches. Denn Gatti dirigiert längst wieder: Schliesslich liegt juristisch nichts vor gegen ihn, da wäre es teuer für die Orchester, aus bestehenden Verträgen auszusteigen. Diese Verträge reichen weit in die Zukunft, und sie sind illuster. So soll Gatti ab 2020 in Bayreuth während fünf Jahren einen neuen «Ring des Nibelungen» dirigieren: Mehr Ehre geht nicht.

Win-win-Situation

Die Ernennung in Rom ist nun aber ein anderer Fall. Zwar war der «Rigoletto» längst vereinbart; aber die Wahl zum Chefdirigenten (für drei Jahre, bereits ab Januar 2019) war nur möglich, weil Gatti frei war. Will heissen: Was immer in Amsterdam passiert sein mag – falls überhaupt etwas passiert ist –, spielte für diese Entscheidung keine Rolle. Gatti gilt als wählbar, seine Karriere kann weitergehen. Auch dort, wo es keine alten Verträge gibt.

Das Resultat ist nun eine klassische Win-win-Situation. Gatti ist glücklich zurück im Geschäft – zwar nur an der zweiten italienischen Adresse neben der Mailänder Scala, aber immerhin. Und auch die Römer dürften mehr als zufrieden sein. Einen Dirigenten von Gattis Kaliber hätten sie unter normalen Umständen kaum verpflichten können. Und dafür, dass ihm niemand mehr «unangemessenes» Verhalten vorwerfen kann, wird er zweifellos besorgt sein.

Denn spurlos sind die vergangenen Monate nicht vorübergegangen: Kurz nach der Meldung zur Ernennung kam gestern jene, dass Gatti nach einer Herzrhythmusstörung einige Aufführungen absagen müsse. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.12.2018, 20:46 Uhr

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