Drama! Oder doch Komödie?

In der Tonhalle fand am Mittwoch der 3. Internationale ­Filmmusikwettbewerb statt. Hans Zimmer wurde dabei für sein Lebenswerk geehrt.

Erhielt den Lifetime Achievement Award: Filmkomponist Hans Zimmer. Foto: PD

Erhielt den Lifetime Achievement Award: Filmkomponist Hans Zimmer. Foto: PD

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Wenn die Einkaufswagen durchdrehen, gibt es kein Entkommen, jedenfalls nicht in Axel Tillements Kurzfilm «Maximall». Über den nächtlichen Parkplatz, durch die Mall, aufs Dach hinauf führt die Flucht, am Ende winden sich die Wägeli-reihen wie die Schlaufen eines Bildschirmschoners um den Jüngling. Und es herrscht Grabesstille. Oder: Die Spannung entlädt sich in einem letzten bombastischen Fortissimo. Oder: Zum Abspann gibts Zirkusmusik.

Ist der Film ein Drama? Oder doch eher eine schwarze Komödie? Wenn man ihn mit verschiedenen Soundtracks unterlegt, wird klar, wie sehr die Musik die Antwort beeinflusst. 231 Vorschläge aus aller Welt waren eingereicht worden für den 3. Internationalen Filmmusikwett­bewerb, den das Zurich Film Festival zusammen mit dem Tonhalle-Orchester und dem Forum Filmmusik durchführt. Fünf wurden unter der kompetenten Leitung von Frank Strobel im Finale gespielt. Und sie klangen so unterschiedlich, wie Filmmusiken für grosse Orchesterbesetzung eben klingen können.

Solange es um die Verfolgungsjagd ging, waren sich zwar alle einig: Da waren vor allem die Blechbläser gefragt, und wenn man nicht an Wagners «Walkürenritt» herankam, so schaffte man es doch in die klangliche Nähe von «Star Wars». Ansonsten reichten die Inspirationsquellen von Strawinsky bis zur Werbemusik, zwischen den Supermarkt-Wohnwänden gabs gutbürgerliche Klavier- oder Kammermusik, und je länger der vorwiegend laute Abend dauerte, desto deutlicher kristallisierte sich der Umgang mit der Stille als entscheidendes Kriterium für die Qualität einer Filmmusik heraus.

Elektronik und Exotik

Wer weiss, was Hans Zimmer den jungen Kolleginnen und Kollegen (darunter der Zürcher Matteo Pagamici als einziger Schweizer) geraten hätte. Er beschränkte sich, nachdem ihm Karl Spoerri den Lifetime Achievement Award überreicht hatte, aufs Wesentliche: nämlich den Rat, wegzuhören, wenn wohlmeinende Zeitgenossen vor einer schwierigen Karriere warnen. Filmmusik sei kein Job, sondern das Leben, rief Zimmer in den aufbrandenden Applaus. Dann setzte er sich ans Klavier für ein Arrangement seiner «Inception»-Musik und führte vor, wie man mit vier Akkorden über fünf Minuten eine Steigerung aufbaut, die im Timing ebenso exakt ist wie Ravels «Boléro».

Auch die übrigen Ausschnitte aus «Gladiator», «Driving Miss Daisy» oder «The Lion King» zeigten, wie sehr Zimmer das Handwerk beherrscht. Er weiss, wie ein Sonnenaufgang klingt, wie eine Heuchelei; er hat die Orchestermassen im Griff und mischt ihnen geschickt und drehbuchbezogen Elektronik oder Exotik bei; und so eklektisch er mit Stilen jongliert, so unverkennbar ist sein Stil.

Darum liebt ihn das Publikum, darum drängten viele in die restlos ausverkaufte Tonhalle, die sonst kaum dort anzutreffen sind («Das ist ja eine Superhalle», fand einer). Man nahm die Bierflasche für einmal mit in den Saal, Pärchen kuschelten wie im Kino, und Eva Wannenmacher sorgte mit ihrer zügigen Moderation dafür, dass man sich nach der Standing Ovation auch wieder setzte.

Zuletzt war dann noch der Gewinner des mit 10'000 Franken dotierten «Goldenen Auges» zu küren: Leeran Z. Raphaely heisst er, ist 24 Jahre alt, kommt aus New York und hat in fast schon zimmerscher Manier das Thema des Films zum Thema seiner Filmmusik gemacht. Ein Werbeliedchen bestimmt seine Partitur, als scheppernde Lautsprecher-Einspielung und in instrumentalen Verfremdungen; selbst in der Actionmusik zum finalen Angriff lässt sich eine Variation ausmachen. Und wenn die Einkaufswagen gesiegt ­haben, kommt die Melodie nochmals, heiter, harmlos, mit Piccolo und Streichern. Willkommen in der Maximall! Raus kommt hier keiner mehr! Auch das kann ein ­Soundtrack vermitteln.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 18:13 Uhr

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